Die lächelnden Stämme des Südpazifik

Fernreise Die Goroka-Show in Papua-Neuguinea ist ein Augen- und Ohrenfestival. Teilnehmen dürfen jedoch nur Stämme, die sich nicht mit einem anderen Stamm im Krieg befinden.
  • Foto: Franz Lerchenmüller

Sie ziehen ein wie verspätete Boten einer längst vergangenen Zeit. Schritt für Schritt rücken sie vor, unter einem roten Bogen mit dem Logo einer Mobilfunkfirma, ein Zug aus speckig glänzenden Muskelpaketen, Greisen mit Bärten wie Stahlwolle, Mädchen, die grüne Holzmasken über den Augen tragen, und gewichtigen Matronen mit baumelnden Brüsten. Jede der 156 Gruppen trägt ein Schild mit ihrem Namen und dem Herkunftsort. Die einen rasseln und trillern, andere keuchen in höchstem Diskant. Federn schillern, Perlmutt schimmert, rissige Farbe bröckelt – und immer wieder weht eine kräftige Schweißwolke in die Reihen der Zuschauer. Es ist, als blättere man in einem alten Handbuch der Völkerkunde und ein Bild überlagere das andere. Und, das ist das wahrlich Aufregende, nicht wenige in diesem Zug stehen zumindest mit einem Bein noch in eben dieser Vergangenheit.

Die Goroka-Show ist mehr als ein touristisches Folklorefestival. Sie ist das Treffen einer etwas schwierigen Familie, ein Akt der Selbstvergewisserung eines Landes, das sich mit über 850 Sprachen und mehr als 1 000 Stämmen wahrlich eine Multikulti-Nation nennen darf. 1957 hatten australische Offiziere die Idee, die zerstrittenen Stämme ihrer Kolonie zu einer Kulturshow zu versammeln: Schauen, reden, verstehen sollten sie – statt brutal aufeinander loszugehen! Und noch immer ist das Treffen in dem 25 000-Einwohner-Städtchen in den Eastern Highlands das größte und bekannteste unter den Veranstaltungen im ganzen Land. Und weiterhin gilt: Stämme, die sich miteinander im Krieg befinden – und es gibt sie immer noch –, dürfen nicht dabei sein.

Einrieben mit Schlamm

Die meisten Teilnehmer kommen mit Bus, Flugzeug oder auch in einem tagelangen Fußmarsch angereist. Im Fußballstadion mischen sich wenig bekannte Gruppen aus abgelegenen Dörfern mit den anderen, die sich längst einen Namen gemacht haben. Die Huli Wigmen aus Hela etwa, deren Körper so tiefrot glänzen wie die Würste vom Grill, haben ihre Gesichter mit gelber Tonerde eingerieben. Darüber thronen Perücken in Form von Pyramiden oder Dreispitzen, die aus ihrem eigenen Haar gemacht wurden. Ganz einfach mit beigem Schlamm eingerieben haben sich dagegen die berühmten Asaro Mudmen, so wie sie einst angeblich ihre Feinde zu Tode erschreckten.

Alle Gruppen singen und tanzen jetzt fast ohne Pause. Hier ein Gellen, Krähen, Keckern, dort ein tiefes Brummen und der dröhnende Herzschlag der sanduhrförmigen Kundu-Trommeln. Rhythmischer Sprechgesang kämpft gegen hellen Diskant, südseesehnsüchtige Gitarrenklänge versüßen das dumpfe Dröhnen einer Bambusorgel.

Dunkle Wolken hängen über den nahen Bergen, aber kein Regen fällt. Vielleicht ist es das Verdienst der weiß gekalkten Männer aus Siane, die sich in einem Geistertanz verlieren. In der Hocke schieben sie sich voran, kreiseln, rühren die Trommeln, wechseln watschelnd die Plätze – um plötzlich aufzuspringen und schreiend loszustürmen. „Wir sind stolz auf unsere Kultur und wollen, dass die Welt davon erfährt“, sagt ein Mann aus Simbu mit gelben Leopardenflecken auf der Haut und einer goldenen Krone aus getrockneten Farnwedeln.

Immer wieder hört man diesen Satz, und nur bei den Arrivierten klingt er etwas zu routiniert. Allenthalben aber spürt man eine große Lust am Verkleiden, eine Freude am Sich-schön- und Sich-wild-Machen. Und fast ebenso groß scheint die Bereitschaft, sich in Szene zu setzen und fotografieren zu lassen.

Wir sind stolz auf unsere Kultur und wollen, dass die Welt davon erfährt.

Mann aus Simbu

Touristen fallen auf

Auch einige Hundert Touristen sind zwischen den Tausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterwegs. Sie fallen auf, aber nicht ins Gewicht. Anders als in Hotels oder Dörfern sind die Gruppen hier keine gebuchten Acts mit Unterhaltungsauftrag. Sie bleiben Herrinnen und Herren des Geschehens, singen oder auch nicht und setzen sich hin, wenn sie müde sind oder nicht mehr mögen. Den Besucher aber zieht es weiter, immer weiter durch das lebende Bilderbuch. Die Frauen von Nopara aus Siane, mit Mähnen wie Aretha Franklin, haben den Dschungel geplündert. Sie tragen Armbänder aus Samen, Gürtel aus Blättern und haben Moos und Blüten am ganz Körper festgesteckt. Und immer mehr und immer neue Bilder ziehen vorbei: Tiefrosa Röcke an schwarz bemalten Kriegern. Ketten aus Knöchelchen auf behaarten Brüsten. Abgegriffene Streitäxte mit speckigem Stein.

Aber fast in jeder Gruppe wippen Hauben aus den Federn von Papageien und Paradiesvögeln – ein Albtraum für jeden Ornithologen. Eine Naturschutzgruppe verteilt inzwischen kostenlos Hühnerfedern als Ersatz, die zu Papageienfedern umgefärbt wurden.

Am späten Nachmittag packen die Tanzenden ihre Sachen zusammen. Sie kratzen

und waschen sich die Farben ab, schlüpfen wieder in Jeans und T-Shirt, checken ihre Handys und wechseln hinüber aufs zweite Fußballfeld, wo die Menge der Einheimischen den Unabhängigkeitstag feiert. Ein DJ legt auf: Disco, John Denver, Rap, Soul und Modern Talking quer durcheinander. Die Bässe hämmern die ganze Nacht. Die düsteren Krieger, die Geisterjäger, die Waldbeschwörerinnen trinken und lachen. Und sie tanzen. Jetzt aber auf die andere Art.

© Schwäbische Post 05.04.2019 17:10
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