Unberührt und ungebändigte Natur

Balkan Montenegros Adriaküste ist ein beliebtes Reiseziel. Wer aber hinauf ins Gebirge fährt, entdeckt eine andere Seite des Balkanstaates: hohe Berge, tiefe Schluchten und wilde Flüsse.
  • Foto: Buhl

Lautes Rauschen stört die Stille in dem Canyon. Dann wird es plötzlich fünf Grad kälter. Zumindest fühlt es sich auf dem Schlauchboot so an. Fröstelnd macht sich Gänsehaut breit. Dann steuert das Boot um eine Flussbiegung und gibt links den Blick frei auf einen reißenden Bach, der donnernd in den Fluss namens Tara stürzt.

Der Winter war schneereich. Nun, im Frühsommer, kommt das Schmelzwasser aus einem tiefen Spalt im Felsen, es ist eiskalt und sorgt für die Gänsehaut. Tiefe Schluchten, reißende Bäche – es ist ein Bild, das Urlauber von Montenegro kaum erwarten. Überhaupt haben Touristen die ehemalige jugoslawische Teilrepublik erst vor einigen Jahren als Sommerurlaubsziel entdeckt. Wo früher sozialistische Plattenbauten standen, wachsen an der Adriaküste heute schicke Fünf-Sterne-Hotels in die Höhe. Die Strände sind gut besucht. Was aber bietet Montenegro abseits der Küste?

Abenteuer im Landesinneren

Das Schlauchboot hat erneut eine Flussbiegung passiert und treibt auf die ersten Stromschnellen der Tara zu. Auf dem türkisfarbenen Fluss glitzert die Sonne. „Jetzt alle!“, ruft Danilo Djuranovic. Er sitzt vorn auf dem Rand des Rafting-Bootes und hat das Kommando. Die vier Passagiere tauchen ihre Paddel energisch in den Fluss. Knapp umkurvt das Boot einen großen Stein, kaltes Wasser schwappt in die Schuhe aus Neopren. Danilo Djuranovic grinst. Die nächste Stromschnelle ist schon in Sichtweite.

Die rund zweistündige Fahrt von der Hauptstadt Podgorica aus ins Gebirge führt über lange, kurvige Landstraßen stetig bergauf bis nach Abljak. Das kleine Örtchen liegt auf einer Hochebene am Rande des Nationalparks Durmitor, wo die Tara durch den gleichnamigen Canyon fließt. Hier im Nordwesten Montenegros hat die Tara über Jahrtausende Europas tiefste Schlucht geschaffen, sie ist stellenweise bis zu 1300 Meter tief. Hier zeigt die Natur noch ihr wildes, ungebändigtes Gesicht.

Baden im See, auch mit Hund

Zwei Kilometer westlich von Abljak steht Thomas Wöhrstein am Ufer des Crno jezero, Montenegrinisch für schwarzer See. Wöhrstein ist ein stämmiger Mann in Wanderstiefeln, der Deutsche arbeitet für den Nationalpark. „Es kommen so wenige Leute, das ist alles unberührte Natur“, sagt er und blickt über den See auf das Durmitormassiv. Er sieht unzählige Tannen, den Schnee auf den Berggipfeln und deren Spiegelung im klaren Wasser. „Anders als in anderen Nationalparks der Welt darf man hier baden, sogar mit Hund“, sagt Wöhrstein. Überhaupt ist das Gebirge ziemlich menschenleer. Viele Einheimische ziehen an die Küste und verdienen ihr Geld mit Touristen statt mit einem Bauernhof. Um die Landflucht zu stoppen, ist Thomas Wöhrstein hier. Er soll dem Nationalpark eine nötige Infrastruktur verpassen und Touristen anlocken.

Es kommen so wenige Leute, das ist alles unberührte Natur.

Thomas Wöhrstein Manager

Gut ausgeschilderte Wanderwege, das als Canyoning bekannte Schluchtenwandern und spektakuläre Seilrutschen über den Tara-Canyon gibt es schon. Eines der lohnendsten Ziele ist das Rafting auf der Tara.

Trinken direkt aus dem Fluß

Die Sonne brennt heiß an diesem Tag auf der Tara. Danilo Djuranovic, der auf dem Schlauchboot das Kommando hat, fädelt seine Füße in zwei Schlaufen auf dem Boden, lehnt sich rücklings über Bord und taucht mit dem Kopf in das klare, kalte Wasser. „Ich trinke am liebsten aus der Tara“, erklärt er anschließend und wischt sich strahlend die Tropfen aus dem Gesicht. „Versucht es!“, rät er seinen Passagieren. Es schmeckt und erfrischt.

Ein Rafting-Ausflug auf der Tara dauert einen ganzen Tag. Wer den Fluss noch intensiver erleben möchte, kann auch eine mehrtägige Tour unternehmen und unterwegs an schattigen Uferstreifen im Zelt schlafen. Angenehm wechseln sich auf der Tara Stromschnellen mit ruhigen Abschnitten ab. Dann bleibt Zeit, die einzigartige Natur zu beobachten: die steilen Felswände, die wilden Zuflüsse, die kleinen und großen Wasserfälle und die Vögel, die den Canyon bewohnen.

Danilo Djuranovic steuert das Boot auf eine Felswand des Canyons zu und deutet auf einen Felsvorsprung. „Wer traut sich zu springen?“, fragt er und grinst spitzbübisch. Djuranovic macht den Anfang: Er klettert über die feuchten Steine auf den Vorsprung, der sich etwa fünf Meter über der Wasseroberfläche befindet. „Je mehr ihr nachdenkt, desto größer wird die Angst“, ruft er den Passagieren im Boot zu. Dann taucht Djuranovic im türkisfarbenen Wasser unter.

© Schwäbische Post 21.09.2018 16:14
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