Wandern weit weg von der Zivilisation

Schweiz Wer auf dem Kesch Trek den Piz Kesch im schweizerischen Graubünden umrundet, schwebt über den Niederungen des Alltags. Aber abends muss man ganz eng zusammenrücken.
  • Fotos: Ulrike Wiebrecht; seen0001/Adobe Stock
  • Fotos: Ulrike Wiebrecht; seen0001/Adobe Stock

Schlafen im Matratzenlager, kaum Waschmöglichkeiten, statt echten Kaffees nur die lösliche Hüttenvariante und vor allem: vier Tage kein Handyempfang und kein Internet. Ein Szenario, bei dem auch viele passionierte Bergwanderer streiken. Andere nehmen es sportlich. Sozusagen als Selbstversuch – in der Hoffnung, dass es für die Entbehrungen schon irgendwelche Entschädigungen geben wird. Schließlich ist der Kesch Trek nicht irgendeine Trekkingroute.

Vier Tage lang führt sie um den Piz Kesch, einen der markantesten Gipfel Graubündens, herum, in Höhenlagen zwischen 2 000 und 2 900 Metern. Da lässt man zumindest die Niederungen des Alltags hinter sich. Ausgangspunkt ist Davos. Von hier geht es mit dem Postauto in rund 20 Minuten auf den Flüelapass in 2 263 Meter Höhe. Ein Stückchen weiter zweigt dann ein schmaler Wanderweg ab, der sich in die Bergwelt hinauf schlängelt. Kaum hat man die Straße hinter sich gelassen, blitzen die ersten Bergseen auf. Von flauschigem Wollgras umzingelt, lassen sie die Felslandschaft ringsum gleich doppelt so karg erscheinen. Nur ein paar Schafe sind in der Ferne zu hören. Und das Pfeifen von Murmeltieren, von denen es hier oben wimmelt. Alle staunen über das gewaltige Panorama, das sich nach gut zwei Stunden Wandern auftut. Eine ganze Kette von Dreitausendern. Andy, der Bergführer aus Pontresina, zählt auf: „Links sieht man das Flüela Schwarzhorn, rechts den Piz Grialetsch, in der Mitte den 3 229 Meter hohen Piz Vadret.“

Daneben breitet sich das von tiefen, schmutziggrauen Rinnen zerfurchte ewige Eis des Grialetsch-Gletschers aus. Wie er heißt auch die Chamanna da Grialetsch, die Grialetsch-Hütte auf 2 542 Metern, in der das erste Nachtquartier bezogen wird. Dort angekommen, ist nicht mehr viel Zeit, die Landschaft auf sich wirken zu lassen. Die Sonne geht bereits unter, schnell werden die Schlafplätze verteilt, dann gibt es Abendessen: Pilzcremesuppe, Polenta mit Schweinebraten, Schokoladenpudding. Und dann? Der eine oder andere würde jetzt gern ein paar Fotos posten, den Daheimgebliebenen mitteilen, wie beschwerlich der Aufstieg mit zehn Kilo Gepäck ist. Aber geht ja nicht. Was also dann? Spielen! Im Regal hat jemand Uno-Karten entdeckt. Wie ging das noch? „Das erklären wir euch“, muntern die Schweizer aus der Gruppe die anderen auf und teilen die Karten aus. Eine Runde nach der anderen wird hingelegt, bis gegen 22 Uhr die Hüttenruhe einsetzt. Da sind ohnehin alle reif für die Matratze.

Am nächsten Morgen läutet intensives Glockengeläut den Tag ein. Vor der Hütte grasen jede Menge braune Kühe in der Morgensonne, die sich um den Piz Vadret herumgeschlichen hat. Ein schönes, friedliches Bild. Pünktlich um acht soll es losgehen. Ein letztes Foto vom glasklaren See neben der Hütte, dann geht es abwärts in Richtung Dürrboden und später auf den 2 600 Meter hohen Scaletta-Pass hinauf. Die letzten Wolken haben sich verzogen, der Ausblick von oben ins Nachbartal ist großartig. Aber es weht ein eisiger Wind. Deshalb schlägt der Guide vor, die obligatorische Pause ein Stück weiter unten einzulegen. Inzwischen spüren alle die Erschöpfung nach dem Anstieg. Zum Glück muss man jetzt nur noch auf einem relativ bequemen Pfad am Hang entlangwandern. Unten schlängelt sich ein silbrig glänzender Bach durch grüne Almwiesen, in der Ferne ist bereits die Kesch-Hütte zu sehen.

Der unheimliche Gipfel

2001 neu aufgebaut, ist sie eher funktional als urig. Dafür kann man hier für fünf Franken drei Minuten duschen. Was für ein Luxus! Und es gibt noch eine weitere Überraschung: „Magst ama luaga?“, fragt Reto Barblan, der engagierte Hüttenwirt. Er hat das Fernrohr auf drei Steinböcke eingestellt, die in der Ferne miteinander spielen. Aber noch eindrucksvoller ist der Piz Kesch, der sich gegenüber von der Hütte erhebt. Endlich zeigt sich der langersehnte Gipfel! Der Name, der sich vom rätoromanischen „Es-cha“ ableitet, soll so viel wie „Weide“ bedeuten. Doch so sieht das Massiv mit der 3 417 Meter hohen Spitze und dem benachbarten Porchabella-Gletscher wahrlich nicht aus. Besonders unheimlich mutet er an, wenn man die Episode in Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ gelesen hat.

Da steigt der Protagonist 1942 auf den Gipfel und trifft oben einen Nazi, der davon träumt, dass sich das großdeutsche Reich dieses Stück Schweiz einverleiben könnte. Soll er ihn in die Tiefe schubsen? Er tut es nicht, fragt sich aber, was passiert wäre, wenn er seinem Impuls gefolgt wäre, und sucht nach der Stelle, wo der Deutsche aufgeschlagen wäre. Zum Glück kommt man beim Kesch Trek gar nicht erst in Versuchung, den Spuren der Romanfigur zu folgen. Die Königsetappe am dritten Tag führt ja „nur“ um den Gipfel herum. Dazu geht es im morgendlichen Nebel mehrere Hundert Meter abwärts bis zur Baumgrenze, wo würzig duftende Zirbelkiefern den Weg säumen. Dann steht der Anstieg auf den Fuorcla-Pischa-Pass bevor. Um die 1 000 Höhenmeter sind zu überwinden.

Völlige Einsamkeit und Felsen

Rundum ist nichts als schwärzlich und violett schimmerndes Gestein zu sehen. Kein Baum, kein Strauch. Nur Felsen und völlige Einsamkeit. Und je näher die Passhöhe rückt, desto mehr Wolken ziehen auf. Da möchte keiner mehr lange rasten. Tatsächlich fallen auch gegen 15 Uhr, als die Hütte erreicht ist, Tropfen. Noch einmal dieselben Rituale: Schlafplätze beziehen, spielen, Abendessen, Nachtruhe, am nächsten Morgen Frühstück und Aufbruch.

Auf der letzten Etappe gilt es, 1 400 Meter nach Bergün hinunterzuwandern. Während die Landschaft langsam wieder grüner und lieblicher wird, denkt mancher schon an die Nacht in einem richtigen Bett. Dann sind am Albula-Pass die ersten Autos zu hören. Willkommen zurück in der Zivilisation! Man bekommt tatsächlich einen kleinen Kulturschock, wenn man sich mehrere Tage über 2 000 Metern bewegt hat. Auf den letzten Kilometern wartet dann noch ein wirkliches Highlight auf die Wanderer: der Palpuogna-See, eins der schönsten Gewässer der Schweiz.

Das Wasser ist smaragdgrün, am Ufer stehen Kiefern, Lärchen und jede Menge Bänke. Der ideale Platz für ein letztes Picknick, bevor es nach Bergün hinuntergeht. Das Bergdorf sorgt dann für einen sanften Übergang in den Alltag. Vor allem, wenn man im historischen Kurhaus unterkommt. Inmitten des Jugendstil-Ambientes kann man die Erlebnisse vom Kesch Trek sacken lassen – und in blütenweißen Betten versinken!

© Schwäbische Post 19.10.2018 15:56
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