Wie Erinnerung heute noch konkret sein kann 

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Vertreterinnen und Vertretern des Gemeinderates und Mitglieder des Arbeitskreises Erinnerungskultur haben zusammen mit OB Arnold (rechts vom Kranz) und Stadarchivar Dr. Niklas Konzen (links daneben) einen Kranz an der Gedenktafel in der Bocksgasse nieder
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Für die Opfer des Nazi-Terrors legt Oberbürgermeister Richard Arnold einen Kranz an die Gedenktafel am Gmünder Prediger – Ausstellung in der VHS zeigt Details eines bürokratischen Raubzugs.

Schwäbisch Gmünd

Es gibt diese Bedenken, dass die Erinnerung an die NS-Zeit langsam zum leeren Ritual wird – durch die Wiederholung jedes Jahr; dadurch, dass die letzten Zeitzeugen bald nicht mehr leben werden. Der Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold scheint dieser Gefahr begegnen zu wollen – indem er das Erinnern konkret macht, weil er es auf diese Stadt bezieht: „Was in unserer Stadt vorgefallen ist“, darum gehe es auch an diesem Tag. Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, er erinnert an die Befreiung des  Konzentrationslagers Auschwitz vor 77 Jahren.

„Erinnerung vollzieht sich im Kleinen“, sagt Richard Arnold. Auf der bronzenen Tafel an der Außenwand des Predigers stehen die Namen von 50 Menschen. Gmünderinnen und Gmünder, von  denen man weiß, dass die Opfer waren des nationalsozialistischen Terrors: Karola Einstein und Gerhard Feuerle und Abraham Kahn und Barbara Waldenmaier und 46 andere. 

Um an sie zu denken und die vielen anderen Opfer haben sich  Vertreterinnen und Vertretern des Gemeinderates und Mitglieder des Arbeitskreises Erinnerungskultur am Donnerstag an der Gedenktafel versammelt, zusammen mit OB Arnold und Dr. Niklas Konzen, dem Leiter des Gmünder Stadtarchivs. 

Raub im Bürokraten-Deutsch

Sehr konkret wird auch eine Ausstellung, die einige hundert Meter entfernt von der Gedenktafel zu sehen ist: Wie die Vernichtung einer Gruppe von Menschen in schwäbischen Städten wie Gmünd angefangen hat, das zeigt die Ausstellung „Ausgrenzung, Raub, Vernichtung“ in den Räumen der Gmünder Volkshochschule am Münsterplatz. Sie zeigt in vielen Dokumenten, wie Bürokraten in Behörden und Finanzämtern die Juden in Württemberg und Hohenzollern ihres Besitzes beraubt haben. Auf einem amtlichen Formular von 1942 mit Vorgangsnummer erklärt der Oberfinanzpräsident Württemberg, „das Vermögen der Jüdin Luise Ottenheimer zugunsten des Reiches eingezogen“ zu haben. Weiter steht auf dem Blatt: „Art des Gegenstands: 1 Bodenteppich  zweieinhalb mal dreieinhalb Meter“. Und „Schätzungswert in Reichsmark: 1200.“

„248797 Reichsmark Fluchtsteuer“

Am 31. Mai 1938 schreibt das Finanzamt Göppingen, von Sigmund Gutmann Reichsfluchtsteuer einzuziehen. Der Betrag: 248797 Reichsmark. Diese und viele andere Dokumente haben die Ausstellungsmacher zusammengetragen. „Ausgrenzung, Raub, Vernichtung“ ist eine Wanderausstellung des Staatsarchivs Ludwigsburg und des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb. Sie zeigt brutales Unrecht, das im Stil von Recht und Ordnung daherkommt. Und sie leuchtet die Enteignung und wirtschaftliche Existenzvernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten bis ins Detail aus. Es sei „die wohl umfassendste Raubaktion an einer Bevölkerungsgruppe in der neueren Geschichte Europas“, sagen die Historiker.

Erinnerung vollzieht sich im Kleinen.“

Richard Arnold,, Oberbürgermeister
  • Bundesweiter Gedenktag
  • Der 27. Januar ist seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag; er wurde von Bundespräsident Roman Herzog durch Proklamation als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ eingeführt. Anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee soll an diesem Tag an alle Opfer des NS-Regimes gedacht und die Erinnerung an sie wachgehalten werden. Roman Herzog: „Wir gedenken der Entrechteten, Gequälten und Ermordeten: der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der Millionen verschleppter Slawen, der … Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten, all derer, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte. Wir erinnern … auch an diejenigen, die mutig Widerstand leisteten oder anderen Schutz und Hilfe gewährten“. 2005 erklärten die Vereinten Nationen (UN) diesen Tag zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“.

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