Leitartikel Elisabeth Zoll zur Religionsfreiheit in Europa

Bedrohtes Recht

  • Elisabeth Zoll Foto: Volkmar Könneke
  • Das Schächten ist auch in Deutschland schon lange umstritten, wie diese Protestaktion verkleideter Aktivisten des Vereins „Arbeitskreis humaner Tierschutz“ vor dem Kanzleramt im Jahr 2012 zeigt. Foto: picture alliance / Hannibal Hanschke/dpa
Auffällig ist allenfalls die Stille, die ein für Europa wichtiges Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof begleitet. Dort wird in den nächsten Wochen über das Verbot des betäubungslosen Schächtens in weiten Teilen Belgiens entschieden. Das Urteil hat Bedeutung für ganz Europa. Mit dem rituellen Schlachten steht die Religionsfreiheit auf dem Prüfstand und damit ein Kernelement der europäischen Identität.

Religiöse Riten stehen in der säkularen Welt immer häufiger unter Erklärungszwang. Das bildet einen harten Kontrast zu jener Grundgestimmtheit, die für die Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft – Konrad Adenauer, Alcide De Gaspari und Robert Schuman – noch selbstverständlich war: Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges wollten sie bewusst ein neues Staatenbündnis auf dem Fundament christlicher Werte errichten. Es sollte gefeit sein vor Nationalismus und Ausgrenzung. Die Freiheit, seinen Glauben oder Nichtglauben zu leben, wurde zu einem tragenden Element, auch weil Religion Jahre davor als Vorwand diente für Hass und Vernichtung.

Doch wie kann religiöser Glaube gelebt werden, wenn tragende Riten in Frage gestellt werden? Es ist noch nicht lange her, da wurde in Deutschland vehement über die Beschneidung von Knaben gestritten. Die körperliche Unversehrtheit der Jungen wurde dem religiösen Ritus im Judentum und Islam entgegengestellt. Mit der Beschneidung meist acht Tage nach der Geburt werden im Judentum Knaben offiziell in die religiöse Gemeinschaft aufgenommen. Ohne die traditionelle Beschneidung, so warnten damals Vertreter der jüdischen Gemeinschaft, sei jüdisches Leben in Deutschland gefährdet.

Parallelen zum Schächten liegen auf der Hand. Nach den Speisevorschriften dürfen Juden und Muslime kein Blut zu sich nehmen. Mit dem Schächten wird das rückstandslose Ausbluten des Tieres gewährt.

Diese Tötungsmethode ist für viele Tierschützer eine Provokation. Sie wollen den ebenfalls im Grundgesetz verankerten Schutz von Tieren beachtet wissen. In vielen europäischen Ländern ist Schächten deshalb verboten, unter anderem in Schweden, Norwegen und der Schweiz. Auch in einigen deutschen Bundesländern wie Sachsen und Sachsen-Anhalt wird darüber diskutiert. In Niedersachsen warf sich vor einigen Monaten sogar der Landesverband der CDU für das Wohl einer überschaubaren Schar von Schafen und Rindern in die Bresche. Die pervertierte Massentierhaltung in den Mega-Ställen direkt vor der Tür bemerkten die politischen Streiter gleichwohl nicht. Da liegt der Verdacht nahe, dass Tierschutz auch als Vorwand dient, Rechte von Muslimen und Juden einzuschränken.

Auch das müssen die Richter in Luxemburg bedenken. Würde das Verbot des Schächtens in Belgien bestätigt werden, wäre das ein schwerer Eingriff in das religiöse Leben von Muslimen und Juden. Es könnte als Angriff auf jüdische und islamische Religion gedeutet werden. Das wäre ein fatales Signal. Mit der Vision der Gründungsväter hätte das nichts mehr zu tun.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 31.07.2020 07:45
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