Esoterik auf dem Vormarsch: Warum faszinieren Horoskope und Kartenlegen so viele Menschen?

Auf den ersten Blick erstaunt es: In Zeiten, die von Rationalität und zunehmender Technisierung geprägt sind, wächst auch das Interesse am Mystischen und Übernatürlichen - zum Beispiel an Horoskopen und am Kartenlegen.

Die heutige durchtechnisierte Alltagswelt erscheint vielen Menschen kalt und sinnentleert: Zwischenmenschliche Kommunikation und Wärme bleiben im hektischen Alltag oft auf der Strecke. Die Komplexität von Digitalisierung und Globalisierung führt dazu, dass Menschen Zusammenhänge nicht mehr begreifen können. Der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit und die pausenlose Beschallung mit Werbebotschaften verursachen Stress und Unzufriedenheit.

Auch wenn Computer und Konsum längst zu einer Art Ersatzreligion geworden sind: Dauerhaft zufrieden machen sie nicht. Hält man sich dies vor Augen, wird klar, warum sich auch - oder gerade - in Zeiten der Rationalität immer mehr Menschen für Esoterik interessieren. Von ihr versprechen sie sich Sinn und Orientierung im Leben.

Im Vergleich zur Religion, deren Sinn ebenfalls darin besteht, Halt und Erklärungen zu bieten, setzt man sich durch esoterische Praktiken mit sich selbst auseinander. Das Ziel ist also, einen Zugewinn der eigenen Persönlichkeit zu erzielen und Orientierung im uns umgebenden Chaos der Dinge zu gewinnen. Diese Besinnung auf sich selbst und auf die individuelle Selbstbehauptung wird aber durchaus auch kritisch gesehen: Laut Huffington Post sprechen Kritiker "von einer neuen Form des spirituellen Narzissmus". Nicht zuletzt der Hype um Yoga habe "die Esoterik wieder in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt", was allerdings Hand in Hand mit einem "Ausverkauf alter Kulturpraktiken und gewachsener quasi-religiöser Strukturen" gehe.

Doch es gibt nur wenige Gründe, harmlose esoterische Praktiken derart negativ zu sehen. Schließlich hat es wenig mit Narzissmus zu tun, wenn man einen Yogakurs besucht. Stattdessen verhelfen die dort praktizierten Rituale und Asanas zu geistiger Ruhe und mehr Gelenkigkeit - frei nach dem Sinnspruch "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper". Und auch wer sich hin und wieder auf Viversum die Karten legen lässt, ist diesen noch lange nicht hörig. Stattdessen können die Karten schlicht und ergreifend Denkanstöße liefern und die Bereitschaft wecken, über den Tellerrand zu blicken und Neues zu wagen.

Ähnlich verhält es sich mit Horoskopen: Auch sie kann man als Anlass nehmen, sein eigenes Verhalten zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Selbst wenn Horoskope in Tageszeitungen oft so allgemein gehalten sind, dass sie auf die meisten zutreffen - die Augen für Facetten der eigenen Persönlichkeit öffnen können sie allemal.

Wenn man also eine gesunde Distanz zu Tarotkarten, Horoskopen und anderen esoterischen Praktiken bewahrt, können sie das Leben durchaus bereichern und dazu beitragen, dass man sich im Dschungel des modernen Lebens besser zurechtfindet.


Bildrechte: Flickr Tarot spread 8 aquarian_insight CC BY-SA 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

© Schwäbische Post 22.11.2018 09:23
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