Jugend muss sich neu erfinden

Steigende Arbeitslosigkeit, schlechtere Perspektiven: Die Corona-Krise stellt eine ganze Generation vor ungeahnte Probleme.
  • Übernahme nach der Ausbildung? Nicht nur die Maske während der Lehre ist neu – die Perspektiven sind mit einem Mal unsicher. Foto: Christoph Schmidt/dpa
  • Mehr junge Arbeitslose Foto: Statista
  • Weniger Lehrstellen Foto: Statista
Sie hatte es befürchtet. Den ganzen Abend über hatte Birgül Kececi beobachtet, wie ihr Chef Kollegen um Kollegen zum Gespräch lud. Sie wusste: Sie könnte die nächste sein. Die 21-Jährige wurde die nächste. Auch Kececi verlor an diesem Abend Anfang März ihren Job im „Hans im Glück“-Restaurant in Mannheim.

„Ich war traurig“, sagt Kececi. Sechs Monate hatte sie als Servicekraft in dem Lokal gearbeitet. Eine Vollzeitstelle, befristet. Der Job sei angenehm gewesen, das Verhältnis zum Vorgesetzten tadellos. „Er hat gesagt, dass er mich gerne weiterbeschäftigt hätte.“ Doch dann kam Corona. Plötzlich schlossen die Geschäfte, plötzlich strauchelten Betriebe, plötzlich wurden tausende junge Menschen arbeitslos.

Die Pandemie hat die Perspektiven von jungen Berufstätigen schlagartig verändert. Bislang galten sie als goldene Generation, der die Arbeitgeber nur so zu Füßen liegen. Nun gelten sie als „Generation Corona“, die in eine unsichere Zukunft schlittert. Die Bundesagentur für Arbeit registrierte seit Beginn der Pandemie rund 85 000 mehr Arbeitssuchende unter 25 Jahren. In Berlin und Bremen ist bereits jeder zehnte Arbeitsanfänger ohne Job.

Enzo Weber wundern die Zahlen nicht. „Für junge Arbeitnehmer ist die momentane Situation am Arbeitsmarkt ein Nackenschlag“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Das Problem: Die Corona-geplagten Unternehmen stellen wenig ein und entlassen viel. Und wenn sie entlassen, meist die jungen Kollegen. „Sie trifft es häufig, weil sie oft befristet angestellt sind oder Minijobs haben.“

Die Folge: Junge Arbeitnehmer sind besonders stark von der Corona-Krise betroffen. Weber glaubt nicht, dass sich Lage schnell wieder entspannt. Im Gegenteil: „Falls die Infektionszahlen wieder steigen, sieht die Welt nochmal ganz anders aus.“

„Es herrscht Frustration“

Die Situation ist paradox: Junge Menschen leiden seltener unter den Infektionen, dafür umso häufiger unter den Folgen der Krise. „Es herrscht Frustration“, sagt Simon Schnetzer. Der Jugendforscher aus Kempten berichtet von Berufsanfängern, die Absage nach Absage kassieren, die verunsichert und orientierungslos sind. Gerade in Branchen, die die Pandemie besonders hart getroffen hat. Gastronomie, Tourismus, Event, Luftfahrt.

Aber nicht nur die wirtschaftliche Unsicherheit macht der jungen Generation zu schaffen. Auch das Privatleben leidet. Clubs sind geschlossen, Fußballstadien leer, Urlaube abgesagt. „Junge Menschen haben ein echtes Problem, sich zu motivieren, weil es so wenig gibt, worauf sie sich freuen können“, erklärt Schnetzer. Der Forscher beobachtet in seinen Umfragen, dass bei jungen Menschen ein Begriff rapide an Bedeutung gewinnt: Generationengerechtigkeit. Behandelt der Staat den Nachwuchs in der Krise fair?

Die Meinungen driften auseinander. Besonders rau wurde die Debatte, als die Bundesregierung Anfang Juni ihr 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturprogramm beschloss. Während sich die große Koalition feierte, tadelten die Jugendorganisationen vieler Parteien die Hilfen. Zu wenig für Klimaschutz, zu wenig für Digitalisierung.

Anna Peters, die Vorsitzende der Grünen Jugend, hielt die Förderungen im Verkehr für eine „klimapolitische Schande“. Ria Schröder von den Jungen Liberalen warf der Bundesregierung „Mutlosigkeit“ vor. Selbst Tilman Kuban, Chef der Jungen Union, warnte: „Die 130 Milliarden Euro sind eine harte Belastung für die junge Generation.“

Jung, arbeitslos, abgehängt?

Die Heranwachsenden fühlten sich oft von der Politik übergangen, meint Schnetzer. „Die größte Gefahr ist, dass junge Leute in ihrer Frustration alleine gelassen werden.“ Denn das biete im Extremfall Platz für Hoffnungslosigkeit, Unmut und rechtes Gedankengut.

Die „Generationen Stiftung“ fordert daher einen Rettungsschirm für jüngere Generationen. „Sonst stehen wir bald vor einem sozialen Trümmerhaufen“, heißt es in der schriftlichen Forderung. Steigende Arbeitslosigkeit, steigender Unmut, steigende Ungewissheit – junge Menschen stehen vor ungeahnten Problemen. „Sie müssen sich neu erfinden“, sagt Schnetzer. „Aber das traue ich denen zu.“

Birgül Kececi hat schon gezeigt, wie es geht. Die 21-Jährige fand drei Monate nach ihrer Entlassung wieder einen Job, arbeitet nun in einem Restaurant in Heidelberg. Sie sei sehr glücklich. „Ich lasse jetzt erst einmal alles auf mich zukommen.“
© Südwest Presse 31.07.2020 07:45
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