Der schnellste Briefträger ist 100

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Otto Schaaf, Gschwend, 100. Geburtstag
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Otto Schaaf feiert an diesem Samstag Geburtstag. Er erinnert sich an seine frühen Jahre in Gschwend und erzählt, warum der Hausbau seine Arbeit beschleunigte.

Gschwend

Mehr Gschwender sein geht fast nicht: Otto Schaaf wurde vor 100 Jahren als achtes Kind und als Nachzügler in der Gmünder Straße in Gschwend geboren, ging hier zur Schule und begann eine Ausbildung zum Maler bei der damaligen Malerwerkstatt Schweizer „Ich bin ein Gschwender Urgewächs“, lacht er.

Die Eltern waren mehr als 40 Jahre Mesner in der Kirche, „sonntags durften wir immer die Glocken läuten“, erinnert sich Otto Schaaf. Seine Ausbildung war kaum beendet, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und Otto Schaaf zur Wehrmacht einberufen wurde.

Er erinnert sich noch genau: Nur mit einem Koffer als Gepäck musste er an einem Sonntag los, als Treffpunkt war der Bahnsteig 1 am Stuttgarter Hauptbahnhof ausgerufen worden. Von dort aus ging die Fahrt nach Warschau, wo der junge Mann seine Grundausbildung absolvierte. Der darauffolgende Marschbefehl führte Otto Schaaf nach Norwegen, sein Auftrag lautete „Geschützbedienung“ bei der dortigen deutschen Flak-Stellung. Trotz der unseligen Umstände, die ihn nach Norwegen führten, hatte Otto Schaaf dort das Glück, zu einer Einheit aus Reservisten aus Norddeutschland zu kommen, „den älteren Soldaten gefiel mein schwäbischer Dialekt“.

Norwegen hat Otto Schaaf während des Krieges nie verlassen, eine Erinnerung hat sich aber fest eingebrannt. Er befand sich auf der Brücke eines Minenräumschiffes, als dieses bombardiert und versenkt wurde. Leere Munitionskisten dienten der Besatzung als Schwimmhilfen, im acht Grad kalten Wasser gelang es allen jungen Soldaten, an Land zu schwimmen.

Nach Kriegsende ging es zurück in die Heimat, „der Transport fuhr an einem Sonntag durch ganz Deutschland“. In Bingen am Rhein endete die Fahrt für Otto Schaaf, denn hier musste er sich in französische Kriegsgefangenschaft in die „Rheinwiesenlager“ begeben. Im Oktober 1946 konnte er das Lager verlassen, sein erster Weg führte ihn im heimatlichen Gschwend „montags in der Früh“ zum Bürgermeister, um sich zurückzumelden. Dies war nötig, sonst hätte der junge Mann keine Lebensmittelkarten erhalten.

Beim Maler Schweizer nahm Otto seine Arbeit wieder auf, bevor er umsattelte und sich bei der Post als Zusteller verdingte. Hundsberg und Hellershof seien sein Revier gewesen, erzählt der rüstige Senior, die Zustellung erfolgte zu Fuß und im Winter gerne auf Langlaufskiern. Lange habe er gespart, um sich für 90 Mark ein Fahrrad zu kaufen, erzählt Otto Schaaf, damit ging die Zustellerei noch flinker.

Als „Leih-Tubist“ unterwegs

1953 heiratete Otto Schaaf seine Anneliese, nach und nach vervollständigten die Kinder Hans, Angelika, Uwe und Susanne die Familie. 1960 begann Otto Schaaf zusammen mit seinem Vater ein Haus in der Friedhofstraße zu bauen. „In der Zeit wurde ich zum schnellsten Briefträger in Gschwend“, schmunzelt er. Schließlich wollte er zeitig am Neubau sein, um dort weiterzuarbeiten. Später bildete Otto Schaaf sich weiter und übernahm im mittleren Dienst Tätigkeiten am Schalter.

Als begeistertes Mitglied im Musikverein war Otto Schaaf viel unterwegs. Sein Instrument, eine Tuba, war nicht alltäglich. Oftmals spielte er darum an den Wochenenden bei befreundeten Musikkapellen als „Leih-Tubist“, später wechselte er „zur leichteren“ Posaune. Der Gschwender Feuerwehr war Otto Schaaf ebenfalls lange Jahre treu, mit dem Albverein unternahm er ausgedehnte Wandertouren. Fotografieren und Langlaufen runden das Hobby-Portfolio von Otto Schaaf ab.

Im Originalzustand

2018 endete das lange glückliche Eheleben mit Anneliese, Otto Schaaf lebt jetzt allein in seiner Wohnung in der Friedhofstraße. Er komme gut klar, die Kinder kümmern sich liebevoll um ihren Papa. Gesundheitlich sei er noch „im Originalzustand“ lacht der Jubilar. Ob seine langjährigen sportlichen Leidenschaften für sein hohes Alter mitverantwortlich sind? Das mag Otto Schaaf nicht beurteilen.

Den älteren Soldaten gefiel mein schwäbischer Dialekt.“

Otto Schaaf
1958 mit Langlaufskiern unterwegs bei der Porstzustellung
Otto Schaaf vor dem Hintergrund seiner Heimatgemeinde

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