Moderne trifft Vergangenheit

Eurasien An der Schnittstelle von Europa und Asien gelegen, mausert sich Georgien zum attraktiven Urlaubsziel. Hier wartet manche Überraschung.
  • Foto: Pixabay

Der Taxifahrer grinst und drückt aufs Gaspedal. Im dichten Feierabendverkehr auf dem Rustaveli-Boulevard ziehen am Fenster die Prachtbauten des 19. Jahrhunderts vorüber, die Besucher von Georgiens Hauptstadt Tiflis einst als „Paris des Ostens“ schwärmen ließen. Man erkennt das gelbrote neomaurische Opernhaus, den Freiheitsplatz mit dem goldenen Georg, der ziemlich bald nach der Wende den alten Lenin ablöste, oder auch das nicht ganz so alte, aber nicht minder pompöse Biltmore-Hotel. Die Luxusherberge ist ein besonders augenfälliges Beispiel der neuen Zeit. In dem Gebäude residierte bis zum Ende der Sowjetunion das Institut für Marxismus und Leninismus.

Wer genau hinsehen würde, der könnte an einigen Bauten noch Einschusslöcher aus dem georgischen Unabhängigkeitskrieg von 1991 entdecken. Doch sonst ist die Millionenstadt im Tal der Kura mit der elegant geschwungenen postmodernen Friedensbrücke und den zwei nie fertiggestellten Veranstaltungssälen in Form von Kanonenrohren auch im 21. Jahrhundert angekommen. Es gibt hippe Bars mit Loungemöbeln auf den Trottoirs, 24 Stunden lang geöffnete Thermalbäder und originelle Galerien in den Seitengassen der Altstadt.

Eine Seite der Medaille

Das Bild einer aufstrebenden Metropole europäischen Zuschnitts ist mitten im Kaukasus an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa indessen nur die eine Seite der Medaille. Der Taxifahrer – ohne Lizenz aus einem Dorf der Umgebung in die Stadt gekommen – hat vom Nationalmuseum, wo man hinwollte, angeblich nie etwas gehört. Fröhlich zuckt er die Schultern und rast weiter. Englisch spricht er nicht. Aber wer lang genug suche, der werde schon sein Ziel finden, bedeutet er seinen Gästen mit Gesten. Dann eine scharfe Kurve im Kreisverkehr und die ganze Strecke retour. Wohl dem, der vorab einen Festpreis verhandelt hat. Im Nationalmuseum liegt Gold, viel Gold. Schwere Ketten für Männer, Totenmasken, Miniaturen von Löwen und Pferden. Schon zu den alten Griechen hatte sich der Wohlstand im Osten herumgesprochen. Die Legende vom Goldenen Vlies besagt, dass mit Widderfellen der Goldstaub aus den Flüssen von Kolchis gefischt wurde.

Stalins Geburtshaus

Spätestens im Kommunismus war es damit vorbei. Ein Georgier hatte daran erheblichen Anteil: Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili. 1878 wurde der Mann, der sich später Stalin nannte, als Sohn eines Schuhmachers in einem geduckten Haus aus Feldsteinen geboren, das die Eltern sich mit der Vermieterin teilen mussten. Heute überdacht ein tempelartiger Bau in der Provinzstadt Gori eine Stunde westlich von Tiflis das Häuschen. Daneben wird der Diktator in einem Prunkbau sowjetischen Stils verehrt wie eh und je. „310 000 Besucher, darunter auch viele Deutsche, kommen im Jahr“, erzählt die Germanistin Sopho, die in der Verwaltung der Einrichtung arbeitet. Inzwischen zeigt das Museum auch kritische Dokumente, etwa ein Schreiben Lenins von 1922, in dem dieser die Entfernung des Machthungrigen aus dem Politbüro forderte. Auch Fotos einiger Prominenter sind zu sehen, die zu den geschätzten 643 000 Opfern des Diktators gehören. Ein Museum als Mahnmal für einen totalitären Irrweg.

310 000 Besucher, darunter auch viele Deutsche, kommen im Jahr.

Germanistin Sopho,
Verwaltungmitarbeiterin

Neli und Malchas Tatelischwili haben mit dem Aufbruch Georgiens in die Unabhängigkeit die alte Zeit schnell hinter sich gelassen. Die Philologin stand plötzlich auf der Straße, und ein soziales Netz gab es nicht. Da die Kinder aus dem Haus waren, machte Neli sich kurzerhand als Pensionswirtin selbstständig. Mit Improvisationstalent schob sie alte Betten in jedes verfügbare Zimmer, kaufte mobile Heizlüfter und briet Kartoffeln zum Frühstück. Malchas wollte von zahlenden Gästen zuerst nichts wissen. Doch schon bald reichte er frischen Rotwein aus der Kvevri-Amphore, die im Terrassenboden eingelassen ist – eine nur in Georgien übliche ganz eigene Form der Weinherstellung. Inzwischen hat das Ehepaar in Telawi, der Hauptstadt der Wein-Provinz Kachetien, ein Familienhotel aufgebaut. Die zahlenden Gäste werden wie Freunde empfangen und erst nach vielen Trinksprüchen auf Gott und die Welt, die Frauen und die Liebe wieder verabschiedet. Das quietschende Bett und der krähende Hahn in der Nachbarschaft nimmt man dann gerne in Kauf.

Dortmunder Weingutbesitzer

In der Nähe hat sich der Dortmunder Industriemanager Burkhard Schuchmann seinen Traum vom eigenen Weingut erfüllt. Weil in Spanien für ein paar Millionen nichts zu haben gewesen sei, habe er sich nach der Pensionierung 2006 von einem ehemaligen Mitarbeiter Georgien zeigen lassen, erzählt der mittlerweile 76-Jährige bei einem Glas Kazeteli in seinem Restaurant. Aus dem kleinen Weingut wurden gleich mal 100 Hektar. Fröhlich erzählt der Senior, wie er heute mit 60 Mitarbeitern bis zu zwei Millionen Flaschen abfüllt, aus dem Trester Schnaps brennt, aus den Kernen Traubenkernöl presst und die Reste als Mehl in der eigenen Bäckerei verbackt. Demnächst will er noch 25 Luxusvillen bauen lassen für reiche Russen mit Wellness-Ambitionen. Für all das hat er sogar die doppelte Staatsbürgerschaft angenommen, weil Ausländer kein Land erwerben dürfen. In Georgien gilt Schuchmann als Vorbild. Und seinen Wein schickt er zu Exil-Georgiern in die USA, nach Russland und neuerdings nach China.

Auch die orthodoxe Kirche ist in den letzten 30 Jahren wieder aufgeblüht. Viele der eindrucksvollen Kreuzkuppelkirchen auf Bergspornen und an anderen markanten Plätzen wurden geweiht, Klöster neu gegründet, notwendige Renovierungen vorgenommen. Die museale Aura ist gelebter Spiritualität gewichen. Selbst das spektakulär auf dem Steilhang Udabno über der Ebene Aserbaidschans gelegene Höhlenklöster Dawit Garetscha aus dem 6. Jahrhundert ist wieder im Besitz der Kirche.

Markantes Beispiel ist Stepanzminda im Norden des Landes. In unzähligen Serpentinen und durch unbeleuchtete Tunnels führt die holprige Straße von Tiflis über den Kreuzpass hinauf. 400 Meter über dem Städtchen thront seit über 600 Jahren die Dreifaltigkeitskirche auf einem Felsen. Die alte Seilbahn ist verschrottet. Wer nicht den Minibus vorzieht, der wandert auf traumhaften Pfaden bergan und steht am Ende im Angesicht des perfekt geformten Kasbek. Der über 5 000 Meter hohe Bergkegel ist so auffällig, dass die Griechen einst den armen Prometheus an seine Hänge geschmiedet glaubten.

© Schwäbische Post 05.10.2018 15:56
246 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.