W eniger Party, mehr Personal

Die Politik will der Überforderung von Gesundheits- und Ordnungsämtern entgegenwirken. Und die Kliniken sehen starken Anstieg der Covid-19-Behandlungen voraus.
  • Feiern nur in kleiner Runde: Die erlaubte Zahl von Party- Teilnehmern sinkt wieder. Foto: ©Lucia Romero/shutterstock.com
Die Corona-Infektionen nehmen rasant zu. Die Politik versucht gegenzusteuern – etwa mit mehr Personal für Gesundheits- und Ordnungsämter. Die Kliniken gehen unterdessen von deutlich steigenden Covid-19-Fällen bereits im November aus.

Welche neuen Vorgaben gibt es für Risikogebiete? Schon für Regionen mit 35 Infizierten pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche lautet die Empfehlung: Feiern in privaten Räumen nur noch mit maximal 15 Teilnehmern, in öffentlichen Räumen dürfen es bis zu 25 sein. Für Gaststätten soll eine Sperrstunde gelten, und bei Versammlungen in der Öffentlichkeit soll Maskenpflicht bestehen. Bei einem Anstieg auf 50 Neuinfizierte pro Region werden noch strengere Vorgaben empfohlen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der der Ministerpräsidentenkonferenz vorsitzt, sagte, man habe sich mit den neuen Regeln extra noch einmal „die privaten Feiern, die Gruppenbildungen im öffentlichen Raum und den Alkoholausschank“ vorgenommen.

Die örtlichen Ordnungsämter sollen die Einhaltung der Regeln überwachen. Sind sie dafür gut genug besetzt? Eher nicht. „Die Ordnungsämter arbeiten seit Monaten an der Belastungsgrenze“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, dieser Zeitung. Deshalb fordert er „einen Pakt für die kommunalen Ordnungsdienste, der kurzfristig Unterstützung und Entlastung sicherstellen kann“. Die vom Bund angebotene Hilfe der Bundespolizei sei sehr willkommen. Kommunen sollten aber auch zertifizierte private Ordnungsdienste einsetzen dürfen, die dann wie Beamte des Ordnungsamtes „kontrollieren und auch Bußgelder verhängen dürfen“. Bezahlen müssten den Mehraufwand, den Landsberg für 2020 auf eine Milliarde Euro schätzt, zwar zunächst die Kommunen. „Wir erwarten allerdings eine finanzielle Unterstützung.“

Welche Kontrollen verursachen den größten Aufwand? Private Feiern und Hochzeiten seien es, bei denen die Einhaltung der Corona-Regeln am schwersten zu überwachen sei, sagt Verbandschef Landsberg. „Weil sie zu einem großen Teil nicht im öffentlichen Raum stattfinden.“ Dabei hätten sich Feiern und Partys als Treiber der Pandemie erwiesen. Kontrollen seien deshalb sehr wichtig, könnten aber nicht flächendeckend durchgeführt werden, betont Landsberg. Am Ende seien die Ordnungsbehörden auf das Verhalten der Menschen angewiesen und auf deren Bereitschaft „vernünftig zu sein“.

Wie steht es um die Gesundheitsämter? Kanzlerin Angela Merkel (CDU) fürchtet, dass die Liste der Gesundheitsämter, die von der Zahl der Neuinfektionen überfordert sind, immer länger wird. Einer Umfrage zufolge befinden sich fast zwei Drittel der Ämter in den Corona-Hotspots an der Belastungsgrenze. Merkel hat sich deshalb mit den Ministerpräsidenten darauf verständigt, dass die Verwaltungen von Bund, Ländern und Kommunen darüber nachdenken, wie sie mit Personal aushelfen können. Dabei hatte der Bund bereits zuvor angekündigt, bundesweit 5000 Stellen im öffentlichen Gesundheitsdienst zu finanzieren. Schon heute helfen Mitarbeiter aus anderen Teilen der Verwaltung, aber auch von Sparkassen. Die Bundeswehr ist ebenfalls sehr aktiv.

Dass viele Ämter überfordert sind, hat seinen Grund. Viele Stellen, gerade die von Ärzten, sind seit Jahren unbesetzt. Was auch an der vergleichsweise schlechten Bezahlung liegt – und generell an dem Arbeitsumfeld in einem seit Jahren in weiten Teilen des Landes unterfinanzierten Bereich.



Was ist mit den Krankenhäusern? Zu Beginn der Pandemie waren Kliniken angehalten, planbare Operationen zu verschieben, um Betten für Corona-Patienten freizuhalten. Angesichts der wochenlang sehr wenigen Corona-Krankenhausfälle kehrten die Kliniken zum Normalbetrieb zurück. Doch die Lage hat sich verändert. So zeigt sich der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, besorgt über die Neuinfektionen. Diese würden in einem Zeitversatz von etwa 14 Tagen auch in den Kliniken ankommen.

„Schon jetzt sehen wir eine Verdopplung der Neuaufnahmen infizierter Patienten zur Vorwoche.“ Die Zahl der Covid-19-Behandlungen in Intensivstationen nehme deutlich zu. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir bereits im November die Zahl von rund 2000 Intensivpatienten mit Coronainfektion erreichen werden“, so Gaß. Das sei dann nicht mehr weit vom Frühjahr entfernt.

Laut dem Register der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin liegen derzeit 655 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Vor einer Woche hatte der Wert noch 487 betragen. Zum Vergleich: Vor genau einem halben Jahr gab es 2679 Corona-Fälle auf Intensivstationen. Die Charité jedenfalls sieht sich angesichts der Zahlen in Berlin gezwungen, planbare Eingriffe wie im Frühjahr wieder zu verschieben. Auch das Uniklinikum in Frankfurt am Main stellt sich darauf ein. Es dürften nicht die einzigen Krankenhäuser bleiben.
© Südwest Presse 16.10.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy