Abschied vom Jungstraum

Dem Kettcar droht das Aus, nachdem es mehr als 50 Jahre lang Kinder ans Fahren gebracht und einen eigenen Eintrag in den Duden erhalten hat.
  • Ein Foto aus den 60er Jahren. Der Junge legt sich schon ganz gut in die Kurve, aber Bremseziehen war eher verpönt. Foto: Kettler/dpa
Tretauto“ klingt blöd. Langweilig. Ist es wahrscheinlich auch, da das 21. Jahrhundert doch schon so weit fortgetreten ist. Aber die Älteren erinnern sich noch: Der kleine Bruder ist in den 70ern Kettcar gefahren – und war damit schon ganz schön nah dran am Lebensgefühl der Großen. Doch was nützt die Nostalgie. Sollte nicht bis heute ein Wunder in Gestalt einer funktionierenden Zwischenfinanzierung geschehen, wird die Produktion des Kettcar umgehend eingestellt, wie der Hersteller Kettler im sauerländischen Ense mitteilte. 750 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Die Heinz Kettler GmbH ist ein Kind des Wirtschaftswunders der frühen Bundesrepublik. 1949 wurde sie gegründet, Fahrräder gehörten zu ihren erfolgreichsten Produkten. Das „Kettler Alu-Rad 2600“ war 1977 das vielleicht erste in Großserien geschweißte Aluminiumfahrrad weltweit. Weitere Produkte der Firma sind Kinderfahrzeuge, darunter das Kettcar.

Vier Räder hat das Kettcar und einen Kettenantrieb, der mit Pedalen bedient wird, vergleichbar dem Fahrradantrieb. Vier Räder, die für einen sehr begrenzten Lebensabschnitt die Welt bedeuten konnten! Gebremst wird das Kettcar mit einem Hebel, der die Hinterräder blockiert. Doch schon damals galt unter den harten kleinen Jungs das vermeintliche Gesetz der Straße: Wer bremst, verliert.

Die Idee zum Kettcar, so heißt es, basierte auf der Beliebtheit der Seifenkisten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Kleine wie Große beflügelten, zu Lande und auch in der Luft. 1965 – kurz nach dem Launch des ersten Kettcars – hat der britische Regisseur Ken Annakin den Seifenkisten des Ersten Weltkriegs mit seinen „Tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten“ ein filmisches Denkmal gesetzt.

In den 70er Jahren waren es Kindersendungen wie die „Rappelkiste“, das „Feuerrote Spielmobil“ und „Timm Thaler“, die das Kettcar über die Mattscheibe ins kollektive Gedächtnis hievten. Und natürlich der eigene kleine Bruder (oder war man gar selbst der kleine Bruder gewesen?).

Jedes Jahr ein Rennen

Später hat die Mobilität der modernen Plastikgesellschaft immer noch jüngere Geschwister erfasst: qua Bobby-Car (ab 1972), Rody-Hüpfpferd oder rasantem Tretroller. Dennoch blieb das Kettcar im Gespräch; an den Kettcups, Wettrennen für Kinder von drei bis fünfzehn, nahmen laut Firmenangaben seit 2007 mehr als 100 000 Kinder teil.

Das Kettcar ist ähnlich stark zum Synonym für Tretautos geworden wie das „Tempo“ für Papiertaschentücher aller Beschaffenheit und Qualität. Schon 1974 wurde das Kettcar in den Duden aufgenommen.

Derart überfüttert ist der Markt mittlerweile mit Konkurrenzprodukten, dass die Eingabe des Begriffs im Internethandel höchstens noch den Original-Anhänger sowie die zugehörige Kupplung auf die vorderen Ränge spült. Kein Wunder, dass es längst nicht mehr heißt: Es läuft und läuft und läuft …  Fahr well, kleiner Bruder.

Alexander Brüggemann
© Südwest Presse 09.11.2018 07:46
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