Der Fluch des Alters

Im exzellenten neuen „Tatort“ aus Stuttgart tauchen die beiden Kommissare Lannert und Bootz in den harten Alltag eines mobilen Pflegedienstes ein.
  • Die Altenpflegerin Anne Werner (Katharina Marie Schubert) kommt für die Kommissare Bootz und Lannert als Täterin in Frage. Foto: SWR/Maor Waisburd Foto: SWR/Maor Waisburd
Die beiden Stuttgarter Kommissare sind auch nicht mehr die Jüngsten: Für Thorsten Lannert (Richy Müller) ist regelmäßiger Stuhlgang „ein wahrer Segen“, wie er seinem Kollegen Sebastian Bootz (Felix Klare) erklärt. Der wiederum deutet aufkommende Probleme im urologischen Bereich an. Von der Pflegebedürftigkeit sind die beiden Ermittler zwar weit entfernt, doch da sie es im Sonntagskrimi dieses Mal mit lauter alten und kranken Männern zu tun bekommen, liegt die Besinnung auf den eigenen Gesundheitszustand natürlich nahe.

Der abgebrühte Lannert und sein cooler Kollege Bootz müssen den Tod zweier Pflegepatienten aufklären, die zu Hause von der Altenpflegerin Anne Werner, einprägsam gespielt von Katharina Marie Schubert, betreut wurden. Hat die Angestellte eines mobilen Pflegedienstes beim Ableben der betagten Herren Fuchs und Hinderer nachgeholfen? Ist sie gar einer jener mörderischen „Todesengel“, von denen man manchmal liest?

Auf der Suche nach der Antwort erhalten die beiden Kommissare Einblick in den von permanentem Zeitdruck, schwierigen Patienten und nörgeligen Angehörigen bestimmten Alltag einer Altenhelferin, die es doch nur gut meint. Oder vielleicht doch nicht?

Regisseur Jens Wischnewski erzählt die tragische Geschichte, die sich der Drehbuchautor Wolfgang Stauch ausgedacht hat, nicht etwa chronologisch, sondern springt souverän zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Dank dieses Verfahrens hat der exzellente „Tatort“ aus Stuttgart keinerlei Längen, ermüdende Bestandsaufnahmen der Kommissare während öder Autofahrten oder an langweiligen Imbissbuden fallen praktisch unter den Tisch.

Wie eine wuchtige Tragödie

In raschen Schnitten folgen schnelle Dialoge und aussagekräftige Szenen aufeinander und entwerfen kaleidoskopartig das Gesamtbild einer wuchtigen Tragödie. Den Kernpunkt bilden dabei die ausführlichen Gespräche von Lannert und Bootz mit der Pflegerin Anne Werner, die trotz mehrfachen Nachfragens auf einen Anwalt verzichtet und anscheinend kein Wässerchen trüben kann.

Als sich aber herausstellt, dass die alleinerziehende Mutter in finanziellen Nöten steckt und bei den Pflegebedürftigen Geld weggekommen ist, werden die Kommissare hellhörig. Dazu kommt, dass vor allem der vom plötzlichen Herztod dahingeraffte Paul Fuchs ein ausgemachter Familientyrann war, wie seine Angehörigen bezeugen, und sich sowohl seiner Schwiegertochter als auch seiner Pflegerin unsittlich näherte. Um Einblicke in den harten Alltag einer Altenhelferin zu bekommen, begleiten Lannert und Bootz die Chefin des mobilen Pflegedienstes bei einer Tour und erleben dabei ihr blaues Wunder.

Obwohl der fast nur mit der Handkamera gedrehte „Tatort“ aus Stuttgart schnell und unkonventionell erzählt ist und damit modernen Sehgewohnheiten gerecht wird, verliert der Zuschauer zu keiner Zeit den Überblick. Auch gewinnt dieser Krimi dem Fluch des Alters und dem Sujet Pflegebedürftigkeit bei aller Düsternis auch seine humorvollen Momente ab und nimmt zudem die beiden Kommissare gern auf die Schippe. So werden Lannert und Bootz von einer Anwohnerin, die sie befragen wollen, für Zeugen Jehovas gehalten – eine Vermutung, die angesichts der in dieser Szene etwas unbeholfen und bedürftig wirkenden Ermittler durchaus naheliegt.

Info „Tatort – Anne und der Tod“, Sonntag. 20.15 Uhr, ARD.
© Südwest Presse 17.05.2019 07:46
112 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.