Ambulanter Pflegedienst: Weniger Bürokratie - mehr Entlastung

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Nicole Hein von der katholischen Sozialstation Schwäbisch Gmünd mit dem Handy, das sie bei der Arbeit als ambulante Pflegekraft unterstützen soll, sie aber viel wertvolle Zeit kostet.
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Nicole Hein erzählt von der durchgetakteten Arbeit im ambulanten Pflegedienst, von Extra-Zeit für die Sorgen der betreuten Menschen und davon, was sich ändern müsste.

Schwäbisch Gmünd/Waldstetten

Herzrasen und Atemnot, „wenn ich das Geschäft nur gesehen habe“, so erging es Nicole Hein zuletzt als Altenpflegerin in einem Seniorenheim. „Es war wie am Fließband arbeiten“, sagt die heute 43-Jährige. Im Nachtdienst etwa hatte sie die Verantwortung für 30 Menschen im Pflegeheim. Dazu 30 im betreuten Wohnen, die ihre Hilfe in der Regel nicht brauchten. Aber im Notfall habe man eben doch nur zwei Hände, eine fürs Telefon, eine für den Menschen.

Nicole Hein, die schon vor ihrem Abschluss 2007 als examinierte Altenpflegerin als Schülerin im Seniorenheim etwas nebenher verdient hat und sich keinen anderen Beruf für sich vorstellen kann, musste dringend etwas ändern. So wechselte sie im Dezember 2015 zur katholischen Sozialstation in Gmünd. Täglich fährt sie seither Touren im ambulanten Pflegedienst, hauptsächlich in Waldstetten. Es gefällt ihr, auf sich gestellt und selbstbestimmter zu arbeiten. Um halb Sieben morgens beginnt Nicole Hein ihren Dienst im Büro der Sozialstation in Gmünd. Sie liest den Übergabebericht, in dem die Kollegin alles Wichtige über die Kunden - die pflegebedürftigen Menschen - hinterlassen hat. Dann schnappt sie sich Autoschlüssel und Diensthandy für ihre Vormittagstour. Die Stunden sind durchgetaktet. Fünf Minuten pro Fahrt vom einen zum nächsten Kunden. An der Haustür wählt sie den Kunden auf ihrer Handy-App aus, die ihr sagt, welche Aufgaben zu erledigen sind, jede Tätigkeit zwei Klicks, Anfang und Ende.

Ein Beispiel: Fürs Anziehen von Kompressionsstrümpfen sind sechs Minuten vorgesehen, für eine Insulinspritze vier Minuten. Die vorangehende Messung des Blutzuckerspiegels sei nicht vorgesehen, „hoffentlich zahlt das die Krankenkasse“, sage dann ihre Chefin. Frühstück herrichten kann auch zu Heins Aufgaben gehören. Dann fährt sie zum nächsten Kunden, erledigt dort ihre Aufgaben und kehrt gegebenenfalls zurück, um den ersten nach seinem Frühstück zu waschen. 24 Menschen besucht sie so bis 12 Uhr. Ein paar Minuten extra kommen durchaus dazu, sagt Nicole Hein. Für Sorgen und Nöte ihrer Kunden. Von denen manche kaum noch Kontakte haben seit Beginn der Pandemie.

Zu viel Zeit für Bürokratie

Dann geht’s zurück ins Büro, dort ergänzt Nicole Hein ihre Dokumentation, die vielen Klicks auf dem Handy reichen längst nicht. „Wenn das direkt zur Kasse ginge, wäre es gut.“ Stattdessen stelle die Verwaltung der Sozialstation die Monatsaufstellung für jeden Kunden zusammen, Nicole Hein und ihre Kolleginnen lassen diese von den Kunden unterschreiben, dann schickt die Sozialstation die Abrechnungen an die Krankenkassen. 20 Prozent ihrer Arbeitszeit gehen für Dokumentation und Bürokratie drauf, schätzt Nicole Hein. Dazu gehören auch Telefonate mit den behandelnden Ärzten ihrer Kunden, wenn Medikamente oder Behandlungsmaterial ausgehen. „Das könnte automatisch laufen“, sagt Nicole Hein, schließlich muss sie all dies sowieso auf dem Handy dokumentieren.

Gegen 12.45 Uhr ist Feierabend, oder die Pflegekraft hat Pause bis halb Vier und ist dann nochmal bis 21 Uhr auf Tour. Dazu kommen alle 14 Tage Wochenenddienst und Dienste an Feiertagen. Knapp 40 Stunden habe die Arbeitswoche einer 100-Prozent-Kraft im ambulanten Pflegedienst. Das geht an die Substanz, „körperlich und manchmal auch psychisch“. Schmerzen und Schäden in Schultern, Rücken und Knien seien nicht selten. Kniend widerspenstige Kompressionsstrümpfe anziehen oder Kunden stützen und umlagern fordert seinen Tribut. Auch die seelische Belastung ist nicht ohne. „Man nimmt schon was mit nach Hause von den Problemen der Kunden“, findet Nicole Hein. Die überzeugt sagt: „Ich mag Menschen“ und diesen dazu so passenden Beruf. Und sich dennoch fragt, „ob ich das noch schaffe bis 67“.

Die Forderungen

Nicole Hein ist auch Praxisanleiterin für drei Auszubildende der Sozialstation. Sie mag es, ihnen Aufgaben zu stellen und sie anzuleiten. „Wir müssen ja froh sein, wenn wir Nachwuchs bekommen.“ 1900 Euro netto verdiene ein Berufsanfänger im ambulanten Pflegedienst. Am Geld allein will Nicole Hein die Probleme in der Pflege aber nicht festmachen. Es müsse sich grundlegend etwas ändern, und dafür sei die Politik zuständig. Für eine Entbürokratisierung der Pflege. Für einen Ausgleich zur hohen Belastung, etwa durch eine Vier-Tage-Woche und mehr Urlaub, zählt Nicole Hein auf. Corona habe einerseits durch den erforderlichen Mehraufwand die Situation der Pflegekräfte verschärft. Andererseits: „Die Pandemie hat das ganze Dilemma aufgedeckt.“

  • Die etwas andere Weihnachtsaktion
  • Die Gmünder Tagespost sammelt 2021 mit ihrer Weihnachtsaktion kein Geld. Sie widmet die Weihnachtsaktion den Pflegekräften im Gmünder Raum. Deshalb laden wir Pflegekräfte ein, uns ihre Wünsche und Statements, Erklärungen zu ihrer Situation zu schicken. Schreiben Sie uns unter redaktion@tagespost.de.
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Schwäbisch Gmünd/Waldstetten

Herzrasen und Atemnot, „wenn ich das Geschäft nur gesehen habe“, so erging es Nicole Hein zuletzt als Altenpflegerin in einem Seniorenheim. „Es war wie am Fließband arbeiten“, sagt die heute 43-Jährige. Im Nachtdienst etwa hatte sie die Verantwortung für 30 Menschen im Pflegeheim. Dazu 30 im betreuten Wohnen, die ihre Hilfe in der Regel nicht brauchten. Aber im Notfall habe man eben doch nur zwei Hände, eine fürs Telefon, eine für den Menschen.

Nicole Hein, die schon vor ihrem Abschluss 2007 als examinierte Altenpflegerin als Schülerin im Seniorenheim etwas nebenher verdient hat und sich keinen anderen Beruf für sich vorstellen kann, musste dringend etwas ändern. So wechselte sie im Dezember 2015 zur katholischen Sozialstation in Gmünd. Täglich fährt sie seither Touren im ambulanten Pflegedienst, hauptsächlich in Waldstetten. Es gefällt ihr, auf sich gestellt und selbstbestimmter zu arbeiten. Um halb Sieben morgens beginnt Nicole Hein ihren Dienst im Büro der Sozialstation in Gmünd. Sie liest den Übergabebericht, in dem die Kollegin alles Wichtige über die Kunden - die pflegebedürftigen Menschen - hinterlassen hat. Dann schnappt sie sich Autoschlüssel und Diensthandy für ihre Vormittagstour. Die Stunden sind durchgetaktet. Fünf Minuten pro Fahrt vom einen zum nächsten Kunden. An der Haustür wählt sie den Kunden auf ihrer Handy-App aus, die ihr sagt, welche Aufgaben zu erledigen sind, jede Tätigkeit zwei Klicks, Anfang und Ende.

Ein Beispiel: Fürs Anziehen von Kompressionsstrümpfen sind sechs Minuten vorgesehen, für eine Insulinspritze vier Minuten. Die vorangehende Messung des Blutzuckerspiegels sei nicht vorgesehen, „hoffentlich zahlt das die Krankenkasse“, sage dann ihre Chefin. Frühstück herrichten kann auch zu Heins Aufgaben gehören. Dann fährt sie zum nächsten Kunden, erledigt dort ihre Aufgaben und kehrt gegebenenfalls zurück, um den ersten nach seinem Frühstück zu waschen. 24 Menschen besucht sie so bis 12 Uhr. Ein paar Minuten extra kommen durchaus dazu, sagt Nicole Hein. Für Sorgen und Nöte ihrer Kunden. Von denen manche kaum noch Kontakte haben seit Beginn der Pandemie.

Zu viel Zeit für Bürokratie

Dann geht’s zurück ins Büro, dort ergänzt Nicole Hein ihre Dokumentation, die vielen Klicks auf dem Handy reichen längst nicht. „Wenn das direkt zur Kasse ginge, wäre es gut.“ Stattdessen stelle die Verwaltung der Sozialstation die Monatsaufstellung für jeden Kunden zusammen, Nicole Hein und ihre Kolleginnen lassen diese von den Kunden unterschreiben, dann schickt die Sozialstation die Abrechnungen an die Krankenkassen. 20 Prozent ihrer Arbeitszeit gehen für Dokumentation und Bürokratie drauf, schätzt Nicole Hein. Dazu gehören auch Telefonate mit den behandelnden Ärzten ihrer Kunden, wenn Medikamente oder Behandlungsmaterial ausgehen. „Das könnte automatisch laufen“, sagt Nicole Hein, schließlich muss sie all dies sowieso auf dem Handy dokumentieren.

Gegen 12.45 Uhr ist Feierabend, oder die Pflegekraft hat Pause bis halb Vier und ist dann nochmal bis 21 Uhr auf Tour. Dazu kommen alle 14 Tage Wochenenddienst und Dienste an Feiertagen. Knapp 40 Stunden habe die Arbeitswoche einer 100-Prozent-Kraft im ambulanten Pflegedienst. Das geht an die Substanz, „körperlich und manchmal auch psychisch“. Schmerzen und Schäden in Schultern, Rücken und Knien seien nicht selten. Kniend widerspenstige Kompressionsstrümpfe anziehen oder Kunden stützen und umlagern fordert seinen Tribut. Auch die seelische Belastung ist nicht ohne. „Man nimmt schon was mit nach Hause von den Problemen der Kunden“, findet Nicole Hein. Die überzeugt sagt: „Ich mag Menschen“ und diesen dazu so passenden Beruf. Und sich dennoch fragt, „ob ich das noch schaffe bis 67“.

Die Forderungen

Nicole Hein ist auch Praxisanleiterin für drei Auszubildende der Sozialstation. Sie mag es, ihnen Aufgaben zu stellen und sie anzuleiten. „Wir müssen ja froh sein, wenn wir Nachwuchs bekommen.“ 1900 Euro netto verdiene ein Berufsanfänger im ambulanten Pflegedienst. Am Geld allein will Nicole Hein die Probleme in der Pflege aber nicht festmachen. Es müsse sich grundlegend etwas ändern, und dafür sei die Politik zuständig. Für eine Entbürokratisierung der Pflege. Für einen Ausgleich zur hohen Belastung, etwa durch eine Vier-Tage-Woche und mehr Urlaub, zählt Nicole Hein auf. Corona habe einerseits durch den erforderlichen Mehraufwand die Situation der Pflegekräfte verschärft. Andererseits: „Die Pandemie hat das ganze Dilemma aufgedeckt.“

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