Radioaktivität

Ausflug in die Apokalypse

Der Unglücksort ist heute eine Touristenattraktion. Die überlebenden AKW-Techniker und Anwohner aber kämpfen immer noch mit den Folgen der Katastrophe von 1986. Eine Fahrt zurück in die Vergangenheit.
  • Messtechniker Iwkin kämpfte nachts um die Rettung des Reaktors. Foto: Stefan Scholl
  • Atomphysiker Gerasko arbeitete 22 Jahre an Schutzhülle und Reaktor. Foto: Stefan Scholl
  • Ein verrostetes Riesenrad in Prypjat, wo die Arbeiter des AKW Tschernobyl und ihre Familien lebten. In die verseuchte Stadt durfte niemand zurückkehren. Foto: Sean Gallup/Getty Images
  • Heute werden Touristen zur neuen Schutzhülle des Reaktors geführt. Foto: Sergei Supinsky/ afp
Am Eingang zur Kantine des Atomkraftwerks Tschernobyl sitzt ein junger Hund. Über ihm hängt ein Schild: „Wir bitten dringend, Hunde nicht zu füttern. Nehmen Sie Rücksicht auf die Pflege der Grünanlagen.“ Die Arbeiter, die auf der Bank gegenüber sitzen, ignorieren die Hundehaufen. Sie streicheln und füttern die Streuner.

Niemand weiß, wie viele Hunde nach dem Reaktorunfall vom 26. April 1986 umgekommen sind. Es gibt auch keine endgültige Statistik, wie viele Menschenleben die Atomkatastrophe gekostet hat. „Offiziell sind es noch immer die 31 Leute, deren Fotos hier hängen“, sagt eine junge Mitarbeiterin des Tschernobyl-Museums in dem 45 Kilometer entfernten Städtchen Slawutitsch. Dort lebt jetzt ein Großteil der Atomschtschiki, der AKW-Techniker von Tschernobyl, dessen letzter Reaktor Ende 2000 abgeschaltet worden ist. Im Museum hängt eine Schrifttafel: Allein in der Ukraine habe die Gesundheit von 2,1 Millionen Menschen, darunter 450 000 Kindern, gelitten. Westliche und russische Wissenschaftler streiten über 4000, 60 000 oder 1,44 Millionen Krebstote.

Die Leute von Tschernobyl aber reden viel über Hunde. Alexei Moskalenko war Milizleutnant in der Stadt Prypjat, wo die Atomschtschiki von Tschernobyl und ihre Familien wohnten. Er sagt, von den zehn Polizeihunden in Prypjat habe nur einer überlebt, eine Königsdogge, deren kurzes Fell man reinwaschen konnte.

Als die 49 000 Einwohner zwei Tage nach der Explosion im vierten Reaktor von Tschernobyl die Stadt verlassen mussten, ließen sie ihre Haustiere mit Wasser und Futter zurück, man hatte ihnen erklärt, sie könnten nach drei Tagen heimkehren. Aber das verstrahlte Prypjat wurde zur verbotenen Stadt, Moskalenko und andere Milizionäre bewachten sie. „In Hauseingängen lagen sterbende Hunde und sahen uns an.“

Unser vollbesetzter Reisebus saust über eine leere Asphaltgerade. Links und rechts drängen zwischen alten Kiefern junge Birken, Erlen und Pappeln dem Licht entgegen. Die Wälder um Tschernobyl gedeihen, aber Giuseppe, dem italienischen Englischlehrer auf dem Fensterplatz, ist das alles nicht ganz geheuer. In Kiew habe man ihm erzählt, er solle Wodka trinken oder trockenen Rotwein, das helfe gegen die Strahlung.

Inzwischen bietet ein Dutzend ukrainischer Reisebüros Fahrten in die 2600 Quadratkilometer große Sperrzone an. Bis zu 2000 Touristen täglich wollen an der Radioaktivität schnuppern, die Apokalypse ist zur Attraktion geworden. Und die US-britische TV-Serie „Chernobyl“ bricht alle Zuschauerrekorde.

Ein Urwald mit Wölfen und Wildpferden

„Es lief alles wie üblich, nur in der Schaltzentrale hatte sich viel Volk versammelt“, erzählt Viktor Iwkin. Er arbeitete in der Unglücksnacht als Messtechniker im vierten Reaktorblock. In dieser Nacht war ein Experiment geplant. Und als Iwkin von einem Gang aus dem Turbinensaal durch die Schaltzentrale zurückkehrte, bemerkte er, dass es Probleme gab. Die Aktivität des Reaktors sank tiefer, als bei dem Test vorgesehen war. „Aber dann haben sie den Reaktor wieder stabilisiert, ich bin gegangen.“

Er erlebte nicht mehr, wie sich das langsame Hochfahren überraschend beschleunigte, wie der zuständige Ingenieur auf den Notabschaltknopf drückte. Die Konstruktion der Reaktoren besaß einen fatalen Mangel: Das Einfahren der Steuerstäbe wirkte zunächst umgekehrt, Aktivität und Temperatur im Reaktor schossen in die Höhe, zwei Wärmeexplosionen zerrissen den Reaktor. Tonnen radioaktiver Teilchen flogen in die Luft. „Ein dumpfes Dröhnen, das alles erschütterte, dann noch eines“, erinnert sich Iwkin. Draußen bemerkte kaum jemand etwas. „Es knallte zwei Mal, als hätte jemand in der Nachbarschaft die Tür zugeschlagen“, sagt Milizionär Moskalenko. „Es regnete Asche, die nach verkohltem Kabel roch“, Moskalenkos Gesicht glühte, aber im Spiegel sah er später ein leichenblasses Gesicht. Strahlenverbrennungen.

Der Urwald von Tschernobyl hat das frühere Kolchosdorf Salissja verschluckt, hier ist es sehr grün und sehr still. Nur der Wind lässt die Blätter rascheln. In der Zone sind wieder Wölfe aufgetaucht und Braunbären. Wisente und Przewalski-Wildpferde wurden erfolgreich ausgewildert, auch andere seltene Arten vermehren sich. Die Radioaktivität schadet den Tieren offenbar weniger als die Zivilisation.

Iwkin erzählt, ein Beta-Strahlenmesser an der Wand sei regelrecht geplatzt. Die Männer zogen sich zu ihren Kollegen in den benachbarten dritten Reaktorblock zurück, drangen aber immer wieder in den Turbinensaal des Unglücksreaktors vor, kämpften in der Nachtschicht um die Rettung des schon zerstörten Reaktors. Gegen fünf Uhr morgens kam das Kommando, die Hälfte der Messtechniker abzuziehen. „Mein Partner Igor Fedin sagte sofort: ,Vitja, du hast heute genug geschluckt. Und ich habe ja schon zwei Kinder.‘“ Den Rest der Nacht verbrachte Iwkin im Luftschutzkeller des AKW, sah, wie Kollegen sich erbrachen, ihn packten die Brechanfälle Stunden später, als er frühstücken wollte. Fedin starb vor sechs Jahren.

Selbst die 16-stöckigen Plattenbauten der Stadt Prypjat wirken wie löchrige Felsen im Urwald, drinnen riecht es modrig. Im Einkaufszentrum am Leninplatz hängen noch blau-weiße sowjetische Schilder: „Fleisch und Fette“, „Käse und Quark“. Aber darunter schimmeln Sofas im Schutt, es herrscht Unordnung wie nach einem verlorenen Krieg.

Am Abend nach dem Unfall stiegen Iwkin und alle Kollegen der Nachtschicht in Prypjat wieder in den Bus nach Tschernobyl. Die Atomschtschiki kehrten an ihren jetzt mörderischen Arbeitsplatz zurück, dort kämpften Feuerwehrleute, Soldaten und Fachleute gegen den GAU. Hunderttausende folgten, eine Massenheldentat ohne viel Pathos.

„Wir haben getan, was unsere Pflicht war“, sagen Iwkin und Moskalenko. „Niemand hat gefragt, welche Strahlung er riskiert“, erklärt der Atomphysiker Viktor Gerasko. Er arbeitete nach dem Unfall 22 Jahre am Reaktor und seiner „Sarkophag“ genannten Schutzhülle. Er und andere Experten hätten vor strahlenträchtigen Aufgaben manchmal ihr Dosimeter liegen gelassen, um nicht wegen zu hoher persönlicher Dosen aus dem Verkehr gezogen zu werden.

Das stillgelegte Atomkraftwerk sieht ein bisschen wie Ruhrgebiet aus. Postmodern. Über einer verrotteten Industrielandschaft mit rostigen Rohrleitungen thront die neue Schutzhülle des Reaktors und glänzt silbern wie ein futuristisches Fußballstadion. Ein zwei Milliarden Euro-Gewölbe, Gerasko nennt es die „teuerste Scheune der Welt“. Es fehle funktionierende Technik, um das Konzept des Projekts zu verwirklichen, den alten Stahlbetonsarkophag darunter auseinanderzunehmen und den verbliebenen atomaren Brennstoff zu entsorgen.

Der Messtechniker Iwkin und der Milizionär Moskalenko wurden wegen ihrer Strahlenschäden monatelang in einer Kiewer Strahlenheilklinik behandelt – mit Blutransfusionen, Ascorbin, Nikotinsäurespritzen und Importmedikamenten. „Es gab damals kaum Erfahrungen. Deshalb haben die Ärzte experimentiert“, sagt Iwkin. Nicht ohne Erfolg. Beide kehrten in die Zone zurück, Moskalenko patrouillierte in Prypjat, Iwkin arbeitete im dritten Reaktorblock, bis auch der 2000 abgeschaltet wurde. Die Tschernobyler sind jetzt um die 60, alle in Rente. Trotzdem arbeiten die meisten weiter. Iwkin leitet einen Montagebetrieb: „Ich muss ja schließlich meine Enkel großziehen“, sagt er lachend.

Einer der 800 000 „Liquidatoren“, die in der Sperrzone ihr Leben riskierten, um der Radioaktivität Herr zu werden, erzählt, vor einigen Jahren habe man ihm einen Zahn gezogen und gemessen: 800 Röntgen. „Aber schreiben Sie das nicht, das glaubt sowieso niemand, mit der Dosis überlebt keiner.“ Der Tod drückt auch in Tschernobyl manchmal ein Auge zu.
© Südwest Presse 15.08.2019 07:45
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