Leitartikel Guido Bohsem zur Rolle der sozialen Medien

Im Namen der Freiheit

  • Guido Bohsem Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Erstmals in ihrer Geschichte haben zunächst Facebook und dann auch Twitter eine Geschichte eines anderen Mediums von ihren Kanälen verbannt. Wer auch immer die hochgradig unseriös anmutende Geschichte über den Sohn des Demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden verbreiten wollte, konnte das nicht tun. Betroffen waren etwa die Sprecherin von Donald Trump und dem ehemaligen Botschafter des Präsidenten (nicht des Landes) in Deutschland, Richard Grenell.

Die großen sozialen Medien, so scheint es, haben aus dem Wahlkampf von vor vier Jahren gelernt und versuchen, allzu offenkundige Lügen erst gar nicht über die ganze Welt zu verteilen. Das wäre ein Segen, wo doch inzwischen 40 Prozent aller Amerikaner sich nur auf Facebook über die Weltlage informieren. Es wäre wünschenswert in einem Land, das seit fast vier Jahren vom ersten Twitter-Präsidenten in der Geschichte mit Lügen und Verachtung gespalten wird. Die Welt wäre ein besserer Platz, würde das Monster soziale Medien gezähmt.

Doch dem ist natürlich nicht so. Facebook und Twitter handeln wie sie handeln aus drei Gründen – und alle haben damit zu tun, sich ihre schier unerschöpfliche Geld-Bonanza nicht zu ruinieren. Schon seit langem gärt es unter den Mitarbeitern Facebooks, dass sie dem weltweit größten Verbreiter von Hass und Verleumdung arbeiten. Um diese raren Talente zu halten, muss Facebook etwas gegen diesen Ruf tun. Zweitens haben eine ganze Reihe von Anzeigenkunden die Zusammenarbeit aus den selben Gründen beendet. Drittens sehen Marc Zuckerberg und seine Leute, dass nicht Trump, sondern Biden die Wahl gewinnen und die Demokraten womöglich auch den Senat beherrschen werden – und zumindest Teile der Partei haben sich, auch aus besagten Gründen, für die Zerschlagung der Internet-Giganten ausgesprochen.

Dieser Dreiklang aus internem, wirtschaftlichem und politischem Druck könnte das Geschäftsmodell ruinieren. Kein Wunder also, dass der Konzern reagiert und hin und wieder mal etwas sperrt. Was wie ein Zugeständnis anmutet, macht in Wahrheit eine Strategie aus. Das Unternehmen (ähnlich wie auch Twitter) sichert sich mit der Teilzeit-Verantwortlichkeit die besten Dinge aus zwei Welten. Es hat immer noch die Option, jede Minute Gigabytes von Dreck in die Welt zu kübeln und es kann sich frei entscheiden, welcher Teil aus welchen Gründen ausgesiebt wird.

Lange Zeit haben Verleger und Journalisten immer wieder gehört, dass sie das Internet einfach nicht verstünden, wenn sie darauf beharrten, dass dort die gleichen Rechte und Pflichte gelten sollten wie auch für Zeitungen und Sender. Gesungen wurde das Credo der Freiheit des Digitalen. Doch diese Freiheit wird von multinationalen Konzernen zum Geldscheffeln missbraucht, auf Kosten von Zivilgesellschaften und Demokratien. Das darf nicht so weitergehen. Auch die sozialen Medien müssen für ihre Inhalte haften, so wie sie es auch in der realen Welt müssten, wenn sie eine Zeitung herausgäben oder einen Sender betrieben.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 16.10.2020 07:45
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