Modernisierung ist immer! Corporate Designer wirken seit über 110 Jahren

Vertraut und doch neu: Marken- und Produktlogos üben eine eigenartige Anziehung auf Menschen auf. Was steckt hinter der Idee der Corporate Identity und warum konsultieren selbst Werbeagenturen zum Thema Corporate Design?

Qualität, Funktionalität und Schönheit sollten gerettet werden, als zwölf Künstler, Unternehmer und Kaufleute am 6. Oktober 1907 in München zusammenkamen und den Deutschen Werkbund gründeten. Der Verein schrieb sich den Kampf gegen den Kulturverfall auf die Fahnen, den die Massenproduktion von Gebrauchsgegenständen angeblich mit sich brachte. Der Werkbund trat für hochwertige Produkte ein und rückte bereits damals Nachhaltigkeit und Zweckmäßigkeit der Produkte in den Fokus. Der Architekt Peter Behrens beeinflusste maßgeblich die Denkweise des Bundes und ebnete mit seinem berühmten Motto „Form folgt Funktion“ den Weg zum modernen Markenbegriff und zum Markenvertrauen, das Kunden Produkten und Konsumgütern bis heute entgegenbringen.

Dank Behrens erkennen wir heutzutage Produkte beim ersten Hinsehen, sei es das zucker- und koffeinhaltige Erfrischungsgetränk eines amerikanischen Herstellers oder der deutsche Sportausstatter mit den drei Streifen. Der Künstler entwickelte für den Elektrokonzern AEG ab 1907 eine einheitliche Corporate Identity nach einem stimmigen, modernen Corporate Design, das sich durch den „Verzicht auf die Kopie handwerklicher Arbeit, historischer Stilformen und anderer Materialien“ auszeichnete. „Gerade bei der Elektrotechnik handelt es sich nicht darum, die Formen durch verzierende Zutaten äußerlich zu verschleiern, sondern weil ihr ein vollkommen neues Wesen innewohnt, die Formen zu finden, die ihren neuen Charakter treffen“, erläuterte Behrens um 1910 sein Konzept „Made in Germany“.

Was versteht man unter Corporate Design?

Umfassend und stimmig stellt das Corporate Design einer Firma die Vision, die Mission und die Werte des jeweiligen Unternehmens dar. Der Unternehmensauftritt vermittelt vom Firmenlogo, über die verwendete Schriftart bis hin zum Verhaltenskodex und dem Dresscode der Mitarbeiter, welche Rolle das Unternehmen im Markt spielen möchte. Behrens und AEG entschieden sich 1907 zu einer Abkehr vom ziselierten altdeutschen Firmenschriftzug zu einem klaren, modernen Schriftbild in roten Versalien. Einher ging das Produktdesign, dass sich von unnötigen Schnörkeln befreite und so den Bedürfnissen des Marktes und auch der Kunden folgte. Die US-Brause Pepsi Cola, die 1893 von einem Apotheker erfunden wurde, verjüngte ihren verschnörkelten Markennamen im Laufe der Zeit ebenfalls, Elemente wie den „Pepsi Globe“ und die rot-weiß-blaue Farbgebung blieben über die Jahre erhalten.

Werbeagenturen achten auf Konsistenz, Wirkung und Innovation

Die digitale Revolution und der steigende, weltweite Wettbewerb macht eine klare Unternehmensposition immer notwendiger, die aber ebenso flexibel wie einprägsam ist. Die Global Player verfügen über ein durchdachtes Corporate Design, denn wer gegen die Konkurrenz bestehen will, muss nicht nur seine Zielgruppe dauerhaft an sich binden, sondern auch immer wieder neue Impulse setzen, um sichtbar zu bleiben. Im Schnitt wechseln Firmen alle fünf Jahre ihr Erscheinungsbild, mal mehr mal weniger deutlich, aber meist unterstützt durch professionelle Kreative. Erfolgreiche Werbeagenturen und Designagenturen nutzen auch heute noch die Grundsätze des Deutschen Werkbundes und die Gedanken von Peter Behrens, um Erneuerung und Wandel sichtbar zu machen. Mit Hilfe von psychologischen Studien, Zielgruppenanalysen und umfassender Marktforschung schaffen Künstler erfolgreiche Corporate Designs, die paradoxerweise vertraute Tradition und ständige Innovation zugleich vermitteln.

Bildquelle: Pixabay_Mohamed_Hassan

© Schwäbische Post 08.10.2018 15:12
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