Wenn die Steine sprechen könnten

Ägäis Der Peloponnes gehört zu den unterschätzten Regionen Griechenlands. Doch die Halbinsel strotzt vor Geschichte, was archäologische Stätten wie Messene und Mistra beweisen.
  • Foto: Thieme

Wer sich vom Flughafen in Athen auf den Weg macht zur südlich gelegenen Halbinsel Peloponnes, entdeckt am Rand der bestens ausgebauten Autobahn wiederkehrend Bauruinen. Sie werden ein Leitmotiv der Reise. Dem Blick von später Geborenen mögen sie auf wundersame Weise wie stumme Zeugen einer vergangenen Zeit und Zivilisation vorkommen. Vielleicht werden sie dereinst zu künftigen Generationen ähnlich sprechen wie die lesbaren Fundamentgrundrisse, Mauerreste, Säulen, Stufen der antiken Stadt Messene – wenn auch diese Betonrümpfe, Zeugnis von Griechenlands immer noch nicht überwundener Wirtschafts- und Finanzkrise, kaum deren klassische Würde besitzen.

Messene, im Westen des Peloponnes gelegen, etwa 30 Kilometer Luftlinie nördlich der Hafenstadt Kalamata, Zentrum der Region Messenien, wird erst seit rund 30 Jahren systematisch archäologisch erschlossen. Vielen gilt sie als eine der imposantesten Ausgrabungsstätten Griechenlands. Dem Tagesbesucher bietet sich bei kraftvoller Oktobersonne vom Eingang zu den antiken Ruinen ein atemraubender Blick – er geht über das breit auslaufende Tal bis zum entfernt flimmernden Ionischen Meer.

Größer als das antike Athen

Hier befand sich an einem sanft abfallenden Hang die Stadt, die mit 20 000 Einwohnern größer als das antike Athen gewesen ist. Eindrucksvolle Zeugnisse sind Amphitheater, Agora, Asklepieion (eine Vorform unserer Krankenhäuser), Ekklesiasterion, wo Vertreter des Volks, die das Bürgerrecht innehatten, sich versammelten, das Gymnasium mit Stadion und vieles mehr.

Unter der Leitung von Petros Themelis wird eine pragmatische Archäologie befolgt: Mit dem geborgenen Material wird so viel rekonstruiert wie möglich. Da darf auch einmal ein fehlender Friesstein, der Statik wegen, mit heutigem Material ersetzt werden. Themelis, der in München promoviert hat und mit seinen 83 Jahren von beneidenswerter Vitalität ist, sieht noch lange kein Ende der Arbeit, auch wenn es mit der Unterstützung der EU seit einigen Jahren vorbei ist, wie er erzählt. Und dann ist er auf seinem Elektromobil schon wieder unterwegs zur nächsten Grabungsstelle und Besuchergruppe.

Korsika – echt griechisch

Den Südwesten des Peloponnes prägt eine faszinierende Landschaft mit großteils rauer Küstenlinie, interpunktiert von weiten Sandstränden, mit oftmals unmittelbar aufragenden Gebirgen, mal von felsiger Kargheit, dann dicht bewachsen: im unteren Teil mit Stechginster und Steineichen, weiter oben Schwarzkiefern und Tannen. Das erinnert ein wenig an die wilde Schönheit Korsikas, ist aber echt griechisch. So wie die dunkle, nach der Küstenstadt benannte Kalamata-Olive, die in der Umgebung angebaut wird. Das hier produzierte Olivenöl hat weltweit einen erstklassigen Ruf. Allerdings befinden sich manche Hersteller, meist Familienbetriebe, in einer schwierigen Lage, erzählt der Oliven-Sommelier Giorgos Koutelas: „Nicht alle Nachkommen wollen den elterlichen Betrieb fortführen.“ Das Gewerbe ist sehr aufwendig. Wenn man allerhöchste Qualität wie für ein natives Olivenöl extra anstrebt, kommt nur die Handernte infrage, erklärt Koutals bei einer Verkostung im Hinterzimmer seines kleinen Ladengeschäfts in Kalamata. Entsprechend hoch sind die Preise für diese 1-a-Ware, selbst für griechische Verhältnisse.

Viele Golftouristen aus Europa

Nicht alle Nachkommen wollen den elterlichen Betrieb fortführen.

Giorgos Koutelas Oliven-Sommelier

Seit dem schweren Erdbeben 1986, das mehr als 80 Prozent der Bauten zerstörte, vor allem aber nach Fertigstellung der Autobahn 7 von Korinth nach Kalamata, entwickelt sich die Stadt zu einem europäischen Ziel vor allem deutscher und englischer Touristen, darunter etliche Golfspieler, die zwei luxuriöse Resorts ansteuern.

Mit rund 70 Prozent ist der Tourismus ein dominanter Faktor der griechischen Wirtschaft. Der Hotelier Konstantinos Andrianopoulos, Mitbegründer der School of Tourism, einer Fortbildungsinitiative der Branche, ist trotzdem ganz froh, dass sich der Aufschwung in Kalamata kontrolliert vollzieht; er wünscht sich weiterhin einen „sanften Tourismus“. Das Wort der Stunde ist auch hier Nachhaltigkeit. Tatsächlich ist man von Bausünden wie an der spanischen Costa Brava weit entfernt. Zwar bietet das Stadtzentrum wenig architektonische Reize, hat aber ein einnehmendes jugendliches Flair und wuseliges Straßenleben. Am Abend sind die weit auf die Plätze sich ausbreitenden Tische der Restaurants und Lokale dicht besetzt.

Ein Bummel durch Areopoli

Kalamata bietet sich also ideal als Ausgangspunkt für den an Kultur und Landschaft interessierten Besucher an, zumal es in der Sommersaison internationale Flugverbindungen gibt. Auf dem Weg nach Sparta etwa sollte man die Unterwasserhöhlen bei Diros nicht versäumen und einen Bummel durch das Städtchen Areopoli. Das Ziel aller Archäologie-Fans ist die 1249 gegründete byzantinische (Ruinen-)Stadt Mistra auf einem Vorgebirge des Taygetos. Mauerwehre, Paläste, Klöster und Kirchen erzählen von zwei Jahrhunderten unbesiegter Herrschaft (1262-1460) hoch über dem Eurotas-Tal und Sparta gelegen. Faszinierend.

Zuvor hatte man sich von Kalamata zunächst entlang der Küste in Richtung Süden bewegt. Für die knapp 37 Kilometer nach Kardamili braucht man gut eine Stunde, hoch schraubt sich die Straße am Berg. In dem pittoresken Ort an der Spitze der Mani, der mittleren der drei südlich züngelnden peloponnesischen Landzungen, lebte Patrick Leigh Fermor, der große englische Reiseschriftsteller („Die Zeit der Gaben“).

Vergessen zu sterben

Er war der Typ des kultivierten Briten, der mit Welteroberungslust die entlegensten Gegenden erkundete. In Kardamili fand seine Seele Heimat: Kurz vor seinem Tod im Jahr 2011 mit 96 erklärte er einem Besucher: „Wir haben die Berge. Wir haben gutes Essen, saubere Luft zum Atmen, das herrliche Meer, darin zu schwimmen. Und darum und aus vielen Gründen mehr könnten wir einfach vergessen zu sterben.“

© Schwäbische Post 02.11.2018 16:11
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