Streit um den Wächter des Allgäus

Ein einheimischer Investor plant am markanten Grünten eine Freizeit-Erlebniswelt. Umweltschützer wollen das Erholungsgebiet erhalten. Fridays-for-Future-Aktivisten sammeln Unterschriften gegen das Millionen-Projekt.
  • Einmal erklommen bietet der Grünten bei guter Sicht einen tollen Rundumblick über die Allgäuer Alpen bis weit ins Alpenvorland. Foto: © Wolfgang Berroth/Shutterstock.com
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Die Attraktion der neuen „Bergwelt“ am Nordhang des Grünten soll eine Weltneuheit sein: Rollglider. Man sitzt in einer Gurthose, hängt am Seil unter Metallschienen und kurvt am Waldrand entlang drei Kilometer den Hang hinab. Zwei Strecken, eine schnelle und eine langsame, sind geplant. Spitzentempo: 60 km/h. Eine 10er-Gondelbahn kann pro Stunde 1500 Besucher in zwei Abschnitten auf 1477 Meter Höhe bringen. Dort soll eine neue Grüntenhütte mit innen 120 Sitzplätzen und 450 auf einer Sonnenterrasse zum Essen und Trinken einladen, samt Kinderspielplatz und Tiergehege. Flächenbedarf: ein kleiner Fußballplatz (60 mal 100 Meter). Zudem soll ein Hauptwanderweg zur Hütte gebaut, die Parkfläche im Tal auf 650 Stellplätze erweitert werden.

Der Skibetrieb soll in diesem Winter am Grünten wieder starten – nach zwei Jahren Pause. Zunächst mit alten Liften, angetrieben von Dieselmotoren. Die Neubau-Pläne sehen neben der Kabinenbahn eine 6er-Sesselbahn, einen Schlepplift sowie einen Kinderlift samt Förderband vor – alle elektrisch betrieben. Hinzu kommen eine vier Kilometer lange Rodelbahn und der Ausbau der Beschneiungsanlage mit 65 Schneischächten (bisher 29) und zwei Wasserbecken (bisher ein Speicherteich). 30 Millionen Euro will die Allgäuer Unternehmerfamilie Hagenauer in das Projekt investieren, zu dem auch der Rückbau der sieben alten Lifte gehört.

„Dieses Großprojekt passt nicht in die Zeit des Klimawandels“, sagen Mara, Lucia und Phil. Die Studentin und die zwei Abiturienten aus Immenstadt gehören zur Fridays-for-Future-Bewegung. Sie haben eine online-Petition „Rettet den Grünten“ gestartet. Darin fordern sie Anton Klotz – Landrat des Kreises Oberallgäu und Befürworter – auf, „das Projekt in keiner Form zu genehmigen“. Es mache aus dem „Wächter des Allgäus“, wie der Berg auch heißt, einen Freizeitpark. Mehr als 61 000 Unterzeichner unterstützen bisher ihr Verlangen. Auch der Bund Naturschutz (BN), der Landesbund für Vogelschutz (LBV) und eine Bürgerinitiative wenden sich gegen das Ausbaukonzept.

„Wir wollen am Grünten ein familienfreundliches, abwechslungsreiches Natur- und Bergerlebnis schaffen“, entgegnet Sabine Hagenauer. Es richte sich an Einheimische und Übernachtungsgäste. Sie leitet als Geschäftsführerin die nahe gelegene „Alpsee Bergwelt“ mit Ganzjahres-Rodelbahn, Kletterwald, großem Kinderspielplatz und Restauration. Ursprünglich war ein Winterbetrieb am Grünten für sie nicht prioritär, die Grundstücksbesitzer hätten darauf gedrungen. Jetzt stünden sie als Investoren hinter den Plänen, betont die Frau aus Rettenberger, der Gemeinde am Fuß des Grünten-Nordhangs.

Keine Frage, in die Berglandschaft wird eingegriffen: Dicke Masten für Kabinenbahn und Sessellift, Schneischächte, Aufhängungen der Gliderbahn, neue Tal- und Bergstation. Die Kritiker warnen vor Abholzen des Schutzwaldes, vor Rückzug seltener Vogelarten wegen des Lärms. „Auf dem Gipfel gibt es noch einen kleinen Bestand des Birkhuhns. Im Tobelwald neben der Gliderbahn nisten Sperlingskäuze und Spechte, darunter der seltenere Weißrückenspecht“, zählt Brigitte Kraft auf, LBV-Bezirksleiterin.

Die Befürworter erwidern: Die schlagreifen Bäume würden ohnehin gefällt, der Bestand nachgepflanzt. Die Rollglider seien geräuscharm. Wanderer gingen nicht mehr kreuz und quer, sondern auf einem Weg. In Spitzenzeiten, den ersten zwei Augustwochen, kämen nicht mehr als 2000 Besucher am Tag.

Jenseits der Details geht es um die Entwicklung des Allgäus als Urlaubsregion. Lucia, Mara und Phil halten den Grünten-Nordhang nicht für schneesicher. Die Temperatur im Alpenraum sei doppelt so stark gestiegen wie im übrigen Deutschland. Klimaexperten gehen davon aus, dass in 10 bis 20 Jahren in Höhen unter 1500 Metern kein Skisport mehr möglich sein werde, auch nicht mit Schneekanonen. Der Autoverkehr stoße an seine Grenzen, gerade an sonnigen Wochenenden.

Thomas Frey, BN-Alpenreferent, meint: In der Region beantragen zahlreiche Seilbahnbetreiber den Ausbau ihrer Anlagen: am Nebelhorn, am Söllereck, in Thalkirchdorf. „Und jetzt noch der Grünten.“ Dabei gehe die Zahl der Skifahrer zurück, die Konkurrenz unter den Skigebieten wachse, das Beschneien der Pisten werde immer kostspieliger. Für den Sommer stelle sich die Frage, ob immer mehr Attraktionen vom Tal in die sensible Bergwelt verlagert werden müssten und ob eine Region noch mehr Touristen ver- und ertrage. Was Urlauber anziehe, sei eine intakte Natur- und Kulturlandschaft. Im Tourismusbericht der Gemeinde Rettenberg heißt es: „Als die Grüntenlifte noch in Betrieb waren, kamen primär Skifahrer. Im letzten Jahr kamen jedoch mehr Gäste zum Winterwandern, Rodeln, Langlaufen und Schneeschuhlaufen, die auch länger blieben.“

Sabine Hagenauer will sich mit allen Kritikern treffen. Sie hält Kompromisse für möglich. Das bräuchte Zeit; die aber wolle sie investieren.
© Südwest Presse 15.08.2019 07:45
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