Wenn Windräder Eisbomben werfen

Windkraftanlagen Nasses Schmuddelwetter und dazu nächtliche Minusgrade: Die Rotorblätter von Windrädern werden da offenbar zu gefährlichen Katapulten.
  • Das südlichste der vier Windräder im Windpark Bühlertann, an der Abzweigung der Kreisstraße nach Holenstein. Hier flogen am Montag Eisklumpen. Foto: new
  • Rudolf Knecht fotografierte im Januar 2018 diesen Rest einer „Eisbombe“ südlich von Rosenberg im Wald. Seinen Handschuh legte er zum Größenvergleich daneben.

Bühlertann

Wer die Energiewende will, muss es auch hinnehmen, dass Windkraftanlagen gebaut werden. Andererseits bekommt keiner gerne bis zu mehrere hundert Stundenkilometer schnelle Eisklumpen an den Kopf.

Was Anwohner und Naturschützer gern in Wallung bringt, ist die Frage, wo die Anlagen aufgestellt werden. Muss es mitten im Wald sein, wo Rodungen nötig werden und das Wild gestört wird? Muss es in der Nähe von Siedlungen sein, wo das Geräusch der riesigen Rotorblätter ebenso permanent nervt wie der Anblick der Riesen bei Tag und ihrer Festbeleuchtung bei Nacht? In Bayern müssen die Räder das Zehnfache ihrer Gesamthöhe von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt sein, das wären im Fall der neuen Monsterwindräder über zweieinhalb Kilometer. In Baden-Württemberg reichen einige hundert Meter.

Was aber auch Beachtung verdient, ist der Abstand der Windräder zu Straßen und Wegen. Wenn die Rotoren in Schwung sind, lenkt das nicht nur optisch ab – übrigens auch der über Straße und Wiesen huschende Schatten – sondern in der kalten Jahreszeit kann es auch regelrecht gefährlich werden: Da fliegen schon mal Eisbollen durch die Gegend, und zwar mit Karacho.

„Eisbomben“ von Anfang an

„Eisbomben“; das heißt, Eisklumpen, die sich an den Rotoren der Windräder gebildet haben und die sich, vermutlich vor allem bei Tauwetter, dann lösen und mit einer enormen Geschwindigkeit durch die Gegend geschleudert werden, sollte es eigentlich gar nicht geben. Aber es gibt sie eben doch.

Die im Ellwanger Raum mit als erste aufgestellte Windkraftanlagen bei Leinenfirst lassen hin und wieder Eisklumpen auf die vorbeiführende Kreisstraße prasseln. Anwohner haben die Spuren fotografiert.

Auch bei den riesigen Windrädern südlich von Rosenberg hat man „Eisbomben“ gefunden, allerdings glücklicherweise nicht auf der nahen, viel befahrenen Landesstraße, sondern in der Umgebung der Windräder im Wald.

Auch ein SchwäPo-Redakteur machte jetzt eigene Erfahrungen. Am vergangenen Montagvormittag krachten mindestens zwei Eisklumpen beim Windpark Bühlertann, zwischen Kammerstadt und Fronrot im Landkreis Schwäbisch Hall gelegen, in Richtung Kreisstraße. Vom ersten wuchtigen Einschlag vor ihm auf die Fahrbahn noch beeindruckt, hörte der Journalist als nächstes ein lautes „Boing“ auf dem Autodach. Als er nachsah, entdeckte er eine nicht gerade kleine Beule im Blech: Zwischen hühnerei- und faustgroß muss der Klumpen gewesen sein, der hier einschlug.

Das kann ins Auge gehen

Der Sachschaden am Auto war ihm einerlei – ab einem gewissen Alter sieht man einem Auto ein Beulchen auch nach – aber die Vorstellung, dass so ein Brocken auf eine Windschutzscheibe trifft und sie womöglich durchschlägt, oder dass ein Radfahrer am Kopf getroffen wird, ließ es doch ratsam erscheinen, die EnBW als Eigentümerin des Windparks Bühlertann zu informieren.

Die reagierte denn auch vorbildlich: Die Anlagen wurden umgehend abgeschaltet, bis Experten die Anlage überprüft haben.

Wenn Eis an den Rotoren anhaftet, verursacht dies bei der laufenden Anlage eine Unwucht. Sensoren messen dies, und die Anlage schaltet dann automatisch ab – zumindest theoretisch sollte das so sein.

In der Praxis funktioniert es offenbar nicht immer. Oder die geschilderten „Eisbomben“ sind einfach zu leicht, um die schweren Rotorblätter aus der Ruhe zu bringen: Die wiegen im Fall der Bühlertanner Anlagen Vestas V126 wohl um die 13 Tonnen pro Blatt (Quelle: windkraft-journal.de). Eine potenzielle 1-Kilo-Eisbombe verhält sich zum Gewicht des einzelnen Rotorblattes also nur 1 : 13 000.

Unglaubliche Wucht

Ein 1-Kilo Eisklumpen ist aber mit entsprechender Geschwindigkeit wuchtig genug, um erheblichen Schaden anzurichten. Die äußeren Enden der Rotorblätter können nämlich, je nach Wind, zwischen 130 und 390 Stundenkilometer schnell werden (Quelle: enercity positive news). Das gibt den Eisbomben Schwung ...

Beim Windradhersteller Vestas lässt sich nachlesen, dass die Anlagen mit „Eiserkennungssystemen“ und „Enteisungssystemen“ ausgerüstet werden können.

Ob die Anlage bei Fronrot so ausgestattet ist, wird die EnBW unserer Zeitung sicher noch berichten.

© Schwäbische Post 18.02.2019 10:39
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Kommentare

W.Pulsar

Da gibt es nur eine Lösung:

So lange diese Gefahr nicht beseitigt wird müssen die Anlagen stillgelegt werden. 

lesemeister

W.Pulsar schrieb am 13.02.2019 um 22:56

Da gibt es nur eine Lösung:

So lange diese Gefahr nicht beseitigt wird müssen die Anlagen stillgelegt werden. 

Das läuft dann wahrscheinlich darauf raus, dass man in Winter alle Windkraftanlagen stilllegen oder vielleicht eine Heizung in die Rotorblätter aller Windkraftanlagen in _Deutschland_ einbauen muss. ;-)

Ulrike_Aalen

Allen die Maulen  den Strom abstellen

Eisenbieger

Ulrike_Aalen schrieb am 14.02.2019 um 08:51

Allen die Maulen  den Strom abstellen

Schlecht geschlafen?

Fred Ohnewald Redakteur

lesemeister schrieb am 13.02.2019 um 23:19

Das läuft dann wahrscheinlich darauf raus, dass man in Winter alle Windkraftanlagen stilllegen oder vielleicht eine Heizung in die Rotorblätter aller Windkraftanlagen in _Deutschland_ einbauen muss. ;-)

Es gibt Anti-Eissysteme. Die Frage ist, ob in den fraglichen Windrädern welche verbaut sind und ob sie funktionieren. Die "Eisbomben"-Ursache wird zurzeit überprüft, und so lange stehen die Räder tatsächlich still. Die EnBW nimmt das offenbar sehr ernst.

Joe2302

Ulrike_Aalen schrieb am 14.02.2019 um 08:51

Allen die Maulen  den Strom abstellen

So ein unqualifizierter Kommentar kann nur von jemand kommen,...

  • der weder direkt noch indirekt betroffen ist.
  • dem die Sicherheit und Unversehrtheit der Allgemeinheit am A***h vorbeigeht.
  • der keinerlei Vorstellungvermögen über die Gefahr hat, die von solchen Eisbomben ausgeht.

Auch wenn ich es Ihnen - aufgrund Ihres stumpfsinnigen und nutzlosen Kommentars - wünschen würde, von so einem Teil mal getroffen zu werden, so tue ich es dennoch nicht. So etwas hat niemand verdient.

Beate Wiese Redakteurin

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lesemeister

Fred Ohnewald schrieb am 14.02.2019 um 10:57

Es gibt Anti-Eissysteme. Die Frage ist, ob in den fraglichen Windrädern welche verbaut sind und ob sie funktionieren. Die "Eisbomben"-Ursache wird zurzeit überprüft, und so lange stehen die Räder tatsächlich still. Die EnBW nimmt das offenbar sehr ernst.

Wenn wir mal die Zahl der WK-Anlagen von aktuell 30.000 verdoppelt oder verdreifacht haben, dann wird das ja noch viel gefährlicher. Dann wohnt ja jeder Deutsche quasi in "Eisbombenwurfweite" einer WK-Anlage. Und für die danebenstehenden PV-Anlagen könnte das ja dann auch zum Problem werden. Hoffentlich haben die das dann mit der Rotorblattheizung im Griff. Echt schade, dass man die wertvolle regenerative Energie "verheizen" muss.

lesemeister

Ulrike_Aalen schrieb am 14.02.2019 um 08:51

Allen die Maulen  den Strom abstellen

Nicht so rabiat, aber für manchen Energiewende-Utopist wäre es manchmal echt hilfreich, wenn man ihm pro Tage mal ein paar Stunden den Strom abrehen würde ;-)