Landschaft – vom Himmel geschickt

Kanada Landschaftliche Reize und exquisite Küche, geprägt von regionalen Produkten – das ist die, durch einen Meteoriteneinschlag geprägte, Region Charlevoix am Sankt-Lorenz-Strom nördlich von Quebec.
  • Foto: Chris Sanchez

Langsam schlängelt sich der Zug am Sankt-Lorenz-Strom entlang. Den Passagieren, die an den Wasserfällen Chute Montmorency in der Nähe der Stadt Quebec eingestiegen sind, bietet sich auf der Fahrt nach Baie-Saint-Paul auf der rechten Seite der Blick auf den mächtigen Strom, über den vor 400 und 500 Jahren Entdecker und Forscher wie Jacques Cartier und Samuel de Champlain in das Innere des Kontinents vordrangen. In den flachen Uferzonen stehen Scharen von Graureihern. Auf der linken Seite erhebt sich, nun schon nahe an Baie-Saint-Paul, das Massif de Charlevoix mit seinem Plateau, das 770 Meter über dem Fluss liegt.

Dies ist das Charlevoix, eine kleine Region der kanadischen Provinz Quebec, die für ihre landschaftlichen Reize, ihre hervorragende Küche und die Gastfreundschaft der hier lebenden Menschen bekannt ist und die im Juni Schauplatz des G-7-Gipfels war. Auch der Zug trägt den Namen der Region. Der Train de Charlevoix fährt von den Chute de Montmorency nach Baie-Saint-Paul und dort können die Fahrgäste in den Anschlusszug nach La Malbaie umsteigen. Es ist eine „Reise der Entschleunigung“, insgesamt 125 Kilometer zwischen Fluss und Bergen, für die man etwa vier Stunden einplanen muss. Die Züge haben eine interessante Geschichte: Gebaut wurden die beiden Dieseltriebzüge im Auftrag der Deutschen Bahn AG. Bis 2005 waren sie fast drei Jahrzehnte auf Strecken im Allgäu zwischen Augsburg, Kempten, Kaufbeuren und Füssen im Einsatz.

Die Wiege des Cirque du Soleil

„Dies ist eine unserer besonderen Attraktionen“, sagen Francis Gougeon und Mario Audet, Manager von Train de Charlevoix. 57 000 Passagiere wurden im vergangenen Jahr in der kurzen Sommersaison gezählt. Eigentümer des Zugs ist die Groupe le Massif mit ihrem Präsidenten Daniel Gauthier, der sich auch auf anderem Gebiet einen Namen machte: Baie-Saint-Paul mit seinen Straßenjongleuren und Stelzenläufern war in den 1970er Jahren die Wiege des weltberühmten Cirque du Soleil und Gauthier einer der Gründer des Cirque.

„Diese Landschaft hat uns der Himmel geschickt“, meint David Mendel, Co-Autor eines Büchleins über das Charlevoix. Beim „Geschenk des Himmels“ denkt Mendel an ein Ereignis, das 400 Millionen Jahre zurückliegt. Damals schlug ein Meteorit mit einem Durchmesser von 4,5 Kilometern, der vermutlich vom Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter kam, auf der Erde ein – dort, wo heute das Dorf Les Éboulements liegt. Der Einschlag schuf einen 54 Kilometer weiten Krater mit dem Mont des Éboulements als Zentrum. Berge, Schluchten, Seen und Flüsse, Wälder und Wiesen kennzeichnen die Kraterlandschaft. Aber nur die Hälfte des Kraters liegt auf dem Land und bildet das Charlevoix. Die andere Hälfte liegt unter Wasser im Sankt-Lorenz-Strom.

Seit Tausenden von Jahren leben indianische Völker in dieser Region. Im 17. und 18. Jahrhundert kamen Siedler aus Europa. Der französische Historiker Pierre-Francois Xavier de Charlevoix bereiste die Region, die später nach ihm benannt werden sollte. 1759 hatten die Engländer Quebec erobert und im Frieden von Paris 1763 musste Frankreich seine nordamerikanischen Gebiete einschließlich des heutigen Kanada an Großbritannien abtreten. Bereits in diesen Jahren ließen sich schottische Adlige im Charlevoix nieder und nutzten es für Freunde und Angehörige in Europa als Urlaubs- und Fischfangregion. Mit der Dampfschifffahrt und den „weißen Booten“, die Gäste aus Montreal, Quebec und den USA brachten, stieg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bedeutung des Charlevoix als Tourismusregion und begründete dessen Ruf als Wiege der Sommerfrische in Kanada, als „Berceau de Villégiature“.

Wir geben Einblick in unsere Arbeit und die Produzenten können auf unsere Bedürfnisse reagieren.

Dominique Truchon Küchenchef

Von der Terrasse des Fairmont Le Manoir Richelieu im Städtchen La Malbaie geht der Blick über den Sankt-Lorenz-Strom. In diesem Luxushotel, das einem Schloss ähnelt, saßen die G-7-Staats- und Regierungschefs zusammen. Errichtet worden war es Ende des 19. Jahrhunderts in Holzbauweise als Urlaubsquartier für betuchte Kanadier aus den Städten. Auch Charlie Chaplin hat hier übernachtet. Am 12. September 1928 zerstörte ein Feuer die gesamte Anlage. Die Canada Steamship Line, damals Eigentümer des Hotels, beschloss, es so schnell wie möglich wieder aufzubauen – und diesmal aus Steinen. Bereits Mitte Juni 1929 wurde es mit Beginn der Sommersaison eröffnet.

Den Küchenchef beobachten

Im Restaurant Chez Truchon in La Malbaie kann der Gast durch eine große Glasscheibe den Eigentümer und Küchenchef Dominique Truchon beobachten, der mit Kochlöffel durch Pfannen und Töpfe wirbelt und die Speisen auf den Tellern anordnet. Seit fast 40 Jahren steht Truchon in der Küche. Er stammt aus der Charlevoix-Region und gehört zu denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, vor allem lokale Produkte zu verwenden. Brot, Fleisch, Pâté oder Gemüse, alles soll, wann immer möglich, von Bauernhöfen in der Region kommen. „Es erlaubte mir, frische Produkte von besserer Qualität zu verwenden“ erzählt er. „Küchenchefs und Produzenten stehen im ständigen Dialog. Wir geben Einblick in unsere Arbeit und die Produzenten können auf unsere Bedürfnisse reagieren.“

Wie sehr Bauern, Bäcker und Konditoren davon profitieren, sieht man in fast jeder Gemeinde. Einzelhandelsgeschäfte und Supermärkte führen die lokalen Erzeugnisse. In Baie-Saint-Paul bietet die Boutique der Cidrerie Pednault nicht nur den Cidre von der im Sankt-Lorenz-Strom liegenden Insel Isle-aux-Coudres, sondern auch Cassoulet von Ente, Rillettes vom Kaninchen, Champignons, Senf und verschiedene Gelees von örtlichen Produzenten, nicht zu vergessen Käse aus den Käsereien des Charlevoix.

Beim Bummel durch das Städtchen fällt sofort die große Anzahl von Kunst- und Kunstgewerbegalerien auf. Mit mehr als 25 Kunstgalerien ist Baie-Saint-Paul die Stadt mit den meisten Galerien pro Kopf in Kanada. Im Mouton Noir in Baie-Saint-Paul fühlt sich der aus der Bretagne kommende Eigentümer und Küchenchef Thierry Ferreé nicht nur der heimischen Küche und lokalen Erzeugnissen verpflichtet, sondern auch der Kunst der Region. Kunst und Küche, sie gehören in dieser Region am Sankt-Lorenz-Strom einfach zusammen.

© Schwäbische Post 07.12.2018 15:26
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