Ein Sturm schaltet das Licht aus

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Mehrere Bäume fielen in Degenfeld auf die Mattenschanze. Das Liftgebäude wurde durch den Sturm regelrecht zerlegt. Fotos: GT-Archiv
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Im Januar 1995 erlebte der Gmünder Raum den schlimmsten Orkan seit Jahrzehnten.

Schwäbisch Gmünd

Eine Kaltfront überquert heute Abend von Nordwesten her unser Land. So  sagte der Deutsche Wetterdienst  die  meteorologische Lage  in Baden-Württemberg für den  26. Januar des Jahres 1995 voraus. Der Himmel sei bedeckt mit  wiederholtem Regen bei Temperaturen von 9 bis 13 Grad, nachts komme  von Norden her wechselnde Bewölkung mit Schauern auf, gegen Morgen gebe es Glättegefahr. „Lebhafter Wind mit lokalen Sturmböen“  sagte der Wettbericht vorher. Am Freitag, 27. Januar, meldete die Gmünder Tagespost: „Gestern Abend – verheerender Sturm legt  den Schwäbisch Gmünder Raum lahm“.

In der Tat hatte das Wetter damals die ganze Bandbreite seiner Möglichkeiten gezeigt. An jenem Donnerstag war die Lufttemperatur in Gmünd  auf 15 Grad angestiegen, am Abend folgten der Wärme ein heftiges Gewitter und schwerer Sturm.  Die  Bilanz war erschreckend: In weiten Teilen des Stadtgebiets fiel der Strom  aus, Bargau und Teile Bettringens lagen mehrere Stunden im Dunkeln. Zahlreiche Straßen waren durch  umgestürzte Bäume blockiert, Dächer wurden abgedeckt. „So ziemlich alle großen Straßen“ seien nicht mehr passierbar gewesen, so beschrieb ein Beamter des Polizeireviers  die Lage an jenem Abend.  An der Kreuzung Parler-/Goethestraße  wurde ein Auto; das die Kreuzung überqueren wollte,  von einem Baum bedeckt. Der Fahrer blieb, wie übrigens alle anderen Betroffenen des  Unwetters in Gmünd auch, unverletzt.  Straßenmeistereien und Feuerwehren rückten mit allen verfügbaren Kräften aus. Auch das Technische Hilfswerk war im Einsatz. Besonders rasch war die Feuerwehr vor Ort. Das hatte seinen Grund: Als der Sturm losbrach, waren zahlreiche Feuerwehrleute zu einer Fortbildung im Florian und so ganz nah bei den Einsatzfahrzeugen.

Dachstuhl abgerissen

Das Unwetter war von Western her das Remstal heraufgezogen. Der Lorcher Raum kam dabei offenbar glimpflich davon: Laut Bürgermeister Werner Steinacker musste die Feuerwehr dort nur zu kleineren Schäden ausrücken, die B 297 konnte nach einer Blockade rasch wieder freigemacht werden. Heftiger blies der Sturm östlich von Gmünd: In Böbingen wurde an einem Haus der komplette Dachstuhl  abgerissen.

„Einen Orkan dieser Stärke hat der Gmünder Raum seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt“  meinte der Berichterstatter, der am Samstag einen Überblick über die Sturmschäden geben konnte.  Der Schaden ging in die Millionen,  die Polizei konnte die Zahl der Einzelschäden nicht einmal mehr abschätzen.  Mehrere hundert Dächer wurden beschädigt zahlreiche Autos von Bäumen, Ästen oder herabfallenden Ziegeln getroffen. Die Telefone der Dachdeckerbetriebe im Gmünder Raum standen nicht mehr still. „Wir können nur noch Zettel sortieren“, sagte die Chefin einer Firma. Sie hatte alleine bis Freitagnachmittag rund 200 Anrufe registriert. Und sie gab Passanten den guten Rat, vorerst nicht unter Dachkanten zu gehen. Noch immer bestand die Gefahr, dass sich gelockerte Ziegel durch einen Windstoß lösen und herabstürzen. Die erste Sorge der Dachdecker galt Dächern, unter denen Wohnraum ist.

Auch am Heilig-Kreuz-Münster hatte der Sturm  Teile des  Dachs über dem Westprotal abgedeckt An der Spitze der Johanniskirche hatten die Böen den Wetterhahn abgeknickt. Schäden wurden auch  an den Dächern von Schmiedturm, Rinderbacher Turm und St.Leonhard  festgestellt. Die Hochspannungsstation in der Reutestraße war durch Blitzschlag und Überspannung  völlig zerstört worden.  Rathaussprecher Helmut Ott nannte eine Schadenssumme von 200 000 Mark.  Der Schaden in dieser Station führte auch zu den teils stundenlangen Stromausfällen in verschiedenen Stadtteilen. Die Stadtwerke rechneten damit, bis Montag mit der Behebung der Schäden beschäftigt zu sein. In Degenfeld hatte der Wind das Liftgebäude an der Winterhalde regelrecht zerlegt.  Teile des Gebäudes flogen in die Hochspannungsleitung und sorgten für Stromausfall.

Andernorts Hochwasser

Andernorts blieb es nicht bei Sachschäden: In Göppingen wurde ein 25-jähriger Fußgänger  schwer verletzt, als eine  vom Sturm gelöste, etwa zwölf Quadratmeter große Glasscheibe vom dritten Stock eines Hauses fiel und neben ihm  auf den Boden krachte. Landesweit registrierte die Polizei 13 Verletzte in der Orkannacht, die Versicherung rechnete mit immensen Sachschadensmeldungen wegen Sturm und Hochwasser.

Indessen spitzte sich die Hochwasserlage an zahlreichen großen Flüssen im Bundesgebiet  nach immer neuen sintflutartigen Regenfällen  zu. Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr wurden eingesetzt, um einen besseren Überblick über die Lage am Rhein zu bekommen. Bundesumweltministerin Angela Merkel machte  menschliche Eingriffe in die natürlichen Flusssysteme  zumindest mitverantwortlich für diese Lage.

Hunderte Dächer wurden durch den Sturm beschädigt oder abgedeckt. Passanten wurden gewarnt, unter Dachkanten zu gehen.
Der Sturm mit einer Stärke von weit über 100 Stundenkilometern hatte selbst den Wetterhahn auf der Johanniskirche umgeknickt.

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