Interview

„Gefühl, dass es sinnvoll ist“

  • Psychologin Julia Scharnhorst. Foto: BPD
Die Politik sollte bei der Kommunikation der Corona-Maßnahmen auf plastische Einzelschicksale setzen, findet Julia Scharnhorst, Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Frau Scharnhorst, wie fanden Sie die Kommunikation der Kanzlerin bei der Verkündung der neuen Corona-Regeln am Mittwochabend?

Julia Scharnhorst: Menschen neigen dazu, Autoritäten zu vertrauen. Frau Merkel hat die Lage nicht dramatisiert, aber auch nicht zu leichtgenommen – da hat sie ein Händchen für.

Die Bundeskanzlerin wirkte bei der Pressekonferenz genervt. Überträgt sich das nicht auf die Bürger?

Ich finde, sie hat damit die Stimmung in der Bevölkerung gut aufgegriffen. Auch mit der Aussage, dass man jetzt in 14 Tagen wieder miteinander reden müsse. Sie wünscht sich, wie viele, klare Regelungen. Allerdings untergräbt sie damit auch ein wenig ihre Autorität, weil sie sich nicht durchsetzen konnte. Die Bürger könnten sich fragen: Wenn sich die Politiker nicht einig darin sind, dass die Regeln notwendig sind, warum muss ich sie einhalten?

Bei Teilen der Bevölkerung herrscht eine Müdigkeit, sich an die Beschränkungen zu halten. Im privaten Bereich lässt sich schlecht alles kontrollieren. Wie bekommt man die Menschen dazu, sich trotzdem an die Regeln zu halten – und das für einen langen, harten Winter?

Man muss unbedingt erklären, warum es diese Regeln gibt. Es funktioniert nicht, vor allem über eine längere Zeit, über Druck und Zwang. Die Menschen müssen das Gefühl bekommen, dass die Regelungen sinnvoll sind. Ich möchte nicht die Wirtschaft schädigen, und ich möchte nicht, dass meine Großeltern, Eltern oder ich daran sterben.

Wie kann man es am besten so erklären, dass die Menschen es verstehen?

In jedem Fall nicht über abstrakte Zahlen. Man muss plastisch darstellen, was diese Zahlen bedeuten. Das tut man zum Beispiel, in dem man Einzelschicksale darstellt. An einem Tag schreibt eine 20-Jährige noch eine WhatsApp-Nachricht an Freunde, zwei Tage später ist sie tot.

Das heißt, man sollte sich eher auf einzelne Menschen und weniger auf gesellschaftliche Zusammenhänge wie Arbeitslosigkeit konzentrieren?

Wir nehmen Gefahren dann wahr, wenn sie uns persönlich nahekommen. Das weiß man auch von der Angst vor Krebs. Die bekommt man, wenn ihn jemand aus der Familie oder der Nachbar hat. Dominik Guggemos
© Südwest Presse 16.10.2020 07:45
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