Geht uns das Wasser aus?

Forscher warnen vor verheerenden Dürrefolgen. Auch in Deutschland wird Knappheit zunehmend zum Problem.
  • BEACHTEN: NPG-LIZENZ 20791243 Weltkugel, Tropfen, hellblauer Hintergrund Drop of water Download am 14.08.2019 für POLI Foto: © Mopic/Shutterstock.com Foto: © Mopic/Shutterstock.com
Was es bedeutet, wenn das Wasser ausgeht, konnten die Bürger von Chennai in diesen Wochen erleben. Zwei Monate lang litt die indische Metropole unter Wasserknappheit. Täglich verkehrende Versorgungszüge mit 2,5 Millionen Litern Wasser mussten die Stadt im Südosten des Landes versorgen. Weil es nur wenig regnete, waren die Vorräte der 4,5-Millionen-Einwohner-Metropole nahezu erschöpft. Das Wasserwerk verteilte täglich Trinkwasser, stundenlang mussten die Menschen Schlangestehen. Schulen blieben geschlossen, Hotels rationierten das Wasser für ihre Gäste.

Wovon sich die Bürger Chennais langsam wieder erholen, könnte weltweit vielerorts bald zum Normalzustand werden. Fast ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Ländern mit einem extremen Trockenheitsrisiko. In 17 Staaten sei die Wasserknappheit bereits fast auf dem Niveau der „Stunde Null“ angelangt – dem Zeitpunkt, zu dem die gesamten Wasservorräte erschöpft sind und fließendes Wasser nicht mehr verfügbar sein wird. Das geht aus einem Wasserverfügbarkeitsbericht hervor, den das US-Forschungszentrum World Resources Institute (WRI) jüngst vorstellte.

„Wasserknappheit ist die größte Krise, über die niemand spricht“, sagte WRI-Chef Andrew Steer. Wird diese Herausforderung nicht angegangen, könnten Ernährungskrisen, Konflikte, wirtschaftliche Instabilität und Fluchtbewegungen die Folge sein. Am schwersten betroffen sind dabei vor allem die heißen und trockenen Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika, etwa Libyen, Israel, der Libanon und Saudi-Arabien. Landwirtschaft, Industrie und Kommunen verbrauchen dort „80 Prozent des verfügbaren Oberflächen- und Grundwassers“, teilten die WRI-Forscher mit. Bereits kleine Dürren könnten in so einer Situation schwerwiegende Wasserkrisen wie in Chennai oder 2018 in der südafrikanischen Metropole Kapstadt auslösen. Selbst Rom musste 2017 Wasser rationieren.

Der Hauptgrund für die neue Wasserknappheit ist vor allem der rasant zunehmende Verbrauch. Die WRI-Zahlen zeigen, dass die Entnahmen von Trinkwasser sich seit den 1960er Jahren weltweit mehr als verdoppelt haben. Und es gibt kein Anzeichen, dass sich dieser Trend verlangsamen würde: Steigende Bevölkerungszahlen, Wirtschaftswachstum sowie der Trend zur Urbanisierung erhöhen den Wasserbedarf stetig. Weil vor allem in der Landwirtschaft mehr bewässert werden muss, kurbelt der Klimawandel den Verbrauch dabei noch zusätzlich an. Gleichzeitig fällt im Zuge der Erderwärmung Regen unregelmäßiger und verdunstet Wasser aus Reservoirs schneller. Bis 2030 wird die Anzahl der Städte, die am stärksten betroffen sind, laut WRI auf voraussichtlich 45 steigen. 470 Millionen Menschen wären betroffen.

Dabei ist es kein Ding der Unmöglichkeit, die Wasserknappheit zu besiegen. „Etwa 82 Prozent der Abwässer im Mittleren Osten und Nordafrika werden nicht wiederverwendet“, monieren die WRI-Experten. Würde Wasser stärker als Ressource begriffen und verstärkt wiederaufbereitet, könnte dies bereits einige Probleme lösen. Zudem fordern die Forscher mehr Effizienz in der Landwirtschaft. Felder etwa sollten nicht mehr, wie in einigen Ländern überflutet, sondern präzise bewässert werden.

Deutschland steht auf der WRI-Rangliste auf Platz 62, in der Gruppe der Länder mit einem mittleren bis hohen Trockenheitsrisiko.

Dass Wasser eine endliche Ressource ist, haben in diesem Sommer auch dennoch auch einige Regionen hierzulande zu spüren bekommen. Etwa in Nordrhein-Westfalen oder in Brandenburg, wo zeitweise kaum noch etwas aus der Leitung kam, weil zu viele Menschen gleichzeitig Wasser zapften – vor allem für ihre Gärten. Die Stadt Löhne etwa rief ihre Bürger dazu auf, auf das Sprengen ihrer Rasen und das Befüllen von Pools mit Trinkwasser zu verzichten. Feuerwehrwagen verbreiteten den Appell über Lautsprecherdurchsagen.

Wer trotzdem beim Sprengen oder Autowaschen erwischt wurde, dem drohten empfindliche Bußgelder. Damit ist Deutschland nicht mehr weit entfernt von Kalifornien: In einigen Bezirken dort durften Anwohner ihren Garten nur zwei mal pro Woche für 15 Minuten wässern. Der Effekt: Vielerorts verschwinden dort Rasenflächen.

Fachleute sind sich sicher: Erstmals seit Jahrzehnten könnte die Versorgung mit Wasser in Deutschland wieder dauerhaft zum Problem werden. Zwar sieht niemand die Trinkwasserversorgung als gefährdet an. Aber: „Häufigere trockene Sommer bedeuten auch, dass sich voraussichtlich mehr Nutzer um die Ressource Wasser streiten werden“, sagt Jörg Rechenberg, Wasserexperte beim Umweltbundesamt (UBA). Je weniger es regnet, desto mehr wird auch die Landwirtschaft auf die wertvolle Ressource Wasser zugreifen müssen.

Bisher habe die so genannte Bewässerungslandwirtschaft in Deutschland mit einem Anteil von 2,7 Prozent an der landwirtschaftlich genutzten Fläche eine nur geringe Bedeutung, sagt Rechenberg. „Die Beregnungsbedürftigkeit wird deutschlandweit tendenziell zunehmen, allerdings ist dies regional sehr unterschiedlich.“

Auch die kommunalen Wasserversorger warnen deswegen bereits vor wachsender Konkurrenz zu Landwirtschaft und Industrie. Sie fordern, dem Trinkwasser den Vorrang zu geben. Der Bauernverband jedoch sieht sich schon jetzt als Sündenbock und betont, dass Wasserverbrauch ein gemeinsames Thema von Versorgern, Verbrauchern, Industrie und Landwirtschaft ist.

Wenn es auch weiterhin nicht genug Regen gibt, sind Konflikte also programmiert. Für Rechenberg ist klar: „Dann müssen wir über eine gerechte Verteilung, also eine Priorisierung nachdenken. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe.“
© Südwest Presse 15.08.2019 07:45
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