Grenzenlos hautnah erleben

Europa Im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg wurde 1985 auf einem Ausflugsdampfer der Schengen-Vertrag unterzeichnet.
  • Fotos: Wolfgang Molitor

Drei Flüsse markieren zum allergrößten Teil die Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg – auf gut 118 der insgesamt 135 Kilometer. Jahrzehntelang waren die Our (50 Kilometer) im Norden, die Sauer (42 Kilometer) und der 26,5 Kilometer lange Teil der Mosel im Süden ein natürlicher Graben, der die beiden Länder trennte. In Kriegszeiten wie im Frieden. Lutz Gloden, der ehrenamtliche Bürgermeister von Schengen, lächelt. Dann sagt der Luxemburger bestimmt: „Das war einmal. Die Mosel ist heute ein Fluss, der die Menschen nicht mehr trennt, sondern verbindet.“

Der 46-Jährige gerät in seinem modernen Rathaus ins Schwärmen: von den zum Greifen nahen Weinbergen und den Vor-Ort-Verkostungen der heimischen Weine und Crémants, von den Schleusen und Seen ganz in der Nähe, von Naturschutzgebieten wie dem artenreichen Feuchtgebiet „Haff Reimech“, von komfortablen Ausflugsschiffen oder vom Casino im hoch gelegenen Kurort Mondorf-les-Bains. Die freundliche Gelassenheit des Halbtags-Chefs einer 50 Mitarbeiter starken Stadtverwaltung lässt vermuten, dass es sich im deutsch-französisch-luxemburgischen Dreiländereck gut leben lässt. „Wir profitieren vom französischen Charme und der deutschen Arbeit“, sagt Gloden. Kurzum: von den Pendlern.

Die Stadt steht für Europa

Schengen: Seit dem 14. Juni 1985 steht der Ort für den Beschluss eines grenzenlosen Europas, seit 1990 für die Vorarbeiten für das Ende von Kontrollen an den Binnengrenzen - zunächst zwischen den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Luxemburg und Deutschland, und seit dem 26. März 1995 (inzwischen auch mit Spanien und Portugal) für das tatsächliche Schlagbaum-Aus. Für eine Außengrenze von heute mehr als 50 000 Kilometer Länge. Für über 500 Millionen Menschen. Mittlerweile von 26 Staaten unterzeichnet. Schengen, der Name steht auch für 300 Millionen Visa-Anträge. Und unter dem Flüchtlingsdruck immer mehr für neue Probleme als Synonym für die Festung Europa. „Auch deshalb ist Schengen weltweit so bekannt wie Bethlehem“, sagt Roger Weber, der Schengener Ehrenbürgermeister. Er weiß: im Guten wie im Schlechten.

„Die Jungen hier wissen gar nicht mehr, was Grenze bedeutet“, sagt der 67-jährige frühere Weinbauer. Zwischen dem deutschen Perl, dem französischen Apach und dem luxemburgischen Schengen folgt der Alltag längst keinen Grenzkontrollen mehr. Tag für Tag pendeln fast 200 000 Deutsche und Franzosen zur Arbeit ins Hochlohnland Luxemburg. „Früher haben wir oft eine halbe Stunde an der Grenze warten müssen, wenn wir zum billigen Tanken rüber wollten“, erinnert sich Perls Bürgermeister Ralf Uhlenbruch. „Mit drei Währungen in der Tasche.“ Sein Apacher Amtskollege Patrick Gutieres pflichtet ihm bei. „Als meine Oma 1938 einen Mann aus Oberperl heiratete, war die Familie ziemlich irritiert“, sagt der 46-jährige Architekt, der auch in Luxemburg arbeitet.

Am Ende vom Ende Frankreichs

Der Schengener Vertrag habe Apach wachgeküsst. Zwar sei man noch immer „ein kleines Dorf am Ende vom Ende Frankreichs“, sagt Gutieres, „aber das immerhin in der Mitte von Europa“. Alles gut also? 30,6 Prozent der Apacher hatten im Mai 2017 im zweiten Wahlgang der Präsidentenwahl ihr Kreuz hinter Marine Le Pens Front National gemacht.

Deshalb ist Schengen weltweit so bekannt wie Bethlehem.

Roger Weber Ehrenbürgermeister

Es gibt immer noch viel zu tun. In Schengen und um Schengen herum. Auch touristisch. In Perl ist Start für die 24 Etappen des 365 Kilometer langen Fernwanderwegs „Moselsteig“. Bis Koblenz geht es 13-mal auf die andere Moselseite, durch Wald und Weinberge. Zu Fuß oder mit dem Rad. Eine schöne Tour. Und doch: „Beim Tourismus gibt es in der Region noch Luft nach oben“, sagt Uhlenbruch, nicht zuletzt wegen fehlender Übernachtungsangebote. „Auch bei gut ausgebauten Radwegen für E-Bikes müssen wir uns weiter ins Zeug legen.“ Die Schlösschen, das Naturschutzzentrum „Biodiversum“, die Weinberge, eine Schifffahrt auf der Obermosel, die großzügige Flusspromenade von Rimech: Es sind meist Tagestouristen, die kommen. „Die wenigsten bleiben drei Tage“, sagt Gloden und holt eine Flasche Pinot blanc aus dem Rathauskeller. „Wir müssen den Ball flach halten.“

Im Europäischen Museum steckt sich Martina Kneip große Ziele. Rund 40 000 Besucher im Jahr zählt die gebürtige Freiburgerin. „Als wir 2007 anfingen, waren es 5 000“, sagt sie, damals, als eine große Idee ihren kleinen Anfang nahm und Schengen noch Stadtteil von Remerschen war. „Vor allem Polen um die 30 sind vom grenzlosen Zusammensein begeistert“, so die Museumsdirektorin. Auch viele türkische Gruppen seien von einem Europa ohne Grenzen fasziniert.

Drei Nationalsäulen

Vor dem interaktiven Museum, das auf 200 Quadratmetern die Entwicklung Europas und viel Hintergründiges des Schengener Abkommens zeigt, dominieren mit dem Blick auf die Perl mit Schengen verbindende Moselbrücke auf dem Place des Étoiles drei Nationensäulen. Sie symbolisieren mit ihren Sternen die Mitgliedstaaten des Schengen-Raums. Bronzetafeln im Boden tragen die Namen der einzelnen Länder.

Dort, wo der Ausflugsdampfer „MS Princesse Marie-Astrid“ (er fährt heute auf der Donau bei Regensburg) angelegt hatte, dort also, wo der Schengen-Vertrag 1985 unterzeichnet wurde, ist heute auf einem Ponton das Büro der Tourist-Information. „Damals habe ich mit dem Auto nicht mal gestoppt“, erinnert sich Roger Weber, „das konnte ja kein wichtiger Vertrag sein, weil nur Staatssekretäre da waren.“ Und überhaupt der Name! Für Franzosen sei Schengen schwer auszusprechen. Schen Gen! Müsse das so heißen?, habe die Pariser Unterhändlerin Edith Cresson spitz gefragt, plaudert Weber aus dem Nähkästchen. Worauf Luxemburgs Staatssekretär Robert Goebbels geantwortet habe, nein, nicht unbedingt, es gebe auch einen Luxemburger Ort, der heiße Oberschlittermanderscheidt. Dann den? Es blieb bei Schengen.

Radeln in der Mitte Europas, wandern an der Wiege einer großen Idee: Besser als in Schengen kann Europa so hautnah grenzenlos nicht für sich werben.

© Schwäbische Post 03.05.2019 16:08
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