Fallstricke der Integration

Fünf Jahre nach dem Sommer 2015 hat ein großer Teil der Angekommenen eine Arbeit gefunden und sich eingelebt. Doch viele Probleme sind noch immer ungelöst.
  • Flüchtlinge in einem Deutschkurs. Sprachkenntnisse sind wichtig, damit die Integration gelingt. Foto: Uwe Lewandowski/epd Foto: Uwe Lewandowski/epd
  • Andreas Thewalt mit seiner Frau und Hamed, der aus Afghanistan stammt und als 16-Jähriger nach Deutschland kam. Foto: Privat
Wenn Andreas Thewalt die Frage beantworten muss, ob der Satz „Wir schaffen das“ nach fünf Jahren wahr geworden ist, muss er nicht lange überlegen. Er selbst hat daran mitgewirkt. Als Vormund hat er 2016 die Betreuung eines afghanischen Jungen übernommen. Der Schritt wurde zu einer kleinen Erfolgsgeschichte. Zu einer von mehr als 400 000 – so viele Menschen hatten allein aus den acht Hauptherkunftsländern von Flüchtlingen in Deutschland Anfang dieses Jahres – vor der Corona-Krise – eine Arbeit gefunden.

Als Hamed mit 16 Jahren in Deutschland ankam, hatte er eine weite Reise hinter sich. „Mit zehn Jahren ist er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder aus Afghanistan geflohen“, berichtet Thewalt. Zunächst kamen sie im Iran unter, wie viele afghanische Flüchtlinge. Hamed schlug sich dann weiter durch.

In Berlin traf er Andreas Thewalt, der sich als Vormund für einen Geflüchteten zur Verfügung gestellt hatte. Die Chemie stimmte. Aber auf den Journalisten wartete viel Arbeit. „Satt, warm, trocken – dafür sorgte der Staat“, erinnert sich der 64-Jährige. „Für die meisten anderen Dinge war ich zuständig.“ Er kümmerte sich um das Asylverfahren, die endlosen Behördenschreiben, die Suche nach einem Ausbildungsplatz. Die Mühe lohnte sich. Hamed absolvierte eine Berufsausbildung zum Maurer, trainierte die B-Jugend eines Fußballvereins, spielte Theater.

Die Erfahrung Hameds teilt ein nicht kleiner Teil der Geflüchteten: Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit waren Anfang des Jahres 360 000 von ihnen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Hinzu kamen 74 000 Minijobber. Das heißt, dass etwas mehr als jeder Dritte einer Beschäftigung nachging. Dieses kleine Jobwunder droht allerdings gerade unter die Räder zu geraten, warnt der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg. „Eine neue Gefahr für die Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie.“

Dass es gerade die Zugewanderten trifft, hat vor allem einen Grund, erklärt Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Viele Geflüchtete sind in drei Branchen tätig, die besonders von den Auswirkungen der Pandemie betroffen sind: Handel, Zeitarbeit und Gastronomie. Außerdem üben sie eher gering qualifizierte Tätigkeiten aus, die in Krisen eher wegfallen als Facharbeiterpositionen. Ein großer Teil der arbeitenden Geflüchteten ist darüber hinaus trotz eines Jobs auf staatliche Unterstützung angewiesen.

So sieht Landsberg die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt als „besondere und langfristige Herausforderung“, auch weil es vielen an sprachlichen Voraussetzungen und beruflichen Qualifikationen fehle. „Hier müssen wir noch stärker auf eine frühzeitige Integration aus einer Hand setzen“, fordert er: Sprachförderung, Ausbildung und Qualifizierung.

Bei der Integration in die Gesellschaft arbeiten inzwischen Behörden mit anderen Organisationen und Kirchen zusammen. Begleiter wie Andreas Thewalt, der durch die Caritas an seinen Zusatzjob kam, kümmern sich darum, dass Flüchtlinge in der ungewohnten Umgebung Fuß fassen können. Die Bundesregierung hat dafür sogar eigens das Pilotprojekt „NesT“ aufgelegt: „Neustart im Team“.

Dennoch sieht Städte- und Gemeindetagsvertreter Landsberg nach wie vor Probleme bei der Integration. „Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend, was die Akzeptanz gegenüber Geflüchteten betrifft“, warnt er. Hass gegenüber Geflüchteten, aber auch gegenüber Kommunalpolitikern sei „nicht akzeptabel und muss konsequent geahndet werden“. Gleichzeitig müsse man aber auch Probleme benennen: „Dazu gehört, dass es im Sinne einer Null-Toleranz-Politik Konsequenzen haben muss, wenn Geflüchtete hier straffällig werden und unsere Regelungen und Grundwerte nicht respektieren.“

Darüber hinaus müssten Geflüchtete, die vollziehbar ausreisepflichtig sind, auch in ihr Herkunftsland zurückgeführt werden. Momentan verfügt rund ein Fünftel der ausreisepflichtigen 250 000 Menschen in Deutschland nicht über eine Duldung. Sie könnten also abgeschoben werden. Allerdings sind nicht alle der knapp 50 000 Betroffenen Flüchtlinge, sondern zum Beispiel auch Menschen, deren Visum abgelaufen ist. Das Problem: Die Rückführungen scheitern in etwa der Hälfte der Fälle. Manchmal an fehlenden Papieren, manchmal daran, dass ihr Herkunftsland die Menschen nicht zurücknehmen will oder dass sie vor dem Abreisetag untertauchen. Eine Verschärfung der Abschieberegelungen unter Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) setzte vor allem auf Härte. 2019 wurden rund 22 000 Menschen abgeschoben, in diesem Jahr werden es wegen der Corona-Pandemie deutlich weniger sein.

Daneben hat die Bundesregierung seit 2015 allerdings auch eine Anzahl von Gesetzen für die bessere Integration von Flüchtlingen eingebracht. Etwa ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz und eine verlängerte Ausbildungsduldung: Wer drei Jahre Ausbildung hinter sich hat, darf für zwei weitere Jahre in Deutschland bleiben.

Mit 18 Jahren endet die offizielle Begleitungszeit für den Vormund eines Flüchtlings – aber nicht die Sorge. Auch heute hilft Andreas Thewalt seinem Schützling noch, wenn er zum Beispiel Post von der Arbeitsagentur bekommt. Hamed ist inzwischen Maurer in einer kleinen Handwerkerfirma. Und Thewalt kümmert sich seit zwei Jahren um einen 13-Jährigen aus Eritrea. Wenn er von den beiden spricht, nennt er sie „meine Jungs“. Und er fügt hinzu: „Es gibt wenige Dinge, die ich im Leben als sinnvoller betrachtet hätte.“
© Südwest Presse 17.10.2020 07:45
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