Die Tochter ist zweimal das Opfer

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Ein Mann hat sich an seiner 13-jährigen Tochter vergangen. Dafür verurteilte ihn das Schöffengericht am Donnerstag zu einer Haftstrafe – gegen den Willen seiner Tochter.

"Es tut mir alles so leid", sagte G. nach dem Ende der Beweisaufnahme. "Das war nicht wirklich ich", hatte er schon bei der Polizei geäußert, als er gestand, in der Wohnung der Familie in einer Gemeinde im Gmünder Raum mit seiner Tochter Sex gehabt zu haben. Und: "Ich habe es hinterher immer bereut". Aus dieser Formulierung schloss das Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Klaus Mayerhöffer, dass der Missbrauch mehrfach geschehen war. Von mindestens 20 Fällen ging Staatsanwalt Ulrich Karst in der Anklage aus. Dass es mindestens zwei Mal geschehen ist, davon waren die Richter am Ende der Verhandlung überzeugt und verurteilten den den 40-jährigen Angeklagten zu drei Jahren Haft. Damit gingen sie nicht nur über die Forderung des Verteidigers Achim Wizemann, sondern auch über die des Staatsanwalts hinaus. Selbst die Nebenklagevertreterin Amely Schweizer, die die Interessen der Tochter im Prozess vertrat, sprach sich gegen eine Haftstrafe aus. Die Tochter wolle nicht, dass ihr Vater ins Gefängnis muss. "Sie möchte, dass alles wieder in Ordnung kommt." Die schulischen Leistungen der Tochter und ihres zwei Jahre jüngeren Bruders seien, nachdem der Vater aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war, völlig eingebrochen. Nachdem der Vater mit Zustimmung des Jugendamtes wieder zu der Familie zurückgekehrt ist, hätten sich ihre Schulnoten enorm verbessert. Das bestätigte auch die Psychotherapeutin Anne Lipps, die den Täter therapiert. Ihrer Überzeugung nach wäre es sehr schädlich für die Tochter und den Sohn, wenn G. nicht die Möglichkeit hätte, sich wieder in der Familie zu erproben. Eine Haftstrafe für den Vater, sagte Lipps, "wäre ganz fatal für die Kinder". Insbesondere die Tochter würde sich für die Folgen einer Verurteilung verantwortlich fühlen. Diese Folgen malte der Kripobeamte, der den Fall ermittelt hatte, im Zeugenstand aus. Zwar habe G.'s Ehefrau, als sie von dem Missbrauch erfuhr, zusammen mit ihrer Tochter Anzeige erstattet. Später sei ihr aber offensichtlich klar geworden, dass sie, wenn "der Ernährer" der Familie in Haft kommt, die Eigentumswohnung nicht halten könnte und letztlich mit ihren beiden Kindern wohl zurück in ihr Geburtsland ziehen müsste. Also eine Strafaussetzung zur Bewährung im Interesse aller? Das Gericht verhängte dennoch eine dreijährige Haftstrafe, die nicht mehr ausgesetzt werden kann. Dass die Folgen für die Familie schlimm sind, dessen seien sich die Richter bewusst, sagte Klaus Mayerhöffer in seiner Urteilsbegründung. Aber diese Folgen seien bedingt durch die Tat und die sei ebenfalls schlimm. Mindestens zwei Mal, davon war das Gericht überzeugt, habe G. seine Tochter missbraucht und damit das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Vater und Tochter "brutalst ausgenutzt". Die Reue, die der Angeklagte zeige, sei nicht sehr überzeugend, sonst hätten nicht Mutter und Tochter das Verbrechen anzeigen müssen. G. ist zwar nach der Tat aus eigenem Antrieb zuhause ausgezogen und hat sich in Psychotherapie begeben. Doch habe er bei der Aufklärung des Falles nur das zugegeben, was nicht zu bestreiten war, sagte Mayerhöffer. Die Tochter sei in doppeltem Sinne Opfer: Sie war das Opfer des Missbrauchs und sehe sich nun auch noch verantwortlich "für die Katastrophe, die über die Familie hereinbricht".

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