Eiszeit im Londoner „Moskau“

Das Verhältnis zwischen Russen und Briten ist wieder auf dem Niveau des Kalten Krieges. Entsprechend genau schaut die Regierung an der Themse nun den zugewanderten Oligarchen auf die Finger.
  • Reiche Russen haben sich in London eingekauft, selbst einen eigenen Straßennamen haben sie sich schon erobert. Foto: Mick Sinclair/mauritius images Foto: Bildunterschrift Mick Sinclair/mauritius images
Der Schneematsch in Salisbury am Tage des Anschlags auf den russischen Doppelagenten und seine Tochter war längst getaut, als Theresa May Russland den kalten Krieg erklärte. „Dies war nicht nur ein Verbrechen gegen die Skripals. Es war ein wahlloser und rücksichtsloser Akt gegen das Vereinigte Königreich, die das Leben unschuldiger Zivilisten aufs Spiel setzt. Und wir werden solch einen unverschämten Mordanschlag auf unserem Boden nicht tolerieren“, warnte die britische Premierministerin den Kreml.

Der russische Botschafter in London, Alexander Yakovenko, reagierte mit der Einschätzung seines Außenministeriums über „eine Kampagne, die darauf abzielt, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu stören, was weitgehende Konsequenzen haben kann.“ Nach der gegenseitigen Ausweisung von Diplomaten überlegte die britische Regierung, wie man Wladimir Putin als mutmaßlichen Drahtzieher des Anschlags wirklich treffen könne. Der Vorsitzende des außenpolitischen Parlamentsausschusses Tom Tugendhat verlangt Sanktionen gegen die schwerreichen Russen, die London den Spitznamen „Moskau an der Themse“ einbrachten. „Wir müssen den Leuten, die Putin unterstützen, klarmachen, dass dies keine gute Idee ist“, sagte Tugendhat. „Die Oligarchen, die so reich wurden, weil sie seit mehr als 20 Jahren das russische Volk bestehlen, sollten nicht mehr in der Lage sein, ihr Vermögen in London auszugeben. Wir sehen, wie russisches Geld unsere Institutionen korrumpiert, und so müssen wir vorsichtig sein, dass wir nicht zum Opfer werden. Das bedeutet, dass wir uns nicht nur gegen Aggression wie jetzt den Mordanschlag schützen, sondern auch gegen das schmutzige russische Geld.“

Solche Skrupel hatten „Londongrad“ bislang nicht geplagt. Selbst die Krim-Krise bescherte den zahlreichen Immobilienhändlern in der britischen Metropole einen neuen Boom. Russische und ukrainische Multimillionäre legten seither ihr Kapital noch stärker an der Themse an. Doch nun müssen die stinkreichen Oligarchen aus dem Osten befürchten, dass es ihnen wegen der Sanktionen finanziell ans Leder geht. Neue Gesetze verlangen von ihnen Aufschluss darüber, ob der Reichtum auch legitim erworben wurde. Der Branchendienst „Thomson Reuters“ kalkuliert, dass aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den vergangenen zwei Jahrzehnten 82,6 Milliarden Dollar durch die Londoner City flossen und die Einkünfte der dortigen Finanzhäuser kräftig aufbesserten.

Nicht nur Sanktionen im Kapitaltransfer würden „Londongrad“ treffen, sondern auch Handelsbeschränkungen. Der britische Ölkonzern BP bezieht allein täglich fast eine Million Barrel aus russischen Ölquellen.

Der Reichtum und der Einfluss der russischen und ukrainischen Milliardäre ist in London legendär geworden. Sie dominieren die fünf Spitzenplätze in der „Liste der reichsten Briten“. Roman Abramowitch ist Besitzer des Premier League Clubs Chelsea und der noch reichere Alischer Usmanow hat große Anteile des Lokalrivalen Arsenal. Das Londoner Leib- und Magenblatt „Evening Standard“ gehört dem Ex- KGB-Offizier Alexander Lebedew und der Multimilliardär schluckte noch dazu den liberalen „Independent“. Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine, machte Schlagzeilen, als er im Jahr 2011 den bislang höchsten Preis für eine Londoner Immobilie zahlte. Für das dreistöckige Haus blätterte er rund 163 Millionen Euro hin, was einem Quadratmeterpreis von von 75 000 Euro entspricht.

Die Exilanten aus der ehemaligen Sowjetunion schätzen im Königreich nicht nur die politische Stabilität, das kulturelle Angebot, die Einkaufsmöglichkeiten für Luxusgüter und die Privatschulen für ihre Sprösslinge, sondern freuen sich auch über die Steuer- und Investitionsanreize. Sie zahlen lediglich eine Summe von 30 000 britischen Pfund im Jahr für ihre Registrierung als „Nicht-domiziliert“ und werden für das Vermögen, das sich in ihren Heimatländern befindet, nicht zur Einkommens- und Kapitalertragsteuer veranlagt. Ihre Anwesenheit in Großbritannien erfreut auch die Londoner Spitzenanwälte, die hier für ihre Mandanten teure Prozesse im Rechtsstreit mit Konkurrenten führen. Da der ungeheure Reichtum der Oligarchien oft aus Geschäften mit der Konkursmasse der Sowjetunion stammt, haben die Briten für sie den Ausdruck „Kleptokraten“ geprägt.

Zum Inbegriff dieser „Räuberbarone“, die nach dem Ende der Sowjetunion ungeheuren Reichtum und politischen Einfluss erlangten, wurde Boris Beresowskij. Der milliardenschwere Ziehvater und spätere Erzfeind des russischen Präsidenten Wladimir Putin wurde 2013 tot im Badezimmer seines feudalen Landsitzes in Ascot aufgefunden. Entgegen vieler Gerüchte soll es sich um Selbstmord gehandelt haben. Beresowskij wurde zu einer der Schlüsselfiguren bei der Ermordung seines Mitarbeiters Alexander Litwinenko. Der ehemalige russischen Geheimdienstler und Putin-Feind wurde 2007 durch die radioaktive Substanz Polonium 210 vergiftet. Seine Witwe fordert nun nach der Sklripal-Affäre, dass auch Theresa May die üppigen Wahlspenden russischer Oligarchien zurückzahlt, die in den vergangenen Jahren fast eine Million Pfund betrugen.

Auf der anderen Seite zählt der Multimilliardär Sir Len Blavatnik zu den großzügigsten Förderern der britischen Kultur und Wissenschaft und wurde dafür auch von der Queen zum Ritter geschlagen. Die Briten schätzen ihn so sehr wie die Schauspielerin Helen Mirren, das Allroundgenie Peter Alexander Ustinov und die Sängerin Amy Winehouse. Sie haben wie die Politiker Nick Clegg und Boris Johnson russische Wurzeln und prägen das Image der 140 000 in England lebenden Russen weitaus mehr als die Handvoll Plutokraten und die bizarren Mordanschläge.

Erzpriester Michael Gogoleff, der die russisch-orthodoxe Gemeinde in Westengland betreut, kann keinen einzigen Fall nennen, in dem seine Mitglieder nach der Skripal-Affäre wegen ihrer Herkunft angefeindet wurden. „Uns sorgt eigentlich mehr der Brexit als der „kalte Krieg“, der dauernd von den britischen Medien gefrostet wird“, sagt der Geistliche – und lächelt.
© Südwest Presse 10.11.2018 07:45
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