Ruhe, oder ich donnere!

Umjubelte Premiere: Barrie Kosky verschärft Jacques Offenbachs Operette „Orphée aux enfers“ in Salzburg zur grellen Travestie-Show.
  • Barrie Koskys „Orphée aux enfers“ mit Kathryn Lewek (Eurydice) und Max Hopp (John Styx) Foto: © SF/Monika Rittershaus
  • Barrie Koskys „Orphée aux enfers“ bei den Salzburger Festspielen mit Kathryn Lewek als Eurydice, Tänzern und Chor. Foto: © SF/Monika Rittershaus
  • Barrie Koskys "Orphée aux enfers" bei den Salzburger Festspielen mit Kathryn Lewek als Eurydice und Marcel Beekman als Aristée / Pluton. Foto: © SF/Monika Rittershaus
  • „Orphée aux enfers“ in Salzburg mit Max Hopp (John Styx), Kathryn Lewek (Eurydice) und Joel Prieto (Orphée). Foto: © SF/Monika Rittershaus
Am Ende tobt der Saal. Nach drei Stunden extraschrillem Travestietheater, nach einem turbulenten Dauersperrfeuer aus Slapstick und Persiflage, nach einem aberwitzigen Höllentanz mit baumelnden Geschlechtsteilen und weiteren nicht ganz jugendfreien Regieideen – nach alldem ist klar: Die Festspielgemeinde in Salzburg hat's genossen. Und jubelt. Selbst als der Regisseur Barrie Kosky auf die Bühne kommt: Kein Buh, nirgends. Stattdessen rhythmisches Klatschen. Ja, Kosky hat geliefert, was man von ihm erwartet hatte – eine überdrehte Operette.

Eurydike singt in grotesk anzüglichen Körperstellungen unglaubliche Koloraturen und kreischt zwischendurch höchst kunstvoll. Orpheus, ein eitler Jung-Beau, zu dessen gefaketem Geigengefiedel der Konzertmeister der Wiener Philharmoniker im Orchestergraben die Real-Tonspur spielt, grinst dämlich und ist nicht nur seiner Gattin Eurydike, sondern einfach allen nur voll peinlich.

Jupiter ist notorischer Fremdgeher, und überhaupt, die Götter! Sie langweilen sich zu Tode, nur noch ein Betriebsausflug in die attraktiv verruchte Unterwelt verspricht Abwechslung im tristen Olymp-Alltag. Man schimpft sich gegenseitig „Nervensäge“, und John Styx, eine Art Guide, fragt „Was macht denn der Fußpilz von Göttin Diana?“

Jupiter muss sich gegen rebellierende Kollegen wehren: „Ruhe, oder ich donnere!“ Irgendwann wird es Pluto zu bunt: „Das steht so aber nicht in der Mythologie!“ bellt er empört. Eurydike flötet fröhlich zurück: „Richtig! Wir schreiben sie auch gerade um!“

Doch das ist nicht alles. Der heimliche Star des Abends ist ein Schauspieler: Max Hopp. Er mimt den ständig präsenten John Styx, der uns als abgehalfterter Ex-Prinz von Arkadien durch Offenbachs Society-Satire führt. Während die Sänger bei den Sprechdialogen nur die Lippen bewegen, leiht er ihnen seine Stimme: Hopp ist Synchronsprecher dieser Inszenierung, produziert Running Gags in Reihe.

Wenn Orpheus über die Bühne tippelt, macht er dazu slapstickhafte Tok-Tok-Geräusche. Und wenn Eurydike klagt, inszeniert er ein Drama mit bebender, pathostriefender, klamottiger Stummfilmstimme. Kurzum, Hopp erfindet zu den Dialogen die abseitigsten Quäk-, Pieps-, Orgel-, Nöl- und Überschnapp-Tonlagen – was viele TV-Gucker in Österreich auch von dem Synchronkomiker Maschek her kennen, der seine Kunst als „Drüberreden“ beschreibt. Gut, manche Witzchen leiern schnell aus, doch es geht in Ordnung, dass Hopp für sein Gag-Feuerwerk den größten Einzelbeifall erhält.

Ansonsten bietet Kosky viel Ausstattungsprunk fürs Auge und quirlige Choreographien in abgedrehten Transgender-Kostümen – es agiert Koskys Berliner Tanztruppe unter Otto Pichler. Alles glänzt und glitzert heftig, schließlich wurden rund 1,1 Millionen Kristalle eines Festival-Sponsors auf fast 70 Kostüme appliziert.

Das Problem nur: Das Nonstop-Bombardement mit grellsten Effekten nutzt sich rapide ab, und die Regie bietet als Kontrast nur wenige Szenen, in denen sie tiefer lotet. Doch Schwamm drüber. Kosky verschärft Offenbach, treibt dessen antischwülstige, einst kritisch brisante Mythosparodie eine Umdrehung weiter – in den prallen Irrsinn der Gegenwart.

Die Sänger? Kathryn Lewek stattet ihre Eurydike mit üppigen Extremhöhen aus – und mit viel Kampfgeist inmitten einer total überkandidelten Umgebung. Martin Winkler gibt seinem Schürzenjäger Jupiter einen temperamentvollen Bass, und die stimmlich wie immer exquisite Anne Sofie von Otter wertet ihre Rolle als „Öffentliche Meinung“ auf, indem sie als nörgelnde Pastorin in ihrer Muttersprache Schwedisch die moralische Spaßbremse gibt und in diesem obszönen Chaos mit dem Feuerlöscher dazwischengeht.

Die Wiener Philharmoniker unter Enrique Mazzola von der Komischen Oper Berlin, die hier als Koproduzent auftritt, legen sich hörbar ins Zeug – vom bittersüßen Holzbläser-Intro über den stark begleiteten Schnarchchor der Götter bis zum exzessiv auf die Bretter gewirbelten Can-Can, dem „Höllengalopp“. So lässt sich über die Wiener das sagen, was die Kölner Offenbach-Gesellschaft im aktuellen 200. Geburtsjahr des Komponisten ausgerufen hat: „Yes, we Can-Can!“
© Südwest Presse 16.08.2019 07:45
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