„Die Polizei weiß um ihre Dominanz“

Rafael Behr war 15 Jahre lang auf Streife, jetzt ist er Professor. Ein Gespräch über rechtsextreme Beamte, effektive Bewältigungsstrategien – und den durchschnittlichen deutschen Polizisten.
  • Rechtsextreme Einstellungen entwickeln sich bei Polizisten in der Praxis, sagt Experte Rafael Behr. Foto: Oliver Dietze/dpa
  • Rafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei Hamburg. Foto: privat
Er kennt Theorie und Praxis: Bevor er als Professor an der Polizeiakademie Hamburg anfing, wo er junge Beamtinnen und Beamte auf den gehobenen Dienst vorbereitet, war Rafael Behr 15 Jahre lang Polizist in Hessen. Der 62-Jährige findet klare Worte zum Thema Rechtsextremismus und ist der Meinung, dass man weniger auf Einzelfälle und mehr auf Strukturen schauen sollte.

Herr Behr, wie tickt denn der durchschnittliche Polizist in Deutschland?

Rafael Behr: Also ganz bunte Vögel haben wir in der Polizei überhaupt nicht. In erster Linie tickt der durchschnittliche Polizist ziemlich wertkonservativ, er fügt sich in Hierarchien, legt Wert auf Ordnung und Normen. Er sucht nach Widerspruchsfreiheit. Dass die Welt auch tatsächlich so sein möge, wie er es in der Ausbildung lernt. Dort wird zum Beispiel gelehrt, dass wir den Menschen freundlich gegenübertreten. Wir erklären, belehren, warnen und erst, wenn das alles nicht funktioniert, wenden wir Gewalt an.

Soweit die Theorie …

Ja. Frust stellt sich dann ein, wenn ein Polizist merkt, dass sein Schulwissen beim Bürger nicht so ankommt. Das versucht man dann zu erklären. Oft mit dem Ansatz, dass die Menschen, mit denen man zu tun hat, schlimmer sind, als gedacht. Wie man damit umgeht, ist individuell. Der eine passt sich den Verhältnissen an, der andere schimpft.

Zieht der Job als Polizist rechte Menschen an oder macht er durch die Erfahrungen im Berufsalltag manche Polizisten zu Rechten?

Es gibt keine Belege dafür, dass die Polizei besonders autoritär gestimmte oder rechtsextreme Menschen anzieht. Aber solche Einstellungen können sich entwickeln. Wir gehen davon aus, dass das erst in der Praxis sichtbar wird.

Wie hoch ist der Anteil an rechtsextremen Beamten in der Polizei?

Man muss zunächst unterscheiden zwischen Gedankengut und konkreten Handlungen wie das Racial Profiling. Für beide Bereiche kann ich Ihnen keine Zahlen nennen, weil wir das nicht untersuchen dürfen. Horst Seehofer sagt klar: ,Das gibt es nicht, weil es verboten ist.' Die Frage, woher er weiß, dass es das nicht gibt, lässt er offen. Das gilt auch für die Polizeigewerkschaften.

Dabei können schon wenige Vorfälle das Vertrauen erschüttern.

Das ist wie bei der Babynahrung. Wenn da bekannt wird, dass wenige Gläser verunreinigt sind, zieht das Unternehmen nicht diese wenigen Gläser zurück, nach dem Motto: das war ein Einzelfall, 99,9 Prozent der Gläser haben damit nichts zu tun. Da werden ganze Regale ausgeräumt und Rückrufaktionen gestartet.

Gewerkschaften und konservative Politiker argumentieren gerne, dass die Polizei auch nicht mehr belastet sei als die Gesamtbevölkerung.

Die Gesamtbevölkerung hat aber nicht das Recht, mir eine Pistole vorzuhalten und mir zu sagen: ,Du kommst jetzt mit‘ und mich dann in eine Zelle zu sperren. Ich persönlich bin da nicht gefährdet: Ich bin weiß, über 60 und Teil der Mittelschicht. Aber ein Mensch, der Teil einer Minderheit ist, läuft eher Gefahr, dass er es mit diesem einen Prozent zu tun hat.

Man kann aber nicht erwarten, dass es in der Polizei gar keine rechtsextremen Menschen gibt, oder?

Nein, das nicht. Aber es kommt auf die Reaktion der Politik und der Polizeiführung auf entsprechende Vorfälle an. Die Argumentation der einzelnen schwarzen Schafe kann die Bevölkerung doch nicht mehr ernst nehmen. Wir müssen weg von Einzelfällen, auf Situationen und Kontexte schauen. Die Polizei lebt durchgängig in einer Kultur des Wissens um die eigene Dominanz, auch im politischen Diskurs.

Sie waren selbst 15 Jahre Polizeibeamter in Hessen, vor allem in Frankfurt am Main. Wie gingen Sie persönlich damit um, dass Sie im Einsatz in den meisten Fällen das Schlechte in Menschen gesehen haben?

Ich habe Menschen in hygienischen Zuständen gesehen, wie ich sie zuvor in meinem Privatleben noch nie gesehen habe. Was man da an Verelendung sieht, hat bei mir dazu geführt, dass ich überschwemmt wurde von Mitleid. Ich habe versucht, das nicht zu sehr an mich herankommen zu lassen. Aber: Wer heute sagt, dass nur die Arbeitsbedingungen die Polizisten zu Radikalen machen, der übersieht ganz viel andere Bewältigungsmuster.

Zum Beispiel?

Der eine entwickelt einen gesunden Umgang damit, hat zum Beispiel eine Entlastungsmöglichkeit, die meisten härten sich ab oder haben positive Bewältigungsstrategien. Einige werden Alkoholiker oder zynisch. Und dann gibt es die, die Reichsbürger werden oder die AfD wählen.

Sie wünschen sich eine „kritische Loyalität“ der Bevölkerung gegenüber der Polizei. Wie definieren Sie diesen Begriff?

„Kritisch loyal“ ist ein Gegenentwurf zu der verbreiteten Aussage: „Wir müssen rückhaltlos hinter unserer Polizei stehen.“ Ich plädiere dafür, die Akzeptanz nicht gegen Kritik auszuspielen. Eine rechtsstaatliche Polizei muss Kritik und Kontrolle zulassen. Das gilt für Polizisten untereinander genauso wie für die Öffentlichkeit.
© Südwest Presse 16.10.2020 07:45
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