Hintergrund

Fluchtwege des Grauens

  • Schon vor der gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer erleben viele Flüchtlinge Schreckliches. Foto: Santi Palacios/AP/dpa
„Wir haben drei Tage durch die Sahara gebraucht. Die, die uns führten, gaben uns nur am Morgen ein bisschen Wasser. Sie schlugen uns, damit wir schneller gehen. Unsere Brüder verdursteten. Wir konnten sie nicht einmal begraben.“ So schildert ein Flüchtling aus Eritrea das Martyrium einer Flucht in Richtung Libyen. Es folgten für ihn zwei Jahre in libyschen Lagern. Hunger, Durst, Krankheiten und Angst prägten den zermürbenden Alltag. Dann gelang doch noch die lebensgefährliche Überfahrt auf die italienische Insel Lampedusa.

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat gemeinsam mit anderen Organisationen einen erschütternden Bericht über die afrikanischen Flüchtlingsrouten vorgelegt. Er belegt, mit welchen menschenunwürdigen Zuständen Geflüchtete auf dem Weg nach Europa zurechtkommen müssen. Mindestens 1750 Menschen sind laut dem Bericht in den vergangenen zwei Jahren allein auf den Routen nach Libyen ums Leben gekommen.

Die Gewalt geht von Schmugglern, Menschenhändlern, Milizen und sogar von staatlichen Vertretern aus. „Zu lange sind die grauenhaften Misshandlungen, die Flüchtlinge und Migranten auf der Landroute erfahren haben, weitgehend unsichtbar geblieben“, sagt UN-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi.

Flüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder berichten von brutaler Gewalt: von Verbrennungen mit heißem Öl, geschmolzenem Plastik oder erhitzten Metallgegenständen, von Stromschlägen und Fesselungen in quälenden Positionen. Oft werden sie eingesperrt, um Lösegeld zu erpressen. Frauen und Mädchen, aber auch Männer und Jungen, sind einem hohen Risiko von Vergewaltigung ausgesetzt, insbesondere an Kontrollpunkten und in Grenzgebieten sowie beim Durchqueren der Wüste.

Nicht alle, aber die meisten Flüchtlingsrouten, die in West- oder Ostafrika oder am Horn von Afrika beginnen, enden in Libyen. Die UN-Flüchtlingsorganisation erwartet von der internationalen Staatengemeinschaft „größere Anstrengungen, um den Schutz der Menschen, die auf diesen Routen unterwegs sind, zu verstärken und glaubwürdige, legale Alternativen zu diesen gefährlichen und verzweifelten Reisen anzubieten“. abo
© Südwest Presse 17.10.2020 07:45
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