Mit dem Würfel durch Würzburg

Erlebnisurlaub Wohin es geht, wird dem Zufall überlassen. Experimentelles Reisen nennt sich dieses Experiment. Es gibt viele Vorgehensweisen, wie der Besucher die Stadt näher kennenlernen kann.
  • Foto: Monika Hippe / Karte vom Tourismusamt

In diesem Urlaub ist alles anders: kein Hotel gebucht, keinen Reiseführer gekauft, keine Aktivitäten geplant. Alles soll dem Zufall überlassen werden, so wie es der französische Journalist Henry Joël empfiehlt. Seiner Meinung nach lernt man ein Land oder eine Stadt anders kennen, wenn man nicht auf die Sehenswürdigkeiten fixiert ist, sondern die Umgebung nach willkürlich auferlegten Beschränkungen entdeckt. In den 1990er Jahren hat er dazu eine Reihe von Ideen veröffentlicht: Ziehe auf dem Stadtplan von der ersten Straße, die mit A beginnt, eine Linie bis zur letzten mit Z. Laufe entlang dieser Linie. Oder: Nimm den Zug um 12.12 Uhr, steige an der 12. Station aus, schlafe im Hotel in einem Zimmer mit der Nummer 12 usw. Auf der Monopoly-Reise folgt man dem Würfel auf dem Spielbrett, indem man Straßen, Bahnhöfe, Gefängnisse und das Wasserwerk einer Stadt aufsucht. Für die Übernachtung würfeln wir eine Sechs. Also bummeln wir durch Würzburg, bis wir das sechste Hotel erreicht haben. Der natürliche Menschenstrom spült uns zum Marktplatz. Vor uns ragt die Marienkapelle mit ihrem rot-weißen Schnörkelturm in den Himmel. Wir vertrauen weiter auf den Fluss der Intuition und lassen uns im Nachmittagsgewühl Richtung Main schwemmen.

Am alten Wasserrad

Halb Würzburg trifft sich auf der alten Mainbrücke. Dabei plauschen die Einheimischen mit Freunden oder schauen dem Wasserrad der alten Mainmühle bei der Arbeit zu, das 2.000 Haushalte mit Strom versorgt. Bald nehmen wir auch einen Brückenkaktus-Cocktail und prosten den zwölf steinernen Brückenheiligen und der Festung Marienberg zu, die auf der anderen Seite wie eine stolze Matrone am Hang sitzt. Ihre Anziehungskraft bringt uns hinauf. Es ist schon vier Uhr am Nachmittag und wir wissen immer noch nicht, wo wir übernachten. Auf dieser Mainseite scheinen die Hotels nicht wie die Weinstöcke aus dem Boden zu sprießen. Deshalb stiefeln wir wieder zur anderen Seite. Tatsächlich bekommen wir im sechsten Haus noch das letzte freie Zimmer.

Am Abend folgen wir einfach einem wildfremden Pärchen, sie im beigefarbenen Rock, er in Jeansjacke, vielleicht gehen sie ja in ein gutes Restaurant! Hin und wieder bleiben sie stehen, schauen sich Schaufenster an.

Wie Detektive durch die Stadt  

Wir halten etwas Abstand und kommen uns vor wie Detektive bei der Verfolgung Tatverdächtiger. In diesem Moment ist es egal, in welcher Stadt wir uns befinden, was wir sehen. Ein kribbelndes Gefühl macht sich breit, zuletzt als Jugendliche verspürt, als man noch öfter dem natürlichen Drang, verrückte Dinge zu tun, nachgab. Leider trennt sich der beige Rock von der Jeansjacke kurz vorm Hauptbahnhof. Wir folgen weiter dem Mann und kommen dabei an einem gemütlichen Lokal vorbei. Die Verfolgung hat sich gelohnt! Das erwürfelte Landhuhn schmeckt gut, der fränkische Sauerbraten ebenso.

Neue Erfahrungen bleiben länger im Gedächtnis.

Monika Hippe, Autorin

Am nächsten Morgen kündigt sich der Feiertag mit Blasmusik und Kirchengeläut an. Perfekt für die Erkundung des Planquadrats F 8. Der Weg führt durch eine Grünanlage am Wasser entlang. Wieder auf der Straße, kommen wir an einem Zirkuszelt vorbei. Leider eröffnet der Zirkus erst, wenn unser Urlaub vorbei ist. Als es anfängt zu regnen, flüchten wir spontan ins Kino. Dort beginnt gerade der Animationsfilm „Boss Baby“. Später sind wir uns einig: Geplant wären wir wohl nie in den Genuss dieses witzigen Films gekommen – und zu einer wichtigen Erkenntnis: Der Zufall kann die Filterblase sprengen, in der wir uns befinden. Diesen eingeschränkten Handlungsspielraum, der nur erwartbare Erlebnisse zulässt, gibt es nicht nur online als sogenannte Echokammer. Auch offline lassen wir oft nur das an uns heran, was unseren Vorlieben entspricht, und halten fern, was unsere Vorurteile widerlegt. Schade, dass man im Alltag dem Zufall so wenig Raum gibt.

Kurzfristiges Shop-Hopping

Am nächsten Morgen regnet es Bindfäden, sodass wir ein kurzes Shop-Hopping einlegen. „Dass überhaupt jemand kommt, bei diesem Wetter!“, wundert sich der Inhaber von „Zeychen und Wunder“, ein großer Schlaks mit Brille. Neben viel Krimskrams verkauft er originelle Geschenke wie eine Geldbörse, verkleidet als Zahnpastatube. Am Nachmittag steigen wir für einen „Endhaltestellenausflug“ in die nächste Straßenbahn, fahren bis zur Endstation Heuchelhof und erkunden die Umgebung. Der Stadtteil ist der jüngste Würzburgs und gleichzeitig der am längsten besiedelte. Eine keltisch anmutende Sonnenuhr soll an frühere Zeiten erinnern, als hier vor 5.000 Jahren die ersten Siedler lebten. Zurück laufen wir ein Stück entlang der „Klima-Allee“. Hier wurden testweise ausländische Baumsorten gepflanzt – vom nordamerikanischen Amberbaum bis zur mongolischen Linde. Da die einheimischen Sorten immer anfälliger werden, sucht man so den Stadtbaum der Zukunft, der Luftverschmutzung genauso wie Trockenperioden aushält.

Auch wenn uns auf dieser Reise manche Attraktion entging, haben wir nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Psychologen sagen, neue Erfahrungen bleiben länger im Gedächtnis. Also werden wir uns an Würzburg wohl länger erinnern als an jede andere Reise. Wir wissen jetzt: Besonderes erlebt man überall, sofern man dem Zufall vertraut.

© Schwäbische Post 28.09.2018 17:14
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