Aus Liebe zur Tochter des Wirts – der Geburtsort eines absoluten Volkshits

Straubenhardt Hier soll „Im schönen Wiesengrunde“ von Wilhelm Ganzhorn gedichtet worden sein

Die Wände um den runden Stammtisch am Kachelofen sind mit zahlreichen Bildern geschmückt. Ein Liedtext hängt hier und dazu eine Plakette mit dem Kopf des Verfassers, das Schwarz-Weiß-Bild einer Familie und eine Zeichnung des Gasthauses, wie es früher einmal aussah. „Schon zu Zeiten meiner Großmutter gab es hier eine Ganzhorn-Ecke“, sagt Pia Lamparth. Sie ist die Wirtin im Gasthaus Rössle in Conweiler, einem Ortsteil von Straubenhardt am Rand des nördlichen Schwarzwalds. Die kleine Erinnerungsstätte hat ihren Grund: Wilhelm Ganzhorn, der von 1844 bis 1854 im benachbarten Neuenbürg als zweiter Richter am Oberamtsgericht arbeitete, war in dieser Wirtschaft ein gern gesehener Gast. Ganzhorn, der vor 200 Jahren in Böblingen geboren wurde, hatte in Tübingen und Heidelberg Rechtswissenschaften studiert und auch da schon zahlreiche Gedichte geschrieben. Während seiner Zeit in Neuenbürg wanderte er gern übers Land und kam auch nach Conweiler ins Gasthaus Zum Rössle. Hier lernte er die Tochter der Wirtsleute, Luise Alber, kennen, die später seine Frau wurde.

Geduld war gefragt

Ganzhorn musste sich aber gedulden: Zum einen war die Braut fast 20 Jahre jünger als er und zum anderen hofften die Eltern auch in finanzieller Hinsicht auf eine bessere Partie für ihre Tochter. Schließlich willigten sie ein und das Paar heiratete im Januar 1855. Da hatte er sein Gedicht „Das stille Tal“, inspiriert von der Landschaft, die dem Rössle in Conweiler zu Füßen lag, längst geschrieben – und zwar zur seinerzeit bekannten Volksliedmelodie mit dem Text „Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt ich auf sein Grab“. Bereits 1852 wurden Ganzhorns Verse in einer Liedersammlung für Schulen veröffentlicht. Es waren drei der ursprünglich 13 Strophen - und der Text, der später unter dem Titel „Im schönsten Wiesengrunde“ bekannt wurde.

Beliebtestes Volkslied

Über Jahrzehnte hinweg wurde es an Schulen gesungen und über Württemberg hinaus im gesamten deutschen Sprachraum bekannt. Ob Hochzeit oder Beerdigung: Das Heimatlied erklang bei den unterschiedlichsten Anlässen und wurde auch von den Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg geschätzt. Noch immer ist es populär: Vor einigen Jahren wurde es von Zuschauern der TV-Show „Krone der Volksmusik“ sogar zum beliebtesten Volkslied gewählt. In Conweiler hält nicht nur das Gasthaus Rössle das Andenken des Dichters in Ehren. Am Ortsausgang wirbt ein Schild für das Neubauprojekt „Wohnen im schönsten Wiesengrunde“. Ein kleiner, von Bäumen gesäumter Bach schlängelt sich Richtung Feldrennach. Vor den Bänken plätschert im Wilhelm-Ganzhorn-Brunnen das Wasser. Daneben erinnert ein Gedenkstein mit einer Tafel an den Verfasser des berühmten Liedes.

Oben im Rössle erklingt heute dann und wann das Lied, das der ehemalige Stammgast verfasst hat. Manchmal besuchen Gesangvereine den Gasthof und geben spontan ein Ständchen. Als sich im Januar 2018 Ganzhorns Geburtstag zum 200. Mal gejährt hat und es eine Gedenkfeier im Ort gab, ist der Kreis seiner Urenkel, die dazu geladen waren, anschließend im Rössle eingekehrt.

Claudia List

© Schwäbische Post 16.11.2018 16:26
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