Die große Zarin aus Zerbst gibt vielfach ihr Stelldichein

Geschichte Katharina die Große wuchs in Sachsen-Anhalt auf und wurde weltbekannt.
  • Eine Sammlung im ehemaligen Kavaliershaus erzählt über Katharinas Zeit in Russland. Wer Glück hat, begegnet der Zarin leibhaftig - in Gestalt ihrer Doppelgängerin. Foto:Reinbothe-Occhipinti

Blutjung und den Blick nach Osten gewandt, steht Katharina die Große in Bronze gegossen im Zerbster Schlossgarten. „Es ist das einzige Denkmal der Zarin in Deutschland“, sagt Viola Tiepelmann, Leiterin der Zerbster Tourist-Information. Der russische Bildhauer Michael Perejaslawez schenkte die Statue 2010 der Stadt in Sachsen-Anhalt.

Katharina zieht vor allem Touristen aus Russland an wie ein Magnet, aber auch mehr und mehr Deutsche wollen wissen, wo die spätere Regentin aufwuchs. „Zu DDR-Zeiten war sie tabu“, sagt Viola Tiepelmann. Sophie Auguste Friederike Prinzessin von Anhalt-Zerbst kam 1729 in Stettin zur Welt, als Tochter des königlich-preußischen Generalfeldmarschalls Christian August von Anhalt-Zerbst und seiner Gemahlin Johanna Elisabeth. „Als Christians kinderlos gebliebener Onkel, Fürst Johann August, stirbt, übernimmt der Neffe das kleine Fürstentum Zerbst“, sagt die Stadtführerin. Die Familie zieht in das Residenzschloss, einen der prächtigsten Barockbauten Mitteldeutschlands. „Durch einen amerikanischen Bombenangriff wurde das Schloss 1945 schwer getroffen“, erklärt Viola Tiepelmann. „Nur einer von drei Flügeln blieb stehen.“ Das Gebäude überdauerte die DDR, nach der Wende verhinderten ungeklärte Eigentumsverhältnisse eine Sicherung der Ruine. „Bis 2002 steckte das Schloss in einer Schlafphase“, sagt Bürgermeister Andreas Dittmann. Ein gemeinnütziger Verein rettet seit Jahren den verbliebenen Ostflügel. Mit rauem Charme ragt der imposante, unverputzte Bau in den Himmel. Jeder Stein, jedes provisorische Holzfenster erzählt von seinem Werdegang und dem Wiederaufbau, der fortlaufend mit einfachen Mitteln geschieht.

Die leibhaftige Katherina II

Wer Glück hat, trifft auf der Schlosstreppe sogar eine leibhaftige Katharina II.

Regelmäßig schlüpft Tatyana Nindel in das ausladende Zarinnenkleid mit Reifröcken. Seit acht Jahren ist die gebürtige Ukrainerin Vorsitzende des Internationalen Fördervereins Katharina II., der 1992 gegründet wurde. Die Zerbster veranstalten alle zwei Jahre eine Prinzessinnenwahl und spenden für das Schloss. An insgesamt zehn höfischen Stationen könnten Gäste Katharina durch ihre deutsche Heimatstadt folgen, erläutert Tourismusleiterin Viola Tiepelmann.

Putsch gegen ihren Mann

Vor ihrer Eheschließung 1744 muss Katharina manche Prüfung ablegen unter dem strengen Auge ihrer künftigen Schwiegermutter, der russischen Kaiserin Elisabeth. „Die evangelisch-lutherisch aufgewachsene Prinzessin wechselte zum orthodoxen Glauben“, erzählt Tiepelmann. „Innerhalb von drei Monaten lernte sie die Sprache und nannte sich Katharina Alexejewna.“ Weil ihr Mann Peter III. nicht das Zeug hatte, das Riesenland zu führen, putschte Katharina 1762 gegen ihn, wurde mit 33 Jahren Zarin.

Viel über die Zeit in Russland erzählt die Sammlung im Kavalierhaus, eine weitere Station auf der Katharina-Route. Von der einst städtebaulichen Schönheit Zerbst ist nach der großen Zerbombung von 1945 kaum noch etwas in der Ladenstraße geblieben. Moderne Architektur und schnöder DDR-Charme wechseln sich ab. Im 14. Jahrhundert dagegen war Zerbst eines der bedeutendsten Fachwerkstädte Mitteldeutschlands. Gemüseanbau und Bierbrauerei, Handel und Handwerk florierten. Die goldene Butterjungfer auf dem Marktplatz zeugt heute noch vom damaligen Wohlstand, der steinerne Roland von der städtischen Freiheit eigener Gerichtsbarkeit.

Eine geschickte Politikerin

Mit diesem Wissen ging die junge Sophie damals nach Russland und musste als Zarin begreifen, welch Rückständigkeit in ihrem Riesenreich herrschte: „Damit die Wirtschaft wächst, holte sie ehemalige Landsleute nach Russland, Handwerker, Kaufleute, Geisteswissenschaftler. Den Umsiedlern versprach sie Steuerfreiheit und viele Ländereien.“ Die Zarin war eine geschickte Politikerin, die sich immer wieder Respekt verschaffen musste. „Mit Zuckerbrot und Peitsche hat sie regiert und es geschafft“, resultiert Viola Tiepelmann.

Die höchsten Reichsgremien gaben ihr daher sogar den Beinamen „die Große“. Gestorben ist sie am 17. November 1796 in Sankt Petersburg. Am Ende war Katharina II die russischste aller Zarinnen.
Anja Reinbothe-Occhipinti

© Schwäbische Post 21.09.2018 16:14
1690 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.