Wo der Hund mit den Kindern lernt

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Immer freitags ist Eurasierhündin Ajuscha in der zweiten Klasse der Großdeinbacher Grundschule zu Gast.
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Schulhund Ajuscha sorgt für eine entspannte Lernatmosphäre im Klassenzimmer.

Gmünd-Großdeinbach

Ajuscha mag’s leise und frei von Hektik. Und Ajuscha wird geliebt - von der ganzen zweiten Klasse der Großdeinbacher Grundschule. Wenn die gut kniehohe Eurasier-Hündin mit dem grauen Kuschelfell freitags mit ihrer Besitzerin, Klassenlehrerin Claudia Berndt, in die Schule kommt, bemühen sich die Kinder, sich so zu verhalten, dass ihr Schulhund sich im Klassenzimmer wohlfühlt. Und schaffen damit für sich selbst auch gleich eine entspannte, ruhige  Lernatmosphäre.

Wer die zweite Klasse betritt, weiß schon an der Zimmertür Bescheid: Hier drinnen ist freitags Ajuscha unterwegs, die wichtigsten Regeln für den Umgang mit ihr hängen in Sprechblasen geschrieben an der Tür. Aufgehängt hat sie Claudia Berndts Tochter Ronja, die 16-Jährige hat in ihrem Berufsorientierungspraktikum einen ganzen Schultag lang ihren Hund in der Klasse eingeführt. 

Die Höhle unterm Lehrerpult

Schon ein paar Minuten vor dem Unterricht kümmern sich die Kinder darum, dass Ajuscha an ihrem Platz unter dem Lehrerpult einen gefüllten Wassernapf vorfindet. Der Tisch ist für den Hund wie eine sichere Höhle, erklären die Kinder. „Wann ist es denn gefährlich bei uns?“ fragt Claudia Berndt zur Wiederholung der Verhaltensregeln. Wenn’s laut wird, sagt Charlotte. Wenn man Ajuscha streichelt, obwohl sie gerade genug hat, ergänzt Anita.

Die Kinder haben gelernt, den Hund genau zu beobachten.  Nun  schnappen sie sich auf Berndts Geheiß ihre aktuelle Lesegeschichte und versammeln sich im hinteren Teil des Klassenzimmers auf Matratze, Decken und Sitzkissen. Ajuscha wartet erstmal ab, dann legt sie sich zu zwei Jungs auf die Matratze. Und bekommt von ihrer Herrin ein ebenso dickes Lob, wie sie es als Lehrerin verteilt, wenn die Kinder etwas richtig gut machen. Denn „der Hund lernt mit“, sagt sie.

Anfangs, als Ajuscha nach den Herbstferien die ersten Male in der Klasse war, habe sie sich ausschließlich an Berndt und den Platz unterm Schreibtisch gehalten. „Diese Tage, als sie nicht wollte, waren sehr hart“, sagt Berndt. Denn Ajuscha habe nunmal die Anmutung „süßer Knuddelhund“, sei aber zugleich eher zurückhaltend und dabei typisch Eurasier: freundlich, aber will nicht im Mittelpunkt stehen, sagt die Hundehalterin.  Und: „Im Umgang mit den Kindern hat sie eine eindeutige Körpersprache.“ So haben diese schnell gemerkt: „Je besser sie sich zurücknehmen, desto schneller kommt der Hund“, sagt Berndt.

 Jetzt lässt Ajuscha sich, entspannt auf der Seite liegend, von mehreren Kinderhänden gleichzeitig streicheln, während die Schülerinnen und Schüler sich abwechselnd aus „Tafiti   und die Reise ans Ende der Welt“ vorlesen. Am Ende der Lesezeit erheben sich die Kinder ebenso ruhig wieder und gehen zurück auf ihre Plätze. Es ist Vesperzeit, und Berndt nutzt diese Phase, um die Tischregeln für Ajuscha zu wiederholen. „Laut und deutlich nein“ sollen die Kinder sagen, wenn sich die fünfjährige Hündin allzu penetrant für das mitgebrachte Essen interessiert. „Nichts geben“, nennt Burak eine Regel. Er hatte Angst vor Hunden, mittlerweile kann er Ajuscha entspannt streicheln. Das Fütterungsverbot kommt nicht nur den Kindern zugute, die so ohne bettelnde Hundeblicke in Ruhe essen können. Sondern auch dem Hund, dem, wie sie gelernt haben, nicht alles guttut, was Menschen gerne essen. Eine weitere Gelegenheit, bei der die Kinder lernen, sich in das Tier hineinzuversetzen und die Folgen ihres Handelns abzuschätzen.

100 Prozent Verlass

Die Schulfreitage seien „für den Hund gut und für die Kinder gut“, sagt Berndt. Sie hatte das Schulhundprojekt in einem Elternbrief Anfang des Schuljahres thematisiert und von den Eltern Zuspruch für ihre Idee erhalten. Abgemacht wurde: Ajuscha kommt einmal die Woche mit „und dann schauen wir mal“. Mitgenommen hat die Klassenlehrerin den Hund auch, „weil ich mich auf die Kinder 100 Prozent verlassen kann“.  

Mittlerweile seien sogar schon Anfragen von den Eltern anderer Klassen gekommen, die mitbekommen haben, was der Hund fürs Lernklima in der Klasse bewirkt, erzählt Schulleiterin Brigitte Endreß. Für die Zweitklässler hat das Projekt nun geendet, sie bekommen in der Dritten eine neue Klassenlehrerin. Ob’s für ihre neuen Einser im kommenden Jahr auch Besuche vom Schulhund geben wird, lässt Claudia Berndt auf sich zukommen.   Das komme auch auf die Kinder an. Nicht nur für diese muss die Situation in Ordnung sein: „Ich habe auch eine Fürsorgepflicht für den Hund.“   

Mehr Bilder mit Schulhund Ajuscha in der zweiten Klasse der Großdeinbacher Grundschule auf www.tagespost.de

Ajuscha mittendrin: In der Lesezeit liegt der Schulhund zwischen den Kindern und lässt sich streicheln.
Streicheln nur dann, wenn Ajuscha es möchte: Die Kinder lernen, auf die Signale des Hundes zu achten, der zieht sich zurück, wenn er genug hat.
Klassenlehrerin Claudia Berndt zeigt einen Trick, den Ajuscha gelernt hat; für die Zweitklässler eine Gelegenheit, genau zu beobachten und sich in das Verhalten des Hundes hineinzuversetzen.
Ein paar Haare, die der Schulhund verloren hat, gehören zum Unterricht.
Schulhund Ajuscha ist bei der Lesezeit der Zweitklässler nun gerne mittendrin, anfangs hielt sie lieber Abstand.

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