Leitartikel Thomas Gotthardt zur Debatten-Kultur im Fußball-Biotop

Politisierung der Kurve

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Die Fußball-Bundesliga startet in die neue Saison. Das alljährliche kollektive Gejammer über die superreichen Engländer, die sich wegen eines extrem lukrativen Fernsehvertrages fast alles leisten können, ist in diesen Wochen nicht ganz so laut. Die Vorfreude auf die neue Spielzeit scheint verhaltener. Der entscheidende Grund für ein gewisses Desinteresse ist wohl: Im Umfeld dieses Spiels sind zuletzt Dinge passiert, die dieser ohnehin nur vorgegaukelten heilen und scheinbar eher unpolitischen Welt des Fußballs tiefe Beulen und Risse zugefügt haben. Und das ein Jahr nach dem rein sportlichen Totalschaden bei der WM in Russland.

Da schwadroniert der schwerreiche Unternehmer und Aufsichtsratsvorsitzende des Bundesligisten Schalke 04, Clemens Tönnies, in einem rassistischen Anfall von Afrikanern und deren Kinderproduktion. Nach einem geschmacklosen Auftritt von Dortmunds Stadionsprecher Norbert Dickel und Ex-Nationalspieler Patrick Owomoyela, die Gegner als „Itaker“ beleidigten und am Ende sogar Adolf Hitler parodierten, muss Borussia Dortmund intervenieren und das Fehlverhalten sanktionieren. Drittligist Chemnitzer FC entlässt den Kapitän und Leistungsträger Daniel Frahn, der sich in der rechtsextremistischen Szene und Kurve heimisch fühlt und das auch nicht mehr verheimlicht. Und Fans von Energie Cottbus zeigen ganz ungeniert den Hitlergruß. Das alles passierte in aller Öffentlichkeit.

Natürlich: Im Fußball, ob in Deutschland oder Europa, hat es schon immer rassistische Vorfälle gegeben. Häufig hatte das ein antirassistisches Aktionsbündnis zur Folge, in dem Sportverbände und Parteien schnell klare Kante zeigten und Programme zur Lösung anboten. Vieles zeigte auch durchaus Wirkung, war aber letztendlich nicht nachhaltig. Auch deshalb, weil es an grundlegener Empörung in der Öffentlichkeit mangelte. Immer waren es nur einige besoffene Spinner, die sich daneben benahmen. Und: Es war ja Fußball.

In diesen Tagen hat sich in dieser Hinsicht eine Wende vollzogen. Aus manchmal vielleicht versteckter Empörung ist nun offener Protest geworden. Und es macht den Eindruck, als gehe diese Entrüstung tiefer, als sei mehr aus der Balance geraten als nur eine Kleinigkeit bei des Deutschen schönster Nebensache.

Die Ausrede, beim Fußball ginge es „nur“ um ein abgeschottetes soziales System, in dem sich jeder daneben benehmen kann, egal, wie antidemokratisch die Ausfälle sind, zieht nicht mehr. Die Anhänger von Schalke 04 zeigen Tönnies anlässlich eines Freundschaftsspiels die „Rote Karte“. Selbst hartgesottene Knappen-Fans drängen Tönnies zum Rücktritt. Gerade der Klub aus Gelsenkirchen, aber nicht nur dieser, will keinen Rassismus haben in den eigenen Reihen.

Es werden Konsequenzen gefordert für ein solches Fehlverhalten. Es wird nichts mehr entschuldigt, weil es auf der Spielwiese Fußball stattgefunden hat. Fans diskutieren darüber, wie auch über Maßnahmen gegen den Klimawandel; sie stehen auf und machen damit deutlich, dass sie Verantwortung spüren. Danke, Herr Tönnies!

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 16.08.2019 07:45
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