Zwischenstopp auf einer lebenslangen Reise

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Timo Schmitt (li) und Armin Gold verteilen die Tiere in die Eimer für den Weitertransport.
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Warum drei Fischereivereine im Bereich der Lein in lebendige Aale investieren und warum alle zusammen fasziniert sind von diesen Tieren.

Leinzell. Der offene Anhänger, beladen mit zwei gut vertäuten Plastikbehältern, klappert über den Parkplatz am Friedhof nahe der Lein. Hier wird der Transport schon sehnsüchtig erwartet. Der Pkw bremst und hält. Zwischenstation einer schier unglaublichen Reise, die über 10000 Kilometer gehen und zehn oder mehr Jahre dauern kann. Die Ladung: lebendige Aale.

Drei Fischereivereine der Region – der Bezirksfischereiverein Lein-Rems, der Fischrei- und Hegeverein Leintal und der Angelverein Vordersteinenberg –haben sich zusammengetan für dieses „faszinierende Projekt“, wie die Akteure sagen, als sie den Anhänger entern und die Behälter öffnen. Einmal kurz reinspicken, ehe die Arbeit beginnt. Im Wasser, drinnen in den Behältern,herrscht wildes Gewimmel. Armin Gold, der Gewässerwart des Bezirksfischereivereins, taucht den Kescher in die hektische Horde, fängt eines der Tiere und bugsiert es vorsichtig mit etwas Wasser in einen weißen Eimer.

Dasselbe bei der Transportbox daneben – zum Größenvergleich. Denn die Vordersteinenberger Fischer haben sich für etwas ältere Tiere entschieden. Worum es geht? Hauptsächlich um die Artenvielfalt in den Gewässern und Gewässerabschnitten, die von den drei Vereinen betreut werden. Deshalb haben die Fischer in ihre jeweilige Kasse gegriffen und bei einer auf Aale spezialisierten Farm die außergewöhnliche Fracht bestellt. Je nach Größe kostet das Kilogramm Aale zwischen 20 und 45 Euro. Und die Tiere sind bis Leinzell schon weit gereist. Sie seien nämlich, erzählt Armin Gold, in der Sargossasee aus dem Laich geschlüpft. Also irgendwo in den Tiefen und Weiten des südlichen Nordatlantiks.

Von dort wurden sie mit dem Nordatlantikstrom an die portugiesische Küste oder an die Bretagne gespült, als Glasaale gefangen und in die Farm in Franken transportiert. Dort wurden sie herangefüttert zu ihrer jetzigen Größe. Der Aal lasse sich nämlich in Gefangenschaft nicht vermehren, erklären die Fischer.

Will man sie in ihren historischen Verbreitungsgebieten erhalten, sei der Besatz eine Form der Unterstützung. „Denn das Faszinierende ist der natürliche Kreislauf“, sagen die Fischer. Was bedeutet, dass die Aale sich in acht bis zehn Jahren wieder zurück auf den Weg machen in die Sargassosee, um dort abzulaichen und zu sterben. „Wir würden uns wünschen, dass etwa 30 Prozent dort wieder ankommen“, meint Peter Bareiß optimistisch und hat deshalb die größeren Tiere geordert, weil die gefühlt mehr Chancen haben gegen Raubfische. Aber das sei Ansichtssache, sagt er.

Seine Kollegen glauben, dass die kleineren Tieren sich leichter an die Umstellung gewöhnen und trauen den flinken Aalen zu, dass sie mit den mannigfaltigen Gefahren zurecht kommen. Zunächst, sagt Armin Gold, seien es die Raubfische. Später auch die Menschen, der Verbau der Landschaft, Turbinen und Umweltgifte. Vor allem auf dem Rückweg in den Nordatlantik müssen die Aale viele Hindernisse überwinden – wobei sie sich problemlos über Land, zum Beispiel durch Wiesen, schlängeln und Hindernisse im Wasser so umgehen könnten.

Thomas Ummenhofer, Markus Zinke, Markus Pail, Sigmar Zidorn und Timo Schmitt haben in der Zwischenzeit verschiedene Eimer mit Wasser und Grasschnitt gefüllt. Genau abgewogen werden die Aale darin verteilt, verstecken sich unter dem Grün und warten auf den Weitertransport. Jeder der Fischer fährt nun mit seiner Fuhre an einen anderen Gewässerabschnitt, um die Aale freizulassen: der ganzen Lein entlang von Horn bis nach Alfdorf sowie in der Schwarzen Rot im Bereich der Heinlesmühle. Jeder setzt die Tiere kiloweise dort aus, wo er auch die Bachpatenschaft übernommen hat, das Gewässer regelmäßig kontrolliert und zum Beispiel von Unrat befreit. „Und dann hoffen wir“, sagt Armin Gold, „dass die Aale schnell rauskriegen, wie sie natürliches Futter fangen können. Und dass möglichst viele überleben.“

Die Fischer aus drei Vereinen (v.l.) Sigmar Zidorn, Peter Bareiß, Markus Pail, Armin Gold, Timo Schmitt, Thomas Ummenhofer, Markus Zinke.
Einer der großen Aale im Kescher
Größenvergleich im Eimer
Armin Gold setzt Aale in der Lein ein.

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