Im Dorf, da gibt's Gebimmel

Seit Jahren streiten ein Ehepaar und eine Bäuerin im oberbayerischen Holzkirchen um das Geläut von Kuhglocken. Das Landgericht München rät zur Schlichtung – vergebens.
  • So nicht!, verlangt ein Hausbesitzer-Ehepaar von einer Bäuerin. Die Glocke solle weg. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Gebimmel, auch in der Nacht, Güllegestank, Insekten: Einem Ehepaar in Holzkirchen in Oberbayern stinkt es. Es hatte sich dort ein Haus in idyllischer Lage gekauft, aber mit den Kühen auf der benachbarten Weide kommt es nicht zurecht und klagt gegen die Bäuerin, der die Kühe gehören. Ein Versuch der Richterin Christiane Karrasch, den Streit vor dem Landgericht München II zu schlichten, scheiterte. Sie will im Januar ein Urteil fällen.

Seit drei Jahren währt der Zwist. Die Klage des Ehemanns ist in erster Instanz abgewiesen worden, er wartet auf die zweite Instanz vor dem Oberlandesgericht München. Gestern ging es um die Klage seiner Frau gegen die Bäuerin, die mit 35 bis 40 Milchkühen einen Familienbetrieb hat, und gegen die Gemeinde, die das einen Hektar große Weidegrundstück verpachtet hat.

Die Ehefrau hat genau Buch geführt: Vom 8. Juni bis 20. Juli weideten fünf Kühe mit vier Glocken, vom 21. September bis 22. Oktober acht Kühe mit sechs Glocken, die dem Paar schlaflose Nächte bescherten. Anfangs habe man die Landwirtin „ganz freundlich“, „ganz in Ruhe“ und „ganz höflich“ gebeten, „ob sie bitte die Glocken abnehmen“ könne, sagte die Frau. Die Bäuerin habe zu Ohropax geraten.

„Die ganze Zeit bimmelt es, Tag und Nacht“, sagt der Anwalt des Paars, Peter Hartherz von der Kanzlei Sauer Wolff Martin. Das Anwesen liege in einem Wohngebiet. Im Übrigen sei es Tierquälerei, Kühen eine laute Glocke umzuhängen. „Niemand braucht im Flachland Kuhglocken“, sagte Hartherz. „Haben Sie schon mal in Holland eine Kuhglocke gesehen?“

Die Richterin wandte sich an die Bäuerin: „Wofür haben Sie denn Kuhglocken?“ Die Bäuerin: „Für den Fall, dass sie (die Kühe) ausbrechen – dass man sie hört bei der Nacht.“

Das Ehepaar hat angeboten, auf seine Kosten GPS-Kuhglocken anzuschaffen. Die Bäuerin sagt, damit gebe es keine Erfahrung. In Deutschland sind die Geräte im Handel bisher nicht erhältlich, sagten Experten der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Zuletzt liefen Praxistests. Die Geräte wären zudem eine teure Lösung. Doch Kosten, das machte der Anwalt bei der Erwähnung weiter steigender Prozesskosten klar, seien zweitrangig.

Der Ehemann war mit seiner Klage vor dem Landgericht München II Ende 2017 vor allem deshalb gescheitert, weil er 2015 mit der Bäuerin einen Vergleich geschlossen hatte: Nur im entfernteren Teil der Wiese in gut 20 Meter Abstand sollten Kühe mit Glocke grasen und bimmeln dürfen.

Dem Ehepaar war es aber weiter zu laut. Ein Angebot der Bäuerin, nur einer oder zwei Kühen eine Glocke umzuhängen, je nachdem, welchen Bereich ihrer Weide sie nutzen könne, wurde zunächst nicht verfolgt. Ein Test, wie ihn Hartherz wollte, wäre derzeit nicht möglich; die Kühe sind schon im Stall. Die Idee, dass die Bäuerin Kuh spielen und mit Glocke über die Wiese laufen könnte, wurde verworfen.

Das Paar hat das in bester Lage liegende Haus 2011 gekauft und hergerichtet. Gerade weil sie als Einheimische Beeinträchtigungen durch die Landwirtschaft kannten, hätten sie sich zuvor versichert, wie es rund um das neue Heim aussehe. „Es gab vorher dort nie Weideviehhaltung“, sagte Hartherz, „und es gab nie Ackerbau. Es war immer eine einfache Wiese, wo man Heu macht.“

Zwar sei auch früher gedüngt worden, damit habe das Paar kein Problem, sagte Hartherz. Die Bäuerin aber habe „einen Teppich von Gülle“ ausgebracht. Es gehe um „die Abwehr dieses schändlichen Verhaltens“. So habe sich der Wert der Immobilie verringert – um 40 000 bis 50 000 Euro, der Streitwert liegt bei rund 70 000 Euro.

Dorffrieden in Gefahr

Für Bürgermeister Olaf von Löwis (CSU) hat der Fall grundsätzliche Bedeutung. „Es geht um die Definition der sachgerechten Landwirtschaft.“ Das Paar habe auf dem traumhaft gelegenen Anwesen einen unverbaubaren Blick in alle Himmelsrichtungen. „Dafür muss man halt in Kauf nehmen, dass daneben Landwirtschaft stattfindet.“ Für die Bäuerin gehe um den Broterwerb. „Insofern ist es für uns als Kommune schon wichtig, dass wir hier nicht Präzedenzfälle schaffen.“

Der dörfliche Frieden scheint in Gefahr. Er habe nicht den Eindruck, dass es dem Paar darum gehe, in die dörfliche Gemeinschaft integriert zu werden, sagt von Löwis. Versuche zu einem Mediationsgespräch seien nicht angenommen worden. Ebensowenig Karraschs Vorschlag, einen Termin vor dem Güterichter zu machen. Sabine Dobel
© Südwest Presse 10.11.2018 07:45
194 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.