Wenig Wi-Fi, aber ganz viel Himmel

Südsee Sie sind kaum mehr als Flecken im Südpazifik, Fidschis Yasawa-Inseln. Autos und Straßen gibt es nicht, dafür aber 15 Wörter für Himmel, wovon „Yasawa“ eines ist.

Noch vor ein paar Jahrzehnten durften Besucher nur auf Einladung auf eine der gut 20 Yasawa-Inseln, die sich über 90 Kilometer nordwestlich von Fidschis Hauptinsel Viti Levu erstrecken. Mittlerweile gibt es eine Fähre und Unterkünfte für Träumer, die mit wenig Elektrizität, noch weniger Wi-Fi und einer Menge Robinson-Crusoe-Feeling auskommen.

Als größte Attraktionen gelten die Höhlen Sawa i lau und die Blaue Lagune, Spielort eines gleichnamigen Films. Doch den Mangel an Highlights machen die Strände und das Meer wett. Und die Menschen. Menschen, die vielerorts kein fließendes Wasser bekommen und aus Sonnenenergie Strom gewinnen, aber stets ein fröhliches „Bula“ – hallo, willkommen und tschüss in einem – parat haben. Die gerne fischen, singen oder Kava trinken, das Nationalgetränk aus Rauschpfeffer. Oder als Dorfhäuptling den Ton angeben.

Nur mit Privatjet

Am weitesten entfernt liegt die nördlichste und mit 22 Kilometer Länge größte Insel, Yasawa Island. Dorthin fährt nichts, und die einzige Unterkunft ist das Yasawa Island Resort & Spa mit 18 traditionellen Strand-Buren, strohbedeckten Hütten. Neben dem australischen Besitzer arbeiten ausschließlich Bewohner aus den sechs Inseldörfern im Resort. Wenige Besucher nehmen die Kosten auf sich, die der Anflug im Privatjet bedeutet.

Doch was in der Urlaubskasse fehlt, landet in der Schatzkiste einmaliger Erlebnisse: Vorm Fenster türmen sich die Berge Viti Levus auf, in denen der „Sleeping Giant“ ruht, eine bekannte Felsformation. Dann geht es über südseefarbenes Meer und Inselchen ins Paradies. Ob Konfuzius hier flog, als er zu dem berühmten Schluss „Der Weg ist das Ziel“ kam?

Zur Begrüßung gibt es den Bula-Song, eine Blumengirlande und gekühlte Kokosnuss. Doch wie kommt das Resort auf die abgelegene Insel? Schenkt man dem 66-jährigen Manasa Ragigia, einer Legende aus dem Nachbardorf Bukama, Glauben, ist es ihm zu verdanken. „Als junger Mann lernte ich den Australier Norman kennen, der später das Resort baute.“ Damit ein Ausländer das durfte, musste die Genehmigung des zuständigen Dorfhäuptlings, des Chief, eingeholt werden. „Der Chief und die Dorfbewohner waren erst dagegen.“ Heute ist das Resort Hauptarbeitgeber der Dorfbewohner, wie des Zimmermädchens Semaema Bati, das die Inseltraditionen ehrt. Die Blume hinterm rechten Ohr bedeute, sie sei verheiratet. „Früher verkauften wir Kokosnüsse und Gemüse, das wir anbauen.“ Die Dorfbewohner haben sich an Besucher gewöhnt, die sogar einen Blick in die Grundschule Bukamas werfen dürfen, wo etwa 130 Kinder schwitzen.

Viele Besucher machen nichts

Auch die Liste weiterer Aktivitäten ist lang, von Schnorcheln, Touren zur Blauen Lagune bis zum Picknick am Strand. Doch viele Besucher machen gar nichts. Der jetzige Resort- Besitzer James McCann freut sich: „Wenn die Leute aufhören, etwas tun zu wollen, sind sie angekommen.“

Um alle anderen Yasawa-Inseln zu besuchen, nimmt man von Nadi den Yasawa-Flyer. Transport und Unterkünfte lassen sich über den sogenannten Kokosnusspass buchen oder aber separat. Wichtig: Wer keine Unterkunft hat, darf nicht vom Boot.

Wenn die Leute aufhören, etwas tun zu wollen, sind sie angekommen.

James McCann Resort-Besitzer

Auch die familiengeführte Naqalia Lodge auf Wayasewa Island begrüßt Gäste mit dem Bula-Song. Wie auf Yasawa-Island sind andere Menschen eine Seltenheit am Strand, nur der junge Dimoro ist dabei, sein vom Zyklon zerstörtes B&B wiederaufzubauen. „Ich komme aus Viti Levu, bin Ingenieur, aber seit fünf Jahren hier“, erzählt er bei Kaffee und Kokosnussbrot. „Wenn die Stille zu viel wird, höre ich Musik, lese und mache abends ein Lagerfeuer. Fiji-Time!“ Das Synonym für entspannt sein, Stress und Uhren ablegen. Noch besteht Dimoros Haus aus Balken mit Dach, darunter ein Bett und Mückennetz. Und Fünf-Sterne-Blick über Strand, Hügel und Meer. Auf Wayasewa gibt es einiges zu tun. Vor Sonnenuntergang führt ein Lodge-Mitarbeiter Kraxelwillige hoch auf die spitzen Felsen, um den Feuerball mit dem Südpazifik verschmelzen zu sehen. Nach dem Abendessen ist die Kava-Zeremonie angesagt.

Dreimal klatschen zum Kava

Im großen Topf wird der Drink aus Kava-Wurzeln oder fertigem Pulver zubereitet. Ist er fertig, klatscht man einmal in die Hände, nimmt ein Schälchen entgegen, ruft „Bula!“, trinkt, gibt es zurück, klatscht noch dreimal. Genauso lustig ist es, mit den Einheimischen zu fischen. Die Schnur kommt so weit ins Wasser, bis der Köder den Boden berührt. Dann spannt man sie über einen Finger, um zu merken, wenn es zieht. Das passiert oft, doch meistens gibt es nicht nur keinen Fisch, sondern auch keinen Köder mehr. Fiji-Time.

Nacula Island ist eine der Yasawa- Inseln, auf denen es Homestays gibt, darunter den Taven Homestay von Salome Raseavu und ihrem Mann Bill. „Ich habe 2009 mit einem Teashop begonnen“, berichtet Salome, während sie Fisch und Cassava, die Fidschi-Kartoffel, zubereitet. Hauptberuflich ist sie Vorschullehrerin des kleinen Dorfes Naisisili. Erst 2017 baute das Paar für Gäste eine quietschgelbe Strand-Bure, die innen traditionell dekoriert und gemütlich wie ein Puppenhaus ist. Von den drei Kindern wohnen noch der neunjährige Rami und der 26-jährige Tusi zu Hause.

Jeden Morgen gibt es typisches Frühstück, zum Beispiel Cassava-Kuchen, danach ist Fiji-Time am Strand angesagt oder Kulturzeit. Zu Beginn wird jeder Besucher von Salome oder Tusi im Dorf dem Chief vorgestellt. Ein Geschenk ist Pflicht, meistens eine Kava-Wurzel oder zehn Fiji-Dollar.

Gottesdienst zu „Fiji-Time“

Wer sich den Häuptling als gekrönten Mann auf einem Thron vorstellt, wird enttäuscht: Der bierbäuchige Chief hackt mit freiem Oberkörper Holz. Da sind die Stimmen der Drei- bis Fünfjährigen in Salomes Unterricht doch angenehmer, die viel singen und ihre ersten englischen Wörter lernen. Neben der Schule steht die methodistische Kirche. Dort geht Frau – von der Gastmutter fein eingekleidet – natürlich hin. Und dann kann es nach langer Aufbrezelei passieren, dass der Gottesdienst ausfällt. Weil das Gras verbrannt werden und Gott dann warten muss. Fiji-Time. Die sicher beste Erfindung auf Inseln, die auch kein Paradies auf Erden sind, aber in mancher Hinsicht schon verdammt himmlisch.

© Schwäbische Post 12.10.2018 15:57
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