„Mach das nochmal“

Winfried Kretschmann hat lange mit sich gerungen. Nun will er 2021 für eine dritte Amtszeit als Ministerpräsident antreten – auch, um den anstehenden Umbau der Automobilwirtschaft zu begleiten.
  • Nachdenklich aber entschlossen: Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen). Foto: Sebastian Gollnow/dpa
  • Abschneiden der Grünen bei den Landtagswahlen.
Maß und Mitte verkörpert niemand so gut wie Du, Winfried“, sagt Grünen-Landeschefin Sandra Detzer, 39. „Sie sehen eine Partei in bester Laune“, sagt der Ko-Vorsitzende Oliver Hildenbrand, 31. Zwischen den beiden sitzt der Mann, der die Regierungspartei soeben in Feierstimmung gebracht hat und sich nun Elogen auf seine Person und seinen Entschluss anhören darf: Winfried Kretschmann, 71, seit 2011 Ministerpräsident, und – das weiß man nun mit Bestimmtheit – bestrebt, sein Amt auch 2021 für weitere fünf Jahre zu verteidigen.

Donnerstag, 11 Uhr, Medienzentrum des Landtags. Vor einem Pulk von Kameras verkündet Kretschmann die Entscheidung über seine Zukunft, mit der er Parteifreunde wie politische Mitbewerber in Atem gehalten hatte, aus der am Ende aber ein wenig die Luft raus war. Er werde 2021 erneut seinen „Hut in den Ring“ werfen, sagt Kretschmann mit einem demonstrativen Lächeln. Die erste Frage nach seiner Zukunft habe ihm eine Journalistin schon vier Wochen nach der Wiederwahl 2016 gestellt. Nachdem die CDU – Koalitionspartner der Grünen, 2021 aber auch ihr härtester Herausforderer – vor der Sommerpause mit Susanne Eisenmann, 54, ihre Spitzenkandidatin bestimmt habe, habe sich die Fragestellung verdichtet. „Da schien es mir angesagt, das zu klären und das habe ich jetzt gemacht.“

Tatsächlich hatte er Monate lang öffentlich über Vor- und Nachteile einer Kandidatur sinniert. Dabei ist die Ausgangslage auf den ersten Blick idealtypisch: Kretschmann ist laut Umfragen der beliebteste Ministerpräsident der Republik, sein Landesverband behauptet sich in allen Erhebungen seit der Landtagswahl 2016 vor der CDU, dazu der bundesweite Höhenflug.

Dass er dennoch zögerte, wägte, sich beriet, begründet Kretschmann auch nicht mit den Wahlaussichten, sondern mit Persönlichem. „Ich habe aus meiner Partei nur den Wunsch gehört, dass ich weitermachen soll.“ Bei Freunden und bei der Familie sei's „gemischt“ gewesen. Seine Frau habe schließlich gesagt: „Mach das nochmal!“ Zum Schluss müsse man die Entscheidung aber selber treffen. Von der Frage des Alters – Kretschmann wird im Wahljahr 73 – sei er abgekommen. „Das Entscheidende ist, ob man dem Amt geistig und körperlich gewachsen ist.“ Und ob man noch neugierig sei. All das könne er von sich sagen.

Seine persönliche Entscheidung ist natürlich hochpolitisch. Viele Abgeordnete wissen, dass sie ihr Direktmandat nicht so sehr eigener Stärke, sondern dem 2016er Wahlkampf-Slogan „Grün wählen für Kretschmann“ zu verdanken haben. Die Ergebnisse der Landtagswahl 2016, als die Grünen mit dem Superrealo an der Spitze 30,3 Prozent erzielten, und der Europawahl 2019, als die Partei im Südwesten ohne Kretschmann-Bonus auf 23,3 Prozent kam, zeigen den Unterschied: Mit dem eigenwilligen Oberschwaben haben die Grünen die CDU hinter sich gelassen. Als er nicht zur Wahl stand aber nicht.

Alles andere als die Entscheidung weiterzumachen, hätte die Grünen auch deshalb in Nöte gestürzt, weil sich keine Kandidatin, kein Kandidat aufgedrängt hätte. Der einzige, dem viele zugetraut hätten, auf die Schnelle einzuspringen, Cem Özdemir, hatte erst am Wochenende seine Kandidatur für den Vorsitz der Bundestagsfraktion erklärt.

Nun also Kretschmann zum Dritten. Die Bekanntgabe haben die Grünen hochprofessionell vorbereitet. Um 10.22 Uhr, eine gute halbe Stunde vor der Pressekonferenz, verbreitet der Landesverband die Entscheidung in den sozialen Medien; Abgeordnete, Kreisverbände, Mitglieder teilen die Botschaft im Eiltempo, bevor die politische Konkurrenz oder die Medien sie kommentieren können. Die Partei setzt schon mal ein erstes Ausrufezeichen für den Wahlkampf 2021.

Dass der kein Selbstläufer wird, betont Kretschmann selbst. „Das ist kein Spaziergang, ich habe ja nichts gepachtet.“ Eisenmann sei eine respektable Gegenkandidatin. „Ein Wahlkampf ist ein Kampf – und der wird nicht so soft sein, wenn ich mir die Debatten so anschaue.“ Wenn die CDU sein Alter zum Thema machen wolle, sei das legitim. „Ob es klug ist, ist eine andere Frage.“ Das von manchen Medien gewählte Etikett Landesgroßvater finde er aber „bescheuert“.

Politisch begründet er seinen Entschluss damit, dass er das Vertrauen, das er in der Bevölkerung genieße, in die Waagschale werfen wolle, um die Herausforderungen zu steuern. „Wir leben in dramatischen Zeiten.“ Das gelte für den Klimawandel, aber auch für den Wandel in der Kernindustrie des Landes, der Automobilbranche. „Es wird nicht ohne Zumutungen gehen.“ Er glaube nicht, dass man auf die Herausforderungen des Klimawandels nur mit Anreizen und soften Vorschriften reagieren könne.

Die Tonlage überrascht etwas. Der Superrealo steht für eine grüne Politik, die auf Ausgleich bedacht ist – nicht zuletzt mit der Autoindustrie. Bewusst hat er sich den Slogan von Erwin Teufel, dem letzten CDU-Regierungschef mit Landesvater-Image von „Maß und Mitte“ zu eigen gemacht. Auf Nachfrage sagt Kretschmann, dass Zumutungen „natürlich zumutbar“ sein müssten. „Jetzt muss keiner befürchten, dass ich Blut-Schweiß-und Tränen-Reden halten werde.“ Was denn das Neue sein werde, wenn er 2021 wieder gewählt werde, wird er noch gefragt. „Das Neue ist, dass das Alte endlich durchgesetzt wird.“
© Südwest Presse 13.09.2019 07:45
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