Die Götter sollen es richten

Die antiken Helden des Malerfürsten Markus Lüpertz haben das stark angeschlagene Münchner Haus der Kunst besetzt.
  • Alles wuchtig, alles bunt: Malerfürst Markus Lüpertz im Münchner Haus der Kunst. Foto: Gerda Meier-Grolman
  • Das Haus der Kunst. Foto: Maximilian Geuter
Natürlich kann Markus Lüpertz, dieser auch im hohen Alter von fast 80 Jahren noch immer ziemlich omnipotente Malerfürst von eigenen und anderen Gnaden, nicht das Münchner Haus der Kunst stützen und stabilisieren. Dieser bis in seine Grundfesten angefressene und marode dastehende Monumentalbau aus der Hitler-Zeit bleibt ein Problemfall.

Nein, das wird nicht zu packen sein, auch wenn nahezu sämtliche der meist der antiken Götterwelt entsprungenen, bunt bemalten und muskelbepackten Skulpturen des Großmeisters vor Kraft und Energie zu platzen scheinen. Auch die dazu gehörenden Lüpertz-Bildtafeln, die mit wuchtigen Pinselhieben auf die Leinwand geworfen wurden und die die dramatischen Göttergeschichten munter weiterspinnen, werden es nicht fertig bringen, die lange Leidensgeschichte dieser international immer wieder hoch gerühmten Münchner Kunstherberge zu überdecken.

Was ist da zuletzt nicht alles auf den Tisch gekommen, Scientology-Verbindungen in der Führungsetage, sexuelle Gewalt, ein finanzielles Desaster, das Versagen der Aufsichtsgremien der bayerischen Landesregierung . . . Man sucht jetzt einen neuen künstlerischen Leiter, und diese Person muss geradezu zaubern können, denn nicht nur die personelle, sondern auch die Generalsanierung des Gebäudes ist dringend geboten.

Wann und wie die allerdings vonstatten gehen soll, weiß so recht noch keiner. Natürlich soll das Haus der Kunst auf keinen Fall in die Insolvenz abrutschen. Also greifen die ins Auge gefassten Sparmaßnahmen schlussendlich speziell und zuvorderst nach den Arbeitsplätzen, und sie beschneiden in hohem Maße auch die Ausstellungsvorhaben. Und falls die Sanierung kommen wird, werden Kündigungsbriefe eingetütet, auch wenn eine Teilschließung des Hauses angedacht wird.

Bekanntlich kann so eine Generalüberholung Jahre dauern, denn der von Okwui Enwezor noch abgesegnete David-Chipperfield-Entwurf für die Auffrischung des Gebäudekomplexes soll vor allem aus Kostenerwägungen noch einmal diskutiert werden. Sicher wird dabei dann ein stark eingedampftes Renovierungskonzept herauskommen, was verständlicherweise keine der am Fortbestand des Hauses der Kunst interessierten Parteien zufriedenstellen wird.

Was die Kunstpräsentationen angeht, so hat das Haus der Kunst gerade einen guten Lauf. Der 2015 mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig ausgezeichnete nigerianische Künstler El Anatsui hat mit seinen aus Alltagsabfällen gefertigten riesigen schimmernden Wandteppichen das Münchner Publikum begeistert. Die Werkschau des Afrikaners war mit 118 000 Besuchern die erfolgreichste Ausstellung der vergangenen zehn Jahre im Haus der Kunst, das haben weder die Blockbuster mit Georg Baselitz 2014 oder Jörg Immendorff 2018 geschafft, auch Ai Weiwei 2009 und Andreas Gursky 2007 mussten El Anatsui den Vortritt lassen.

Keine Frage, dass die Interimsregenten im Haus der Kunst jetzt darauf spekulieren, dass der Kunstgigant Markus Lüpertz einen weiteren Blockbuster landen kann, damit sie etwas mehr aus der Bredouille kommen und dass ihrer angeschlagenen Kunststation ein weiteres Glanzlicht aufgesetzt wird. Sorgen muss man sich da nicht machen, dass die neue Schau floppt, denn im Werk des Malerfürsten finden sich äußerst wenige Schwachstellen, von den ungeliebten Stahlhelm- und Ährenbildern einmal abgesehen. Aber in München werden diese ziemlich missratenen Lüpertz-Kinder nicht nach vorne an die Rampe gebracht, sie werden gottlob in die hinteren Nebenräume abgeschoben.

Das Publikum wird diesem Markus Lüpertz eh aus der Hand fressen, denn wo findet sich heutzutage noch ein Kreativer, der schon vom Auftreten her alle Klischees erfüllt, die sich in unseren Köpfen in Sachen Künstlergehabe eingenistet haben? Außerdem sitzt diesem Mann immer der Schalk im Nacken, eine seiner monumentalen Bronzen in München hat er nicht von ungefähr mit „Standbein – Spielbein“ betitelt.

Er will auch nicht wie sein Kollege Georg Baselitz in düsteren Farben versinken, seine Skulpturen-Galerie – ob nun die Musikgenies Mozart oder Beethoven oder die antiken Helden Achilles, Herkules oder Ulysses –, sie alle bekommen die buntesten Outfits verpasst, was der Fangemeinde mitunter gar nicht gefällt. Wenn Lüpertz dann auf der Leinwand in die Vollen geht, bleibt auch kein Auge trocken, denn hier wandeln Orpheus und Eurydike in einem sehr heiteren und sonnenhell erleuchteten Arkadien, das jede aufkommende depressive Stimmung umgehend in den tiefsten Orkus versenkt.
© Südwest Presse 14.09.2019 07:45
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