Gemütlich nach Oxford schippern

Großbritannien Die Themse in England ist weder ein besonders mächtiger noch ein besonders langer Fluss, aber dennoch einer der bekanntesten in ganz Europa. Von Gerald Penzl
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Gemütlich geht es von Henley-on-Thames bis nach Oxford. Mit 346 Kilometer Länge ist der Fluss relativ kurz, und doch zählt er zu den bekanntesten und geschichtsträchtigsten Binnengewässern Europas. Wer will, kann die plätschernde Berühmtheit mit einem Charterboot erkunden. „Sorry für die Verspätung“, entschuldigt sich Jonathan, „aber hier in Henley-on-Thames beginnt gerade die Royal Regatta. Dann bricht auf den Straßen der Verkehr zusammen.“

Erst mal die Regatta abwarten

Während einen Steinwurf weiter die ersten Ruder-Achter auf den Startschuss warten, faltet er eine Themsekarte auf. „Die Regatta“, sagt der Charterbootvermieter, „dauert bis zum Nachmittag. Anschließend ist die Themse Richtung Oxford wieder befahrbar.“ Henley-on-Thames ist ein hübsches 10.000-Seelen-Städtchen rund 35 Flusskilometer oberhalb von Windsor Castle und die vielleicht beste Wohngegend der Londoner Ultraperipherie.

Gründe, hier zu wohnen, gibt es viele. Da wäre die idyllische Lage mitten im Grünen, die hübsche Fachwerkaltstadt und natürlich der schnurgerade Themseverlauf zwischen Temple Island und der Henley Bridge. Das klingt nach einem idealen Wassersportrevier. Und ist es auch.

Nur keine Hektik

1829 tragen die Ruder-Cracks der Universitäten Oxford und Cambridge hier ihr erstes Boat Race aus, 1851 wird die Henley Royal Regatta als Pendant zum Tennisturnier in Wimbledon und dem Pferderennen in Ascot aus der Taufe gehoben und 1870 – so John Murray’s „Handbook for Travellers“ – zählt Henley-on-Thames bereits zur Crème de la Crème britischer Rudersportadressen. So ist es bis heute. Kein Wunder also, dass – wer es sich leisten kann – hier gerne wohnt. „Haste makes waste“, sagen die Briten, was so viel wie „Eile mit Weile“ heißt und wohl auch dem Lebensprinzip des Schleusenwärters Keith entspricht. Nach rund eineinhalb Stunden Fahrt entlang sanft gewellter Wiesen, fulminanter Landsitze mit bestgepflegten Rasenflächen und rustikalen Lilliput-Örtchen dampft die top ausgestattete, 10,7 Meter lange Linssen Stahljacht in die knapp 250 Jahre alte Sonning-Schleuse ein. „Welcome“, begrüßt Keith die Chartercrew und deutet auf die herrlichen Blumenbeete, den kleinen Teegarten und das malerische Backsteinhäuschen, das sowohl sein Arbeitsplatz als auch seine Wohnstätte ist.

„Wir sind hier mitten in der Natur“, sagt er, „London mit seinem Stress und seiner Hektik ist Lichtjahre entfernt. Und die Themse ist ein verträumtes, von Wiesen und Wäldern umrahmtes Freizeitrevier.“ Aber der Fluss ist nicht nur bei Wassersportlern und Hobbykapitänen beliebt. Auch bei Krimiautoren steht das 346 Kilometer lange Gewässer hoch im Kurs. Die wohl bekanntesten Themse-Mord-und-Totschlag-Romane stammen von Edgar Wallace.

Wir sind hier mitten in der Natur, Londons Hektik ist weit weg.

Keith , Schleusenwärter

Eine andere berühmte Autorin ist Agatha Christie. Zwar haben weder Miss Marple und erst recht nicht der „Tod auf dem Nil“ etwas mit der Themse zu tun, dafür aber lebte die Dame von 1934 bis zu ihrem Tod 1976 30 Flusskilometer oberhalb der Sonnig-Schleuse in einem Landhaus wenige Fußminuten vom Zentrum des verträumten 7000- Einwohner-Städtchens Wallingford. Agatha hin, Mord und Totschlag her – rund 36 Kilometer und sieben Schleusen, die älteste Baujahr 1632, die jüngste 1832, liegen zwischen dem Domizil der Krimiautorin und der Universitätsstadt Oxford.

In dem postkartenschönen Biergarten des historischen The Nag’s Head Pub gleich neben dem alten Abingdon-Brückchen empfiehlt sich ein gut gekühlter Cider, Apfelschaumwein, dann schiebt der 75-PS-Diesel im Motorraum der Linssen das schwimmende Ferienappartement mit gemütlichen 10 km/h an Wiesen und roten Backsteinhäusern vorbei nach Oxford.

Liegeplätze sind begehrt

Mit etwas Glück findet der Freizeitskipper in der Nähe der College-Bootshäuser einen Liegeplatz, wenn nicht, treibt er zwei lange Eisennägel in die Uferböschung und macht das Boot daran fest. Jetzt steht der Crew die weltweit älteste und renommierteste Hochschulstadt mit ihren Prachtbauten und ihrem bunten Studenten-Leben offen. Das erste Highlight ist der Tom Tower, der monumentale Glockenturm des Christ Church College. Die Absolventen-Liste der 1525 erbauten Wissensschmiede liest sich wie das Who’s who der britischen Wirtschafts- und Politikerelite. Allein 13 Premierminister haben sich in den minenverseuchten Gewässern der Erkenntnisfindung ihre akademischen Sporen verdient.

Aber auch Freunde des Irrealen kommen in dem größten der gut drei Dutzend Oxforder Colleges auf ihre Kosten. So tafelte im mittelalterlichen Speisesaal mit seinem handgeschnitzten Balkengewölbe auch der Mathematik-Dozent und „Alice im Wunderland“-Autor Charles Dodgson. 135 Jahre nach Erscheinen seines Kinderbuchs – also zur Jahrtausendwende – steht das College im Scheinwerferlicht der Filmindustrie.

Vor laufender Kamera begrüßt eine gewisse Frau Professor McGrovagall auf der Treppe zum Speisesaal die frischgebackenen Studienanfänger, darunter einen elfjährigen Jungen namens Harry Potter. Ja, Christ Church College ist auch einer der Drehorte, an denen der fiktive Magierschüler Blitze schleudert und sich in der Kunst des Besenflugs übt.

© Schwäbische Post 28.09.2018 17:14
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