Edelweißhüter und Pistenschreck

Skiurlaub Flotter Sechser mit Sitzheizung statt Zitterpartie im Zweier-Sessel: Im Allgäuer Skigebiet gibt es einen neuen Anziehungspunkt.

Schneekristalle glitzern im Feuerschein, der Himmel trägt Samtblau mit Funkelsternchen. Eine Handvoll Menschen drängen sich um die Feuerschale, um sich die Hände zu wärmen und der Anwesenheit der anderen zu versichern. Denn ein bisschen gruselt es alle, die Magdalena Sturm gebannt lauschen. Die Spezialistin für Allgäuer Sagen, die im normalen Leben ein Hotel führt, erzählt mit leiser, sonorer Stimme. Vom geizigen Großbauern, der die Nachbarsfamilien nach einem Ernteausfall gnadenlos verhungern ließ und der heute als böser Geist in der Breitachklamm spukt. Vom wilden Mann, dem faulen Viehhüter am Söllereck, der von den Bauern fortgejagt wurde, aus Rache ihre Ställe anzündete und nun ruhelos als Fackelträger herumgeistert. Oder von den zankenden Schwestern, die samt ihrem Hof in den Tiefen des Freibergsees versanken. „Mit den Sagen und Mythen erzieht man bei uns die Kinder und manchmal auch die Erwachsenen“, verrät Magdalena Sturm.

Wo die alten Geschichten nichts nutzen, muss Handfesteres her, erzählt Jörn Homburger von den Oberstdorf Kleinwalsertal Bergbahnen. Dabei zeigt er auf einen der weiß gepuderten Gipfel, die sich hier oben am Grat zwischen der deutschen Fellhornseite und der österreichischen Kanzelwand zu einem 360-Grad-Bilderbuchpanorama aufreihen. „Der Höfats dort drüben wird auch ,Edelweißberg’ genannt, weil die hier üppig wuchsen. Allerdings pflückten Einheimische sie bereits vor dem Krieg und verkauften sie an Touristen – was das Edelweiß fast ausrottete. Deshalb hielten von 1936 bis 2010 je zwei Mann während der Blütezeit rund um die Uhr Wache in einer Biwakschachtel am Höfats“, berichtet Homburger.

Der wilde Weltmeister

Auch an einen anderen Naturhüter erinnert er sich: den früheren Ski-Weltmeister Hansjörg Tauscher, der sich als Pistenschreck bewährte. Denn der unberührte Hang unterhalb des Fellhorngipfels lockte jeden geländegängigen Skifahrer zum Spurenziehen und zum Jägerslalom. Dabei wurden die Verbotsschilder „Wildschutzgebiet“ gerne übersehen. Bis sich Tauscher der Sache annahm. Er stellte sich in seiner Gendarmen-Uniform unten am Waldrand auf und empfing die Sünder. Die warfen meist nur einen kurzen Blick auf die barocke Figur, die dem Rennläufer nach Ende seiner sportlichen Karriere zugewachsen war, und gaben Stoff. „Das war immer vergebens“, versichert Homburger. „Auf Skiern nahm es Tauscher mit jedem auf.“ Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass das Schutzgebiet überwacht wird, und das Auerwild lebt dort weitgehend in Frieden. Darauf mussten auch die Planer Rücksicht nehmen, als sie die Erweiterung des Skigebietes Oberstdorf-Kleinwalsertal in Angriff nahmen. So kommt es, dass man heute zwar flott hinaufgondelt bis zur Mittelstation, auf den Gipfel und so in Reichweite des Schutzgebietes gelangt man aber nur ganz entschleunigt mit der nostalgischen Kabinenbahn.

Das Skigebiet Ifen

Neu sind neben diversen Liften und Bahnen einige Busverbindungen – und ein ganzes Skigebiet: der Ifen. Hotelier Sebastian Reisigl, ein Wahl-Allgäuer mit Tiroler Wurzeln und üppigem Geschichten-Fundus, erinnert sich gut: „Es gab drei Schlepplifte und zwei Sessellifte, ein Modell von vor dem Krieg, eines von kurz danach.“

Der Weg auf den Ifen dauerte eine gute halbe Stunde und wer oben ankam, war steif gefroren und Eiskristall-gestrahlt. Dafür warteten leere Hänge mit reichlich Naturschnee.

Es gab drei Schlepplifte und zwei Sessellifte, ein Modell von vor dem Krieg, eines von kurz danach.

Sebastian Reisigl Hotelier

Heute schaufelt ein Sechser-Sessel-Lift mit geheizten Ledersitzen die Skifahrer auf die Pisten, parallel dazu drehen 10er-Gondeln ihre Runden vom Tal über die Mittelstation hinauf zur neuen Bergstation mit Restaurant unterm Ifengipfel auf 2228 Metern.

Schneesicher und lawinenfrei

43 Millionen Euro investierten die Bergbahnen in den Ifen, dazu viel Zeit und heftige Diskussionen. „Das Skigebiet liegt im Natura-2000-Schutzgebiet, was die Erneuerung zu einem schwierigen Prozess gemacht hat“, sagt Bergbahnen-Vorstand Andreas Gapp. Immerhin gelang es, die Besonderheit des Ifen zu erhalten: Quasi bauartbedingt funktioniert der seltene Tafelberg als Schneefang, er gilt als schneesicher und fast lawinenfrei.

Deshalb wurden nur für die Talabfahrt Beschneiungsanlagen angeschafft, alles andere bleibt Naturschneegebiet. Mit lediglich zwei, gleichwohl leistungsstarken, Liften hält sich auch der Landschaftsverbau in Grenzen. Und den örtlichen Geistern zollt man Tribut durch eine Flammenspalte im Bergrestaurant, die an die Drachen vom Ifen erinnert.

Nur ein Problem bleibt bestehen. Wer am Wochenende mit dem Auto kommt, muss früh aufstehen, weit laufen oder Shuttlebus fahren. Manchmal kommt er auch gar nicht zum Ziel. „Sobald der Parkplatz Ifen voll ist, leiten wir die Besucher um nach Heuberg und zum Wallmendinger Horn“, räumt Gapp ein.

© Schwäbische Post 16.11.2018 16:26
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