Diese Bucht ist eine Wucht

Südostasien Genauso schön wie die berühmte Halong-Bucht, aber weniger überlaufen: Die Lan-Ha-Bucht im Norden Vietnams ist ein Geheimtipp. Die Insel Cát Bà hat auch Wanderern viel zu bieten.
  • Foto: Melanie Maier

Fast lautlos gleiten die Kajaks über das türkisgrüne Wasser. Umringt von hochhaushohen Felsen, auf denen der Urwald wächst und wuchert, verteilen sich die schmalen Boote schnell in der Lagune. Ein sanftes Plitsch-Platsch beim Eintauchen der Paddel, gedämpfte Unterhaltungen, Vogelgezwitscher in der Ferne, sonst nichts. Stille. Dann schreit irgendwo ein Affe. Einige Hundert Meter entfernt schimmern sein schwarzes Fell und der helle Kopf durch das grüne Dickicht. Auf dem Baum neben ihm sitzen zwei weitere Affen. „Ihr habt Glück“, sagt Tom, der die Gruppe leitet. „Goldkopflanguren kommen nur in Nordvietnam, auf den Inseln von Cát Bà, vor. Und auch hier leben nur noch 60 oder 70 von ihnen.“

Der Reiseleiter heißt eigentlich Thang Nguyen Minh, Tom können sich die Touristen aber besser merken. Bei dem Ausflug durch die rund 400 Kalksteininseln, die wie die Felsen der benachbarten Halong-Bucht 1994 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurden, berichtet der 27-Jährige von den schwimmenden Fischfarmen in der Bucht, auf denen etwa 4 000 Menschen leben. Wie viele andere Länder habe auch Vietnam ein Problem mit der Überfischung, erklärt Tom. Noch vor einigen Jahren nutzten viele Fischer Dynamit bei ihrer Arbeit. Das sei inzwischen verboten. Doch für die Fischer werde es immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Häuser auf Plastiktonnen

Das Boot schaukelt über die Wellen, passiert unbewohnte Felseninseln, auf denen Sträucher und Palmen wachsen. Eine halbe Stunde später legt es an einer der künstlichen Inseln an. Nur wenige Häuschen mit Dächern aus Metall stehen auf den Holzbrettern, die wiederum auf großen, blauen Plastiktonnen auf dem Wasser treiben. Der Großteil der Insel besteht aus viereckigen, mit Netzen überspannten Becken, in denen Königsfische, Rote Schnapper und Zackenbarsche schwimmen.

Die Fischer schauen belustigt zu, wie die Touristen ungelenk auf den Brettern balancieren. „Manche von ihnen verbringen fast ihr ganzes Leben auf dem Wasser“, sagt Tom. Dabei müssen sie auf überraschend wenig verzichten: Fünf bis sechs Familien teilen sich einen Stromgenerator, fast alle haben Fernsehen, einige sogar eine Karaoke-Anlage. Bloß Internet gebe es noch nicht, sagt Tom.

Fledermäuse und Languren

Es ist kühl an diesem Morgen. Die Sonne versteckt sich hinter dichten, grauen Wolken. Zurück auf dem Sonnendeck lässt der Wind die Gruppe frösteln. Beim ersten Badestopp trauen sich nur ein paar Mutige ins Wasser. Die Kajak-Tour dagegen machen alle mit. Mit Schwimmwesten ausgestattet, sitzen jeweils zwei Personen in den bunten Paddelbooten. „Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann“, sagt Petra Nesti aus Hamburg, die mit ihrem Mann Thomas und den Töchtern Sarah und Lisa durch den Norden Vietnams reist. Sie kann es noch. Im Takt paddeln Petra und Thomas durch den Höhleneingang in die Lagune.

Manche von ihnen verbringen fast ihr ganzes Leben auf dem Wasser.

Thang Nguyen Minh Reiseleiter

Zwischen den tief hängenden Stalaktiten klammern sich Fledermäuse an die Decke. Langsam fahren Petra und Thomas an den steilen Felswänden vorbei, als die drei Goldkopflanguren aufschreien, sich kreischend von Ast zu Ast schwingen. Ein paar Minuten schauen sie den Affen beim Turnen zu, dann ruft Tom zum Aufbruch: Es ist an der Zeit, nach Cát Bà zurückzukehren.

Gegen 17.30 Uhr legt das Schiff im Hafen an. Cát Bà Town wird von vielen Urlaubern als hässlich bezeichnet. Tatsächlich schießen seit Jahren immer mehr Hochhäuser an der Promenade in die Höhe. Die wenigen Straßen gehören, wie fast überall in Vietnam, den Rollerfahrern. Doch im Vergleich zur überlaufenen Halong-Bucht geht es in der Lan-Ha-Bucht sehr gemütlich zu.

Das Höhlen-Krankenhaus

Darüber hinaus hat die Insel ihren Besuchern mit einem Nationalpark, mehreren Höhlen und Aussichtspunkten mehr zu bieten als eine Handvoll schöne Strände und imposante Kalksteinfelsen. „Bei Sonnenuntergang solltet ihr unbedingt zum Cannon Fort hinaufgehen. Dort hat man eine tolle Aussicht“, sagt Phùng Quang Tuyen (43), Direktor der Touristeninformation neben dem Landungssteg am Hafen. Die Taxifahrt zur Hospital Cave dauert rund 20 Minuten. Die Höhle liegt direkt an der Straße zum Nationalpark. Von 1963 bis 1965 wurde sie mit chinesischer Unterstützung ausgebaut. Während des Vietnamkriegs diente sie als Krankenhaus und strategischer Treffpunkt für hochrangige Offiziere des Vietcong. Eine Treppe aus Beton führt am Regenwald vorbei zum Höhleneingang. In manchen der insgesamt 17 Räume veranschaulichen lebensgroße Puppen, wie die Hospital Cave einst genutzt wurde: Einige sitzen in Uniform an einem Tisch, andere liegen auf einer Holzbahre. Die Luft ist etwas stickig, es riecht modrig. Im ehemaligen Kinosaal ist ein Eimer aufgestellt, der herabtropfendes Wasser auffängt.

Mit dem Taxi geht es weiter zum Nationalpark. Bereits 1986 wurde das 263 Quadratkilometer große Schutzgebiet eingerichtet, in dem unter anderem Schwarze Riesenhörnchen, Makaken und Nashornvögel leben. Ein Wanderweg führt innerhalb einer Stunde zu einem Aussichtspunkt. Der Aufstieg ist trotz der geringen Höhe schweißtreibend, die Luftfeuchtigkeit lässt den Puls nach oben schnellen. Die Kleidung klebt am Körper. Doch die Anstrengung lohnt sich: Auf dem Gipfel des Ngu Lam erwartet die Wanderer ein 360-Grad-Blick auf den Dschungel und die kegelförmigen Karstberge. Erst am Horizont geht ihr dunkles Grün in Blau über.

© Schwäbische Post 29.03.2019 16:05
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