Ein mystisches Wandervergnügen

Isle of Man An der rauen Küste der Insel im irischen Meer bläst ein scharfer Wind. Wer sich trotzdem auf den Weg macht, wird von Feen belohnt.
  • Bild: Lerchenmüller

Der Fluss gurgelt tief unten durchs Gestein. Vor den schwarzen, nassen Schieferwänden hängen Vorhänge aus Efeu, darunter ziehen sich Friese aus Farnen und Lebermoos. Und doch muss man höllisch aufpassen, denn Glen Maye, das Feental, ist die Heimat derer, die man möglichst nicht laut bei ihrem Namen nennt. Der Holunder zeigt winzige Löcher in seiner Rinde? Nein, es sind keine Poren, sondern die Ohren von Feen. Ein Weißdornbusch steht im Weg? Bloß nicht abhacken: In seinen Wurzeln leben die Kleinen Leute mit grünem Wams und roter Kappe. Dazu kommen Phynodderees, haarige Riesenwesen, die manchmal heimlich bei der Ernte helfen. Überall auf der Isle of Man halten sich „themselves“ auf. Sie, das sind die Feen. Und so wird im öffentlichen Bus jedes Mal kurz vor der Feenbrücke bei Douglas durchgesagt: „Nach alter Art grüßen wir die Feen.“ Und alle Fahrgäste murmeln: „Hello, fairies!“

Es ist viel Mystisches um die Isle of Man, die mitten zwischen Liverpool, Belfast und Dublin in der Irischen See liegt. Sie ist 52 Kilometer lang, 22 Kilometer breit und hat 90 000 Einwohner, von denen ein Drittel in der Hauptstadt Douglas wohnt. Vom Ende des 19. Jahrhunderts an war sie ein Lieblingsziel vieler Engländer, ehe die zu Beginn der 1970er Jahre Spanien für sich entdeckten. Die eleganten, viktorianischen Fassaden an der Promenade haben überdauert. Fast vier Kilometer lang ziehen sie sich um die Bucht. Ganz wie damals ziehen Pferde Straßenbahnwagen tapfer von einem Ende zum anderen. In den hellen Gebäuden mit den Erkern, Zinnen und Säulchen befinden sich heute nur noch wenige Hotels und Pensionen. Fast alle wurden zu Apartmentblöcken und Bürokomplexen umgebaut. In denen wohnen und arbeiten die IT-Spezialisten, Banker und Sekretäre der Firmen, die hier ihren Sitz haben, um Abgaben zu sparen.

Die Insel ist aber nicht nur ein Steuer-, sondern auch ein Wanderparadies. Ein sorgfältig gesteppter Quilt aus den hellgrünen Flecken kleiner Wiesen, zusammengehalten von den dunkelgrünen Nähten der Hecken, überzieht die Hügel im Westen. Manchmal hüllt der „Mantel von Seegott Mannanan“, dichter Geisternebel, die Spitzen in Grau. Schwarze Kühe mit weißer Bauchbinde weiden hinter kunstvoll aufgeschichteten Trockenmauern, daneben grasen Loaghtan-Schafe, von denen allerdings noch keines die typischen vier Hörner aufweist.

Die Katze ohne Schwanz

Auf sie sind die Inselbewohner ebenso stolz wie auf die Manx-Katze – die ohne Schwanz. Als Noah seine Arche schließen wollte, trödelte sie – typisch Manx, wie der eingeborene Inselbewohner sich nennt – noch herum, huschte erst im allerletzten Moment durch das Tor, das der Meister gerade zumachte – und verlor dabei ihr schönstes Stück.

Nach alter Art grüßen wir die Feen.

Busfahrer vor der Feenbrücke

Der aufregendste Abschnitt des Möwenwegs, der insgesamt 160 Kilometer lang um die Insel führt, liegt im Süden. Ein scharfer Wind lässt keine Zweifel, an welch rauem Meer man wandert. Im Hinterland erblüht auf sanft geschwungenen Hängen lila Heide, durchbrochen von weißen Quarzbrocken und dottergelben Ginsterhügeln. Hinter Cregneash ist die Küste tief zerklüftet. Erdbewegungen, Regen und Erosion haben 30, 40 Meter tiefe Spalten in den Sandstein gegraben, die Chasms. Die Wege daneben sind nicht gesichert. Wer sich auf das brüchige Terrain wagt, ist für sich selbst verantwortlich.

Das Feen-Pipi

Am Felsen Spanish Head fängt es an, richtig zu blasen. Tölpel, die aus Schottland herüberkommen, schießen im Wind wie Kamikaze-Flieger ins Meer. Und plötzlich herrscht echtes Um-die-Ecke-Wetter. Die Sonne ist verschwunden, ein schwarzer Himmel hat sich über den blauen gezogen, es beginnt zu nieseln. Irgendjemand spricht spöttisch von „Feen-Pipi“. Ein Fehler – denn hinter der nächsten Biegung schlägt der Regen plötzlich schräg herein, Sturm reißt einem die Worte von den Lippen. Noch ein paar Schritte und das Wasser peitscht fast waagrecht gegen Heidekraut, Schafe, Farn und Wanderer. Ganz frostig ist es plötzlich, der Regen hämmert eisige Nägel in die Gesichter – welchem von den Unsichtbaren ist man da wohl auf die Füße getreten? Doch genauso plötzlich, wie sie zuvor verschwunden ist, dringt die Sonne wieder durch und strahlt so, als müsse sie sich für ihre vorübergehende Unpässlichkeit mit Bestleistungen entschuldigen. Wer auch immer dafür gesorgt hat – thank you, fairies!

© Schwäbische Post 29.03.2019 16:25
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