„Der Pflegeberuf hat ein besseres Image verdient“

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Elke Hoyer
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Die neue pflegerische Standortleiterin am Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd, Elke Hoyer, wirbt für den vielseitigen Pflegeberuf.

Mutlangen

Pflegeberufe leiden völlig zu Unrecht unter einem schlechten Ruf. Das sagt Elke Hoyer, die neue pflegerische Standortleiterin des Stauferklinikums. Pflegeberufe seien vielfältig, es gebe Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, Pflege beschränke sich nicht auf die reine Körperpflege von Patienten. Elke Hoyer arbeitet seit über 30 Jahren mit Leib und Seele in diesem Bereich und wirbt dafür – auch oder gerade in dieser schwierigen Zeit.

Volle Kliniken, Personalmangel und kein Ende der Corona-Pandemie in Sicht. Möchten Sie nicht manchmal alles hinschmeißen?

Elke Hoyer: Nein, auf keinen Fall. Ich habe eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Und ich finde, jetzt muss jeder selbst überlegen, welchen Beitrag er in dieser Krise leisten kann. In der Tat spreche ich derzeit mit vielen Mitarbeitern, die ans Aufhören denken, weil sie überlastet sind. Diese möchte ich motivieren, weiterzumachen.

Wie schaffen Sie das?

Der Pflegeberuf ist ein toller Beruf. Wir an den Kliniken Ostalb haben ein ganzes Vorteilspaket für unsere Mitarbeiter geschnürt. Es gibt eine so genannte Einspringprämie, wenn sie Krankheitsvertretungen übernehmen. Wir bieten einen verlässlichen Dienstplan und eine verlässliche Urlaubsplanung. Die Dienste stehen sechs Wochen im Voraus, die Urlaubsplanung 2022 ist so gut wie abgeschlossen. Zudem bieten wir Weiterbildungsmöglichkeiten für unsere Mitarbeiter an. Berufe in der Pflege sind sichere Arbeitsplätze. Sie können in vielen Ländern, im Krankenhaus oder sogar auf dem Kreuzfahrtschiff arbeiten.

Sollten die Pflegekräfte besser bezahlt werden?

Bei meinen vielen Gesprächen, die ich führe, wird immer wieder deutlich: Geld ist bei den Mitarbeitern nicht alles. Tatsächlich bemängeln viele Mitarbeiter jedoch die schlechte Bezahlung im Nacht- und Wochenenddienst. Wir am Stauferklinikum haben großes Glück, weil wir ein stabiles und erfahrenes Team an Mitarbeitern halten. Viele sind schon lange dabei und dem Stauferklinikum treu. Jede Klinik in Deutschland verwaltet Mangel. In Mutlangen ist dies aber noch nicht in dem Maß der Fall wie anderswo. Wir haben hier eine gute Krankenpflegeschule und große Ausbildungsgänge, die noch gut gefüllt sind. Diese Kräfte wollen wir halten, denn die Fluktuation ist groß, die Bewerbungen sind rückläufig. Da müssen wir als Kliniken beispielsweise bei den Stellenausschreibungen aktiv werden.

Was muss die Politik besser machen?

In der Öffentlichkeit wird der Pflegeberuf zu negativ dargestellt, obwohl er dieses schlechte Image nicht verdient hat. Die Belastung ist – vor allem im Schichtdienst und besonders auf den Intensivstationen – hoch, aber Schichtdienste und hohe Belastungen gibt es auch in vielen anderen Berufen. Was helfen würde, wäre der Abbau des riesigen Bürokratiemonsters. Mitarbeiter klagen, dass sie mehr Zeit für ihre Patienten haben und weniger Zeit für die Dokumentation aufwenden möchten. Die Pflegepersonaluntergrenze ist meiner Meinung nach ein falsches Steuerungsinstrument. Sie können als Pfleger mit zehn Patienten gut klarkommen, aber auch mit zwei Patienten komplett überlastet sein.

Was bereitet Ihnen derzeit die meisten Sorgen?

Es ist nicht primär die Anzahl der Covid-Patienten in Mutlangen. Die Klinik ist sehr hoch belegt mit schwerstkranken Menschen, zusätzlich sind Mitarbeiter krank. Wir müssen folglich mit weniger Personal die gleiche Leistung erbringen. Im Sommer hatten wir keine Entlastungsphase, weil in der Zeit die Patienten in die Klinik kamen, die im Frühjahr wegen Corona verschoben werden mussten. Es fehlen die Verschnaufpausen. Die strengen Abstandsregeln gibt es nicht mehr. Das macht die Mitarbeiter mürbe. Sie sagen: 'Wir tun hier alles für unsere Patienten, während andere auf den Weihnachtsmarkt gehen.'

Was wünschen Sie sich?

Dass sich jeder fragt, welchen Beitrag er in dieser schwierigen Situation selbst leisten kann. Dass sich alle disziplinierter an die Abstandsregeln halten und überlegen, mal auf die eine oder andere Veranstaltung zu verzichten.

Zur Person: Elke Hoyer ist 55 Jahre alt und wohnt in Herbrechtingen. Sie ist gelernte Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin und hat lange auf der Intensivstation gearbeitet. Vor gut zehn Jahren hat sie ihre erste Leitungsposition an der Uniklinik Ulm übernommen. Sie studierte nebenher Gesundheits- und Sozialwirtschaft und Healthcare-Management. Bevor Elke Hoyer nach Mutlangen wechselte, war sie zwei Jahre lang als Pflegedienstleitung im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart tätig. In Mutlangen ist sie für rund 700 Mitarbeiter zuständig, kümmert sich um Qualitäts- und Pflegeprozesssicherung, Mitarbeiterakquise und strategische Personalkonzepte. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit sind Gespräche mit Mitarbeitern.

Die Politik sollte das große Bürokratie-Monster abbauen.“

Elke Hoyer, pflegerische Standortleiterin
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  • Die Gmünder Tagespost sammelt 2021 im Rahmen ihrer Weihnachtsaktion kein Geld. Unsere Redaktion widmet die Weihnachtsaktion den Pflegekräften im Gmünder Raum. Deshalb laden wir Pflegekräfte in Kliniken und Heimen ein, uns ihre Wünsche zu schicken. Wünsche und Statements, Erklärungen zu ihrer Situation. Schreiben Sie uns, was Sie bedrückt. Erzählen Sie uns aus Ihrem Alltag. Sagen Sie uns, welche Erwartungen Sie an die Politik haben. Schreiben Sie uns unter redaktion@tagespost.de. Die GT wird Ihre Statements in die Leserschaft hineintragen. Und die gesammelten Berichte den Landtags- und Bundestagsabgeordneten übergeben.

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