Wie das war mit den Atomraketen

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Führung durch den ehemaligen Atomwaffenmilitärstützpunkt mit dem Zeitzeugen Volker Nick

Aktion Volker Nick von der Friedens- und Begegnungsstätte erzählt von den wilden Zeiten.

Mutlangen. Wie war das, als die Heide noch Militärstützpunkt war, in dem über 20 Jahre lang Atomwaffen lagerten? Volker Nick, ein treuer Streiter für Frieden und Völkerverständigung, beantwortete diese Fragen bei einer Führung, zu der die Friedenswerkstatt eingeladen hatte. Nick kannte spannende Fakten und eigene Erfahrungen aus der Zeit von 1983 bis 1990. So erfuhren die Interessierten, dass die Aktiven der Pressehütte den gesamten Militärverkehr des Pershing II-Lagers dokumentierten.

Die Pressehütte war das Zentrum des Protests, die Lebensbedingungen in der umgebauten, alten Scheune waren extrem primitiv. Geschlafen wurde in Zelten auf dem Grundstück, selbst im Winter. „An manchen Morgen war es so kalt, dass man aufpassen musste, dass einem der Kaffee nicht in der Tasse gefriert,“ erzählte Volker Nick.

Bevor es zum dauerhaften Protest in Mutlangen kam, formierte sich Anfang der 1980er Jahre eine große Friedensbewegung als Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluss. Dieser sah die Stationierung von 108 Pershing II-Mittelstreckenraketen in Südwestdeutschland vor und bedeutete damit eine rapide Zuspitzung des Konflikts zwischen Ost und West.

Menschenkette Ulm-Stuttgart

Millionen Menschen demonstrierten auf der Straße, im Jahr 1983 bildeten sie eine Menschenkette von Ulm bis nach Stuttgart. Volker Nick berichtete von der Aufbruchsstimmung in dieser Zeit, aber auch vom Ohnmachtsgefühl und der Enttäuschung, als die Pershings dann doch stationiert wurden.

Die Jahre, die folgen sollten, waren geprägt von Willensstärke, Mut und Zusammenhalt, aber auch von Zweifeln, Wut und Angst. Die Protestler beschrieb Nick als bunte Mischung aus Alternativen, Lebenskünstlern, Hippies, religiös Motivierten und Verbeamteten. In Mutlangen selbst wurden sie als Menschen mit Drogenproblemen wahrgenommen. Das Outfit entsprach oft nicht bürgerlichen Erwartungen. Was aber auch daran lag, dass Anwohner und Gemeindeverwaltung kaum bis keine Unterstützung anboten. Es gab weder Toiletten noch Sanitäranlagen für die Demonstrierenden. Der Antrag auf eine Toilette in der Pressehütte wurde abgelehnt: es sei ja kein Wohnhaus.

Die Mutlanger Bevölkerung sah sich mehr bedroht durch die Demonstranten als durch die Atomraketen. Sie wehrte sich nicht gegen die Militärtransporte, die Tag und Nacht die schmale Dorfstraße rauf und runter fuhren. Auch nicht gegen die allgegenwärtige Gefahr, dass Süddeutschland das erste Ziel der sowjetischen Atomraketen gewesen wäre. „Die Pershings waren keine Zweitschlagwaffe. Sowjetische Kurzstreckenraketen, die in der DDR und in der Tschechoslowakei stationiert waren, hätten die Pershings in weniger als zwei Minuten kampfunfähig machen können. Dann wäre es für einen Zweitschlag bereits zu spät gewesen. Die Pershings waren Waffen für den Erstschlag und deshalb eine ungeheure Bedrohung und Provokation gegenüber der Sowjetunion“, führte Volker Nick aus.

Passiv auf dem Boden

Deswegen protestierten die Pressehütte-Bewohner weiter, manchmal ein paar Dutzend, manchmal saß man auch nur zu dritt auf der Straße. „Desto mehr zählt jeder Einzelne.“ Um keine Gefahr oder Aggression darzustellen, saßen sie passiv auf dem Boden in kleinen Gruppen. Der Protest war so individuell wie möglich, mit der Strategie, dass es möglichst nie zu unübersichtlichen oder gefährlichen Situationen kommen sollte. Die Sitzblockaden am Haupttor oder auch weiter auf der Straße sollten einerseits die Abläufe im Atomwaffenlager stören und behindern. Und sie hatten die symbolisch kraftvolle Bedeutung, dass nämlich der Soldat, der anhält, bewusst Leben rettet, indem er auf die Bremse tritt.

Dennoch habe es gefährliche und provozierende Situationen gegeben - zum Beispiel als ein Soldat auf eine Blockadegruppe mit Vollgas und anschließender Vollbremsung mehrmals hin- und zurückfuhr.

Prominenz inkognito dabei

Die Aktionen waren im voraus genau geplant, in der Regel wurde verhindert, wenn sich Menschen spontan einer laufenden Blockade anschließen wollten. Besonders wichtig war, zu klären, wer, wie lange und zu welchem Risiko bereit ist. Zwischen 1983 und 1987 wurden fast 3000 Menschen von der Polizei festgenommen, unter anderem auch Prominente, die zum Teil bis zu ihrer Festnahme inkognitobleiben wollten, damit sie gleichbehandelt wurden. Sie hätten sich geschämt, nicht die gleichen Strafen zu bekommen, wie andere Protestler.

Schlussendlich war ihr Widerstand erfolgreich. Die Pershings wurden aus Mutlangen abgezogen und die meisten der Verurteilten wurden rehabilitiert und für ihre Zeit im Gefängnis entschädigt. Auch Volker Nick.

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