Die romantische Wildnis mitten in London

Kurztrip Hampstead Heath in London vereint zwei Welten
  • Foto: Christoph Driessen/dpa-mag

Der höchste Punkt heißt Parliament Hill. Darunter erstreckt sich die gesamte Innenstadt, von Big Ben im Westen bis zu den Hochhäusern von Canary Wharf im Osten. London erscheint zum Greifen nah, und doch so unwirklich wie eine Fata Morgana – man selbst steht in kniehohem Gras. Der Heath wirkt wie eine Wildnis, die wegen eines glücklichen Zufalls mitten in der bald Neun-Millionen-Metropole überlebt hat.

Wenn der Frühling kommt

Egal zu welcher Jahreszeit – der Heath hat immer seinen Reiz. Am ersten schönen Wochenende im Frühjahr strömt halb London auf den Heath, um einmal tief durchzuatmen und sich davon zu überzeugen: „Spring is in the air.“

Friedrich Engels, der mit seinem Freund Karl Marx über Jahrzehnte hinweg mehrmals in der Woche auf den Heath wanderte, schrieb begeistert, sie würden bei diesen Gelegenheiten „mehr Ozon als ganz Hannover“ einatmen.

Die große Attraktion des Sommers sind die drei Naturschwimmbäder, die ursprünglich als Trinkwasser-Reservoirs angelegt wurden. Es gibt einen Teich für Männer – ein bekannter Schwulentreff – einen für Frauen und einen „mixed bathing pond“. Das Wasser ist kühl, und manchmal stößt man an Seerosen. Ein zusätzliches Spannungselement ergibt sich daraus, dass man das Wasser mit Hechten teilt.

Konzert auf „Notting Hill“

Samstagabends gibt es auf Hampstead Heath Sommerkonzerte vor dem Landsitz Kenwood House, bekannt aus dem Hugh-Grant-Film „Notting Hill“. Wer eine Karte gekauft hat, macht es sich im Liegestuhl bequem – wer keine Karte hat, auf einer Picknickdecke. Falls es mal regnet: Kenwood House beherbergt eine exquisite Gemäldegalerie mit Werken von Rembrandt, Frans Hals und Vermeer. Der Eintritt ist frei.

Die schönste Jahreszeit ist aber der Herbst. Dann lassen die Londoner auf Parliament Hill ihre Drachen steigen. Die bunten Vögel stehen am Himmel, darunter funkeln im weichen Licht der Nachmittagssonne die Dächer des gegenüberliegenden Stadtviertels Highgate. Nach Süden hin hat man den Ausblick auf die endlos wirkende Stadt mit ihren immer schneller wachsenden Hochhäusern.

Lieblingsort der Geister

Eine englische Freundin hat einmal gesagt, sie gehe in der Dämmerung grundsätzlich nicht über den Heath. Auf die erschrockene Nachfrage, ob es dort etwa Überfälle gegeben habe, schaute sie verwundert und sagte: „Nein. Ich meine natürlich die Geister.“ Der Heath gilt tatsächlich als ein Lieblingsort der umtriebigen Londoner Gespensterschaft.

Unter den ruhelosen Seelen befinden sich ein Phantom-Pferd, eine Weiße Frau und ein Räuberhauptmann namens Black Dick. Die einzigen Verstorbenen, deren Anwesenheit Besucher sofort bemerken, sind jene, deren Namen auf den Parkbänken verewigt sind. Praktischerweise gibt es auf Hampstead Heath sehr viele Bänke, die meisten erinnern an die verblichene Freunde dieses wunderschönen Fleckchens Erde: „In loving memory of...“ dpa

© Schwäbische Post 05.10.2018 15:56
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