Krieg „für den Westen ein Weckruf“

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Rüdiger von Fritsch mit Ferdinand Brenner und Alina Braun. Der frühere Botschafter in Moskau und heutige Bürger Gmünds stellte im Prediger sein Buch „Zeitenwende“ über Putins Krieg und dessen Folgen vor.
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Der frühere Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, stellt im Gespräch mit Parler-Schüler Ferdinand Brenner und Journalistin Alina Braun sein Buch „Zeitenwende“ über Putins Krieg vor.

Schwäbisch Gmünd. Die meisten Gmünder kennen ihn eher vom Fensehen denn von einer Begegnung in der Stadt: Rüdiger von Fritsch, von 2014 bis 2019 Botschafter Deutschlands in Russland, ist ein gefragter Gesprächspartner. Vor wenigen Wochen ist sein Buch „Zeitenwende“ erschienen. In diesem erzählt von Fritsch von seinen Begegnungen mit Wladimir Putin. Was diesen antreibt, was ihn stoppen könnte. Darüber hat von Fritsch am Dienstgagabend mit SWR-Journalistin Alina Brenner und dem Parler-Gymnasiasten Ferdinand Brenner gesprochen. Im Prediger vor gut 300 Zuhörern, die zunächst Oberbürgermeister Richard Arnold begrüßte. Er wies dabei darauf hin, dass inzwischen 835 registrierte Ukrainer in Gmünd lebten, darunter 350 Kinder. Unter diesen 16 Waisenkinder, von denen wiederum elf Kriegswaisen sind. Arnold freute sich darüber, dass es mit Hilfe von Bürgern gelungen sei, alle privat unterzubringen.

Auch dieses „bürgerschaftlichen Geistes“ wegen lebten er und seine Frau in Gmünd, begann von Fritsch, einst Schüler des Parler-Gymnasiums, eine kleine Lesung aus dem Buch. Vier Fragen behandelt der frühere Botschafter in diesem: was für ein Land Russland sei, wie Russland funktioniere und wie‘s deshalb zum Krieg kam, wie der Krieg enden können und welche Folgen er habe.

Rüdiger von Fritsch zu Russland: Alle Macht gehe von Putin aus, sagt der Botschafter a.D., es herrsche Ordnung im Land, nicht der Verfall des Westens, beschreibt von Fritsch, wie die russischen Bürger ihr Land sehen. Dabei gebe es kaum ein Land, in dem die Schere zwischen arm und reich so weit auseinander klaffe wie in Russland. Und „Angst und Bestechung sind Herrschaftsinstrumente“, sagt von Fritsch.

von Fritsch zu den vergangenen 30 Jahren: Der Westen und Russland würden ganz unterschiedlich bewerten, was seit der Wende geschehen ist. Staaten des Ostens, wie Polen oder Ungarn, hätten sich auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, nicht nochmal Opfer des Imperialismus zu werden. Mit dem Zerfall der Sowjetunion sei das alte russische Reich zerbrochen. „Darunter leidet Putin heute noch“, sagt von Fritsch.

von Fritsch zum Verhältnis Russland-Deutschland: Deutschland habe die schwierige Interessenslage Russlands gut erkannt. „Es war richtig, zu versuchen, Russland einzubeziehen“, sagt der frühere Botschafter. Denn „Sicherheit durch Verflechtung ist der richtige Weg“. Dazu brauche es die Bereitschaft beider Seiten. Am 24. Februar jedoch habe Putin den Dialog durch Konfrontation ersetzt. Am 14. Februar noch habe Bundeskanzler Olaf Scholz betont, dass ein Nato-Beitritt der Ukraine kein Thema sei. Dennoch habe Putin wenige Tage später die Ukraine angegriffen, „auch um die internationale Ordnung zugunsten Russlands zu ändern“.

von Fritsch über Putin: Man dürfe Wladimir Putins Handeln nicht als irrational erklären. „Er folgt einer anderen Rationalität“, sagt von Fritsch. Er sei in einen „großimperialen Reflex zurückgefallen. Von Fritsch betont: „Putins Herrschaft wird nicht von der Nato bedroht, sondern von Freiheit und Demokratie.“

Ferdinand Brenner zur Wahrnehmung Putins und des Krieges durch junge Menschen: Der Schüler sieht zwei Gruppen: junge Menschen, die sich nicht interessieren. Dies sei die größere Gruppe. Dann junge Menschen, die sich informieren. Sie hielten Wladimir Putin für einen Menschen, mit dem man nicht mehr reden könne. Er habe das Vertrauen der jungen Menschen verloren.

von Fritsch zum Dialog: Es sei richtig, dass das Gespräch nicht mehr möglich sei, sagt von Fritsch. Und weist trotzdem darauf hin, dass „die Politik Ordnung in die Konfrontation bringen muss“.

von Fritsch zur weiteren Entwicklung: Der Botschafter sieht zwei Tendenzen: Russland eskaliert den Krieg, entschlossen, sich durchzusetzen. Gleichzeitig sei die Ukraine nicht bereit, aufzugeben. Dies könne zu einem Patt führen und zu der Frage, „wer den stärkeren Hebel hat“. Aktuell sage Selenskyi, der Krieg werde nicht enden, bevor die Ukraine ihr ganzes Land zurückhabe. Putin hingegen habe sich am Anfang verschätzt, dann auch Zivilisten angegriffen und eskaliere den Krieg nun durch eine Hungerkrise. Putin versuche, Migrationsströme auszulösen.

von Fritsch zu Putin und Russland: Putin habe mit dem Krieg etwas Erstaunliches getan. „Er hat seinem Land Schaden zugefügt.“ Denn Finnland und Schweden wollten in die Nato, Russland gerate in die Abhängigkeit von China, und der Westen sei geschlossener denn je.

von Fritsch zur internationalen Ordnung: Diese werde sich nicht so sehr verändern, ist der frühere Botschafter überzeugt. Der Westen stehe zusammen, der Süden werde aufholen, China werde seine Dynamik forsetzen, doch Putin habe sein Land aus dieser Ordnung herausgenommen. Für den Westen allerdings sei dies ein Weckruf. Die Europäer, größte Handelsmacht der Welt, müssten zusammenstehen, militärisch handlungsfähiger werden.

Rüdiger von Fritsch, Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen, aufbau Verlag, 176 Seiten, 18 Euro.

Rüdiger von Fritsch
Der frühere Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, stellt im Gespräch mit Parler-Schüler Ferdinand Brenner und Journalistin Alina Braun sein Buch „Zeitenwende“ über Putins Krieg vor.
Der frühere Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, stellt im Gespräch mit Parler-Schüler Ferdinand Brenner und Journalistin Alina Braun sein Buch „Zeitenwende“ über Putins Krieg vor.
Viele Zuhörer sind gekommen.
Viele Zuhörer sind gekommen.

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