Leitartikel Guido Bohsem zur Corona-Lage

Doch ein Wunderjahr

  • Guido Bohsem Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Nein, als ein annus mirabilis, ein Wunderjahr, gilt dieses 2020 beileibe nicht. Zu viele Zeitgenossen haben in diesem Jahr Erfahrungen gemacht, die sie nicht für möglich gehalten hätten. So sehr hielt und hält uns Corona noch im Griff, dass das Weltereignis der Wahlen in den USA nur wie ein kurzes Intermezzo anmutete im scheinbar ewigen Strom der Seuchen-Nachrichten. Ja, Donald Trump muss das Weiße Haus räumen, das ist ein Lichtblick. Aber sonst: Spaß-Lockdown und Sorgen, Sorgen, Sorgen. Schleich dich, 2020.

Zum ersten Mal aktenkundig wurde der Begriff annus mirabiblis übrigens im 17. Jahrhundert. Im Sommer 1665 brach in London die Pest aus. Um der Verbreitung der Krankheit vorzubeugen, mussten die Bürger die Straßen gründlich putzen. Auf öffentlichen Plätzen wurden duftende Kräuter verbrannt und herumstreunende Katzen und Hunde erlegt. Aus Furcht vor der Seuche flüchtete Isaac Newton damals aus Cambridge aufs Land, um in den folgenden Monaten die Grundlagen der Gravitation und der Optik zu ergründen und die Infinitesimal-Rechnung zu entwickeln.

Mit ein bisschen Glück kann sich die Geschichte wiederholen, handelt es sich bei dem Isaak Newton unserer Zeit um einen deutschen Mediziner: Ugur Sahin. Zusammen mit seiner Frau Özlem Türeci steht er kurz davor, den ersten und laut ersten Tests erstaunlichen wirksamen Impfstoff gegen Corona auf den Markt zu bringen. Ja, es gibt noch einige Hürden und noch viele offene Fragen. Aber die beiden Ärzte, übrigens Kinder türkischer Einwanderer, wären im Erfolgsfall vielleicht nicht die größten, so aber ganz ohne Zweifel doch die wichtigsten Forscher unserer Zeit. Gelänge der Impfstoff „Made in Germany“ glänzte der Wissenschaftsstandort nach den Nobelpreisen im Physik (Reinhard Genzel) und Chemie (die Französin Emmanuelle Charpentier forscht in Berlin) um so prächtiger. Zumal ihm von Laien längst nicht mehr viel zugetraut wird.

Gleichzeitig sinken in der Bundesrepublik die Zahlen der Neuinfektionen im Wochenvergleich erstmals wieder seit September und auch die anderen Werte deuten an, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der aktuellen Corona-Welle wirken. Geht das so weiter, dürfte das oberste Ziel erreicht und eine Überlastung des Gesundheitssystems erneut verhindert werden können. Das ist gut!

Doch selbst mit dem Impfstoff in greifbarer Nähe wird in den nächsten Wochen und Monaten noch keine wirkliche Wende eintreten. Die Jahreszeit hilft dem Virus. Die Zeit der hohen Infektionen sollte allerdings mit Verve für wichtige Erkenntnisse sozusagen in der angewandten Virus-Forschung genutzt werden. Es muss eine belastbare Statistik über die Verbreitung der Krankheit her und – man kann es nicht oft genug wiederholen – die besonders gefährdeten Gruppen müssen eine besondere Behandlung erfahren. Wenn das alles klappt, dann können die letzten beiden Monate des annus horribilis, des schrecklichen Jahres 2020, der Auftakt zu einem Wunderjahr der Forschung und des Lebens werden.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 11.11.2020 07:45
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Kommentare

Frieder Kohler


Wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär ( so Otto Reutter)

1. "Wenn"- das Wörtchen ist nur klein,
doch ein böses Wort.
"Wenn", so sagt man allgemein,
klagt man hier und dort.
"Wenn ich noch mal zwanzig wär',
wär' ich klüger wie vorher",
"Wenn ich fing von vorne an,
würde ich ein reicher Mann."
Alles wär' nicht halb so schwer,
wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär'.

2. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sieht es als ermutigendes Signal, dass Biontech die Zulassung seines Corona-Impfstoffs beantragen will. Aber: Man müsse realistisch bleiben. "Es kann Rückschläge bei der Zulassung geben"- und der "Auftakt zu einem Wunderjahr" ist für mich ein Beispiel für Fluch und Segen der Wortwahl. 

3. Die folgenden 10 Strophen von Reutter bringen die Vertiefung des AHA-Verhaltens, wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär! Bei noch so großer Zuversicht (Glaube, Liebe, Hoffnung), ist für die Jahre 2021f. in den Leitmedien zu hören und zu lesen, dass es harte Zeiten und keine Wunderjahre werden.

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