Auf Schritt und Tritt ein Märchen

Ausflug Märchenerzählen ist eine Kunst. Sigrid Maute hat sie gelernt und erzählt bei zauberhaften Wanderungen.
  • Foto: Johannes Schmid

Märchen haben eine magische Wirkung. Wanderer, die sich mit flottem Schritt nähern, halten inne. Immer größer wird der Kreis, der Sigrid Maute gebannt lauscht. Sie trägt ein mittelalterliches Gewand und steht auf einem Felsen am Albtrauf. Neben ihr wächst eine Kiefer, hinter ihr fällt die Wand steil hinunter ins Tal, vor ihr kauern die Kinder auf dem Boden und hängen an ihren Lippen. Im milden Herbstlicht entfaltet der Ort einen besonderen Zauber.

Die Märchenerzählerin Sigrid Maute aus Balingen hat ihn nicht zufällig gewählt: Die Geschichte, die sie mit weit ausholenden Gesten erzählt, heißt „Die stolze Föhre“. Tag für Tag saß sie als altes Mütterlein am Wegesrand und bettelte. „Sie wollte einen guten Menschen finden, den sie zur Belohnung glücklich machen wollte,“ spricht Sigrid Maute und ihr ganzes Gesicht erzählt mit. Wenn Sigrid Maute neue Touren plant, zieht sie erst einmal allein los. Die 49-Jährige schreitet Wege ab, betrachtet die Landschaft, sieht sich Felsen und Bäume an und überlegt, welche Erzählung dazu passen würde. Am Hohen Felsen beim Lochen nahe Balingen ist ihr die Föhre aufgefallen, ein einzelner Baum in einer Region, die von Buchenwäldern geprägt ist. „Dieser Ort schreit nach einer Geschichte“, sagt sie.

Eigene Bilder entwickeln

Wie so oft im Märchen gibt es auch in der „Stolzen Föhre“ einen reichen, aber geizigen Menschen: Es ist der Bauer, der achtlos am Bettelweib vorbeigeht. Seine Magd hingegen, ein bettelarmes Mädchen, teilt jeden Morgen ihr karges Brot mit dem Weiblein, das am Fuß der Föhre sitzt. Sigrid Mautes Publikum ahnt schon, wie die Geschichte weitergeht. Der Erzählerin geht es auch nicht in erster Linie um Spannung, sondern darum, dass die Menschen die Möglichkeit haben, eigene Bilder zu entwickeln und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Deshalb sind die Märchen zwar bildreich, aber nicht auserzählt.

Für Erwachsene und Kinder

Wichtig für die Wirkung von Geschichten ist die lebhafte Art, in der Sigrid Maute frei vorträgt. Damit fesselt sie Erwachsene ebenso wie Kinder, die jedes Wort aufsaugen. Tief in seine eigene Bilderwelt versunken starrt ein Junge mit offenem Mund auf den Boden. Vielleicht stellt er sich gerade die Föhre vor, die sich inzwischen in ein „feenhaft beleuchtetes Schloss“ verwandelt hat. Keck marschiert der Bauer dort hinein, wo der Zwergenkönig und die Fee gerade Hochzeit feiern. Heimlich steckt er sich „die besten Leckerbissen in die Taschen, dass sie bald wie Mühlsäcke wegstanden“.

„Märchen sind kein Kinderkram“, stellt Sigrid Maute klar, „sie können auch Erwachsenen viel geben, tun uns gut und haben eine heilende Wirkung.“ Deshalb bietet sie auch Touren nur für Erwachsene an. Sie selbst war Mitarbeiterin in einem Verlag und zufrieden mit ihrem Beruf, als sie auf Burg Hohenzollern zufällig einem Märchenerzähler begegnete - und von seiner Kunst begeistert war. Sie las alles, was sie zum Thema finden konnte, und machte eine Ausbildung im Märchenzentrum Dornrosen in Nürnberg.

Das Gute siegt immer

Am Ende, wenn die Sonne tief steht und ihre Strahlen kaum mehr über die Bergkuppe reichen, wenn die Wanderer sich nach rund zweieinhalb Stunden wieder dem Parkplatz nähern, haben sie sechs Geschichten gehört. Weil im Märchen stets das Gute siegt, wird auch bei der „Stolzen Föhre“ die Magd belohnt. Als der Bauer die Leckereien, die er stibitzt hat, auspackt, war daraus Pferdemist geworden. Zornig wirft er ihn in die Schürze seiner Magd. Doch als sie hineinblickt, liegt Gold darin. Gutherzig, wie sie ist, will sie auch das mit der alten Bettlerin an der Föhre teilen. Die ist inzwischen eine schöne Fee geworden, die der Magd nicht nur das Gold überlässt, sondern ihr noch einen Schatz schenkte. Claudia List

© Schwäbische Post 09.11.2018 16:44
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